„Clankriminalität“ im Fokus

„Räderwerk“ im Heidekreis: Polizei, Kreis, Kommunen und Behörden wollen im Kampf gegen „Clankriminalität“ enger zusammenarbeiten.

„Clankriminalität“ im Fokus

Eine Schlägerei zwischen Gruppen aus Soltau und Munster mit mehr als zwei Dutzend Beteiligten auf dem Bahnhof in der Örtzestadt, Tumulte am Walsroder Krankenhaus, vor dem sich lautstark Angehörige zweier Familien stritten, Auseinandersetzungen vor und in einer Walsroder Discothek. Meldungen wie diese sorgen für Beunruhigung in der Bevölkerung, wirken sich auf das Sicherheitsempfinden der Bürger aus. Aber auch ein Rockerclub und junge Leute, die bündelweise Bargeld in der Tasche haben und Luxusautos fahren, sind Thema im Heidekreis. „Die Menschen beunruhigt das eine oder andere“, weiß Stefan Sengel, Leiter der Polizeiinspektion Heidekreis. Deshalb will die Polizei in Kooperation mit verschiedenen Behörden und Entscheidungsträgern gegensteuern und hat dazu eine besondere Aufbauorganisation (BAO) ins Leben gerufen. Weil in diesem Netzwerk ein Rad in das andere greifen soll, heißt das Ganze „Räderwerk“. Im Mittelpunkt steht „die konsequente Bekämpfung krimineller Rocker- und Familienstrukturen.“

Am vergangenen Freitag stellten Sengel und Vertreter des Landkreises, der Kommunen sowie beteiligter Behörden die BAO „Räderwerk“ der Öffentlichkeit vor. „Die Polizeiinspektion Heidekreis ist mit der Entwicklung des Räderwerks ein Leuchtturm in der Region und damit beispielhaft für andere Polizeiinspektionen im Direktionsbereich“, so der Präsident der Polizeidirektion Lüneburg, Thomas Ring, zum Stellenwert der Kooperation. Dementsprechend groß war das Medieninteresse: Neben Vertretern der schreibenden Zunft waren auch Fernsehteams beim Pressegespräch im Bad Fallingbosteler Kreishaus vor Ort, um zu berichten.

Landrat Manfred Ostermann machte deutlich, daß Polizeiinspektion Heidekreis, Landkreis sowie Städte und Gemeinden bereits im Jahr 2013 die Sicherheitspartnerschaft „Rocker“ ins Leben gerufen hätten. Diese sei nun um das Thema „Clankriminalität“ erweitert worden. „Es geht um das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung. Sie soll sehen, daß wir das Thema sehr ernst nehmen und niederschwellig bekämpfen wollen“, so Ostermann. Involviert sind neben den bereits genannten noch zahlreiche weitere Kooperationspartner: Der gemeindefreie Bezirk Osterheide, das Hauptzollamt Hannover, das Zollfahndungsamt Hannover, das Landes-kriminalamt Niedersachsen, die Bundespolizei, das Finanzamt Soltau, das Finanzamt für Fahndung und Strafsachen Lüneburg, die Zentrale Kriminalinspektion Lüneburg, die Zentrale Polizeidirektion Hannover, die Polizeiakademie Niedersachsen, die Polizeidirektion Lüneburg, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sowie die Landesaufnahmebehörde (LAB).

Neben Körperverletzungen im öffentlichen Raum gibt es die verschiedensten Delikte, die Angehörigen der „Zielgruppe“ zugeordnet werden - unter anderem Totschlag und versuchter Totschlag, Brandstiftungen, Geldwäsche, Schmuggel, Betrug, Bedrohung, Sachbeschädigungen, bandenmäßiger Diebstahl und Wohnungseinbruchdiebstahl, Betäubungsmittelbesitz und -handel. Es falle auf, erläuterte Sengel, „daß spätestens vor Gericht bei bestimmten Gruppierungen Erinnerungslücken entstehen.“

Aktuell gebe es wieder verstärkt Taten der sogenannten „Planenschlitzer“, die es auf Lkw-Ladungen abgesehen hätten. Sengel erinnerte an die im Jahr 2017 auf ein Sonnenstudio in Walsrode abgegebenen Schüsse und sprach von brennenden Friseursalons in Celle und Walsrode. Apropos Friseursalons: Natürlich wundere sich die Bevölkerung, wenn in wenigen Wochen ein Friseursalon nach dem anderen aufmache, „denn soviel mehr Haare sind es ja nicht geworden. Da fragt sich der eine oder andere schon, was da los ist“, betonte der PI-Leiter. Getuschelt werde auch über vermeintlich Arbeitslose, die eine Immobilie nach der anderen kauften. Wenn Gespräche über solche und ähnliche Fälle zunehmend die Runde machten, „dann ist es sinnvoll, hier das Licht anzumachen“, meinte Sengel.

Dabei sei ein ganzheitlicher, behördenübergreifender Ansatz notwendig. Ein gutes Miteinander der Behörden und Entscheidungsträger gebe es bereits seit längerem im Bereich des Veranstaltungsmanagements im Heidekreis. Vernetzung und Kooperation hätten sich auch in der Sicherheitspartnerschaft „Rocker“ bewährt, ebenso im Ankunftszentrum in Bad Fallingbostel. Auch in letzterem hätten sich alle Beteiligten stets abgestimmt und ergänzt „und so eine sehr erfolgreiche Linie gefunden.“

Was die Bekämpfung der Clankriminalität angehe, so sei es erklärtes Ziel, durch einen ganzheitlich erhöhten Kontrolldruck, unter Einbindung aller Kooperationspartner, eine nachhaltige Beeinträchtigung aller kriminellen Aktivitäten zu erreichen und die Entdeckungswahrscheinlichkeit zu steigern. Dies solle durch ein konsequentes, niedrigschwelliges Einschreiten auch bei geringen Regelverstößen unter Ausschöpfung aller rechtlichen Möglichkeiten erfolgen. „Uns ist egal, ob es um Clanmitglieder, Gangs oder Rechtsradikale geht - wir wollen verhindern, daß Parallelwelten entstehen. Denn sonst ist es vorbei mit der Integration“, unterstrich der PI-Leiter. Er betonte in diesem Zusammenhang aber auch, daß es keinen Generalverdacht bezüglich bestimmter Personen oder Gruppen geben dürfe. Ob die im Heidekreis auffälligen Täter aus den bundesweit bekannten Großfamilien stammten, ließ Sengel offen. Es gebe Gruppierungen, die in alle Richtungen Verbindungen hätten, sagte er. Der Heidekreis befinde sich mitten im Städtedreieck - und auch von Berlin aus sei er recht schnell zu erreichen. „Organisierte Kriminalität ist auch ein Problem auf dem flachen Lande, das müssen wir uns eingestehen. Das Thema haben wir schon seit Jahren auf der Agenda, aber es ist schwierig, in die Strukturen hineinzuschauen“, hob Matthias Oltersdorf, Vizepräsident der Polizeidirektion Lüneburg, hervor. PI-Chef Sengel glaubt aber, „daß der Zug noch nicht abgefahren ist. Wir haben die große Hoffnung, noch vor der Welle zu sein. Wir sind sehr wachsam.“ Im Rechtsstaat gebe es genug Gesetze, um gegen kriminelle Strukturen vorzugehen. Dazu müßten sich die Behörden verstärkt untereinander austauschen und „netzwerken“. „Wir wollen keine Datenfriedhöfe schaffen, sondern Ressourcen und Ideen bündeln“, unterstrich Sengel. Und weiter: „Es ist wichtig, daß die, die an einem Fall dran sind, wissen, wen sie anrufen können. In unseren ersten Besprechungen hatten wir reichlich Aha-Erlebnisse, was es für gesetzliche Möglichkeiten in den verschiedenen Behörden gibt.“

Jede Behörde bleibt dabei in ihrem Zuständigkeitsbereich, zum Beispiel das Finanzamt: „Wir fragen nicht nach Ethnie oder Ehre. Uns interessieren Steuererklärungsfristen. Wir wollen keine steuerliche Schattenwelt, sondern wollen wissen, was passiert - im Rahmen der geltenden Gesetze“, betonte zum Beispiel der Leiter des Soltauer Finanzamtes, Jörg Zimmermann.

Die BAO „Räderwerk“ wird zunächst für ein Jahr eingerichtet. Falls die Kooperation nicht schon zuvor in die alltägliche Arbeit übernommen wird, soll das Ganze nach einem Jahr evaluiert werden. In diesem Fall entscheiden danach alle Beteiligten gemeinsam über eine Fortsetzung.

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