„Es zeichnet sich eine Zeit des Mangels ab“

Durchwachsene Bilanz der Landwirte nach weiterem „Trockensommer“ / Erntekrone im Foyer der Kreisverwaltung übergeben

„Es zeichnet sich eine Zeit des Mangels ab“

Seit der vergangenen Woche ziert die von den hiesigen Landfrauen kunstvoll gestaltete Erntekrone das Foyer der Kreisverwaltung in Bad Fallingbostel. Der Übergabetermin – in diesem Jahr erstmals im Vorfeld der Kreisausschusssitzung – stand in den vergangenen Jahren in Zeiten des Überflusses möglicherweise mehr für Traditionspflege als für Tragweite. Doch das Brauchtum hat wieder mehr an Bedeutung gewonnen: Die Erntekrone sei ein Symbol, meint Jochen Oestmann, aber im Grunde noch viel mehr als das, so der Vorsitzende des Kreislandvolks: „Sie steht dafür, dass die Worte ‚unser täglich Brot‘ wieder an Bedeutung gewonnen haben.“ Denn während es jenen in hiesigen Breiten noch relativ gut gehe, sehe das für viele in anderen Ländern ganz anders aus, erinnert Oestmann an die zahlreichen Krisen auf der Welt. Eine globale Krise, nämlich der Klimawandel, sei aber auch schon hier zu spüren: „Wir haben in fünf Jahren den vierten ‚Trockensommer‘ erlebt“, das habe sich „auch auf das Ernteergebnis 2022 ausgewirkt“, zieht der Kreislandwirt eine durchwachsene Bilanz für die Saison.

„Ist so eine Erntekrone noch zeitgemäß?“ Diese Frage stellt der Kreisvorsitzende des Landvolks zu Beginn des Übergabetermins in den Raum – und gibt auch gleich die Antwort: „Ich finde ja, sie gehört einfach dazu. Da bin ich Traditionalist.“ Und die diesjährige Erntekrone, zusammen mit anderen Gaben der Landwirtschaft arrangiert auf einem historischen Handwagen, sei zudem „besonders prächtig“, lobt Oestmann den Einsatz der Landfrauen. „Die Krone wurde mit viel Aufwand gestaltet. Ohne die Landfrauen geht das nicht. Und mit diesen Händen“, blickt der Kreislandwirt auf seine eigenen, „wäre das nichts geworden.“

Die Landwirte haben mit ihren Händen – und natürlich auch mit ihren Maschinen – in der zurückliegenden Saison jedoch einiges geleistet. Oestmann blickt zurück: Trotz der Trockenheit und den damit verbundenen Befürchtungen sei die Getreideernte bei Roggen, Weizen und Gerste „besser ausgefallen, als gedacht.“ Man habe sogar „schwarze Zahlen“ schreiben können, so der Kreislandwirt, „das ist aber vor allem eine Folge der starken Preissteigerungen.“

Weniger rosig sehe es bei der Ernte der sogenannten Hackfrüchte aus, also vor allem bei Rüben und Kartoffeln, aber auch beim Mais: „Hier lagen die Erträge zum Teil bei nur 50 Prozent“, so der Kreislandwirt, und nennt als Grund unter anderem die Trockenheit. „So haben nun die Milchviehhalter Sorge bei der Futterversorgung für ihre Tiere.“ Diese Futterknappheit weite sich laut Oestmann ebenso aus auf die sogenannte Grünland-Ernte, etwa für die Versorgung mit Heu: „Hier waren die Erwartungen anfangs noch recht gut, dann ist hier vieles vertrocknet.“ Unterdurchschnittlich sei die Ernte zudem bei den weiteren Feldfrüchten ausgefallen. Sorge bereite ihm außerdem, dass die zusätzlichen Kosten für die Landwirte beispielsweise für Energie, Dünger, Transport und Ersatzteile enorm gestiegen sein.

Das Resümee des Kreislandwirts: „Die Erntekrone sagt als Symbol auch aus: Wir haben von allem genug – jedenfalls noch. Aber es zeichnet sich eine Zeit des Mangels ab.“ Zudem habe die Landwirtschaft in den Köpfen vieler offenbar die Rolle als Ernährer eingebüßt: „Nicht wenige sehen uns eher so, dass wir für ein ‚angenehmes Umfeld‘ sorgen, dabei den Verbraucher bitte aber nicht weiter stören sollten.“

Auch Landrat Jens Grote bedauert: „Es ist leider aus dem Blickfeld gerückt, welches Glück wir haben, in einer Gesellschaft zu leben, in der keiner hungern muss.“ Woher die Nahrung komme, scheine heute für viele wenig greifbar, meint Grote: „Wir müssen es wieder in die Köpfe kriegen, dass Landwirtschaft und Lebensmittel zu produzieren nicht selbstverständlich ist.“

Logo