Fronten waren schon vorher klar

Erdgasbohrung: „Es wird 100prozentige politische Begleitung geben“

Fronten waren schon vorher klar

Abgesehen von ein paar wenigen Zwischenrufen verlief sie ruhig und in geregelten Bahnen - die Podiumsdiskussion, zu der das Aktionsbündnis gegen Gasbohren Bad Fallingbostel eingeladen hatte: Am vergangenen Mittwoch hatten sich hochkarätige Gäste im Kursaal Bad Fallingbostel eingefunden, um ihre Ansicht zum Thema „Energiewende - benötigen wir noch das letzte bisschen Erdgas aus der Region?“ deutlich zu machen. Dabei war eigentlich klar, wer auf welcher Seite steht, denn die Positionen haben sich im Laufe der vergangenen Monate nicht verändert.

Bevor Anja Kwijas von Radio Bremen die Moderation des Abends übernahm, sorgte Hans-Heinrich von Hofe vom Aktionsbündnis nicht nur für die Begrüßung des Publikums im vollbesetzten Kursaal. Er ließ auch noch einmal die vergangenen knapp zwei Jahre Revue passieren, in denen sich der Widerstand in der Bevölkerung gegen das Vorhaben von Vermilion Energy Germany formiert hat, in Dorfmark, Kroge, Oerbke und Bleckwedel (Visselhövede) Erdgasprobebohrungen zu starten. Mit Verweis auf die ebenfalls ablehnende Resolution etwa des Bad Fallingbosteler Rates oder des Kreistages Heidekreis sowie auf die im vergangenen Jahr gesammelten 16.000 Unterschriften meinte von Hofe: „Uns ist klar, dass alte Bohrungen nicht ohne weiteres zu stoppen sind. Aber hier will eine ganze Region neue Bohrungen verhindern.“

Umgetrieben werden die Bürgerinnen und Bürger dabei bekanntermaßen von Sorgen und Ängsten, die von Umweltschäden und Erdbeben bis hin zu möglichen gesundheitlichen Problemen reichen. So etwa die Häufung der Krebsfälle im Rotenburger Raum, deren Ursache und möglicher Zusammenhang mit der Erdgasförderung nach wie vor nicht geklärt werden konnte.

Bisherige Veränderungen durch die Landesregierung in Sachen Erdgasbohren reichten nicht aus, so von Hofe, der ausdrücklich den Einsatz der hiesigen Landtagsabgeordneten lobte: „Viel wird vom Land auf den Bund verschoben - und von Berlin erwarte ich ein bisschen mehr.“ So habe das Aktionsbündnis derzeit eine Online-Petition in Planung, keine neuen Bohrgenehmigungen zu erteilen und das „verkrustete Bergrecht“ zu überarbeiten.

Als Podiumsgast konnte Dr. Julia Verlinden die Position des Aktionsbündnisses „unterschreiben“. Die Bundestagsabgeordnete und energiepolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen: „Ich erwarte mehr von der Bundesregierung, damit das Erdgas im Boden bleibt.“ Die Nutzung dieses fossilen Brennstoffes sei schädlich für Umwelt und Gesundheit. Es müsse mehr für die Energiewende getan, der Ausstoß von Kohlendixoyd und Methan reduziert werden. Da die Energiewende langfristig vorbereitet werden müsse, empfahl Verlinden den Förderunternehmen, frühzeitig auf diesem Gebiet tätig zu werden statt Erdgas zu fördern.

Erwartungsgemäß vertrat da Dr. Jürgen Rückheim, Vermilion-Generalbevollmächtigter, eine andere Position. Zwar sei hiesiges Erdgas für die Versorgung nicht notwendig, lasse sich aber auf kurzem Wege zur Verfügung stellen: „Wir sind hier, um Erdgas zu suchen und gegebenenfalls auch zu fördern.“ Die angewandte Technik, die das Unternehmen sehr gut beherrsche, unterliege dabei hohen Sicherheitsstandards.

Unterstützung bekam Rückheim da von Dr. Ludwig Möhring, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG). Der meinte zwar, er sei sich einig mit Verlinden, dass ein konsequenter Klimaschutz vorangetrieben und dabei Energie möglichst CO2frei produziert werden müsse: „Erdgasproduzenten in Deutschland müssen sich mit diesem Anpassungsprozess auseinandersetzen.“ Auf dem langen Weg dorthin - der Anteil von Wind und Sonne am Gesamtenergieaufkommen liege derzeit bei sechs Prozent - „wird Erdgas aber noch über viele Jahre benötigt, auch wenn der Bedarf tendenziell sinkt.“ Dabei habe hier gefördertes Erdgas eine bessere CO2-Bilanz als anderes.

Ob da das letzte bisschen Gas noch gefördert werden müsse, „ist eine Frage an die Politik“, meinte Andreas Sikorski, Präsident des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie (Bergamt, LBEG). Seine Behörde habe sich da an der Rechtslage zu orientieren. Indes: „Als Bergbehörde nehmen wir die Bedenken der Bevölkerung sehr ernst.“ So habe das LEBG zwei Jahre lang Förderplätze untersucht, „denn um Fragen und Sorgen aufzugreifen, brauchen wir belastbare Daten. Allein auf Verdacht können wir nicht tätig werden.“

Was die Probebohrungen angeht, vertrat Lars Klingbeil, hiesiger Bundestagsbageordneter und SPD-Generalsekretär, seine bekannte Position. Er forderte Änderungen im Bergrecht: „Wir brauchen auch Regeln ‚für unter der Erde‘.“ Zunächst einmal aber wünsche er sich ein Moratorium, also das Aussetzen dieser Bohrungen, bis die Ursache der Krebsfälle im Rotenburger Raum geklärt seien. Der niedersächsische Wirtschaftsminister könne das zwar nicht verordnen, dafür aber eine freiwillige Basis suchen. Klingbeil betonte dar­über hinaus: „Wir müssen dahinkommen, dass bei jeder Bohrung eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) Pflicht wird. Das würde die Situation befrieden, weil dann alle Fakten auf dem Tisch lägen, „aber dafür gibt es gerade keine politische Mehrheit.“

Was die Mehrheit im Kreistag von Erkundungsbohrungen hält, darauf verwies noch einmal Landrat Manfred Ostermann: Die ablehnende Resolution sei bei nur drei Gegenstimmen mit großer Mehrheit am 22. März 2019 verabschiedet worden. „Da gibt es aus Sicht des Landkreises kein Wenn und Aber.“ 2004 habe es im Heidekreis ein - ungeklärtes - Erdbeben gegeben, und auch die genannten Krebsfälle seien ungeklärt: „Deshalb sagen wir: Wir wollen das hier nicht. Wir wollen eine UVP. Und wenn man die Befürchtungen ernst nimmt, dann gibt es nur eine Möglichkeit: auf das Bohren zu verzichten“, unterstrich der Landrat. Ostermann machte unmissverständlich klar, dass die Frage der Erkundungsbohrungen im Heidekreis vor allem auch eine politische sei, was die Besucher mit Applaus quittierten: „Es gibt im Heidekreis eine 100prozentige politische Begleitung des Themas - es wird nicht nur verwaltungsmäßig abgearbeitet. Und es wird zu keiner ausschließlich sachlichen Stellungnahme kommen.“

Nach den Statements der Podiumsteilnehmer konnten die Besucher im Saal ihre Frage loswerden. Und die nahmen, wie nicht anders zu erwarten, die deutsche Erdgasförderung im allgemeinen und im besonderen aufs Korn. Hier reichten die Themen vom Vorgehen von Vermilion gegen eine Pachtkündigung über Entschädigungen von Erdbebenschäden bis hin zu Bohrschlammproblematik und Anlagenrückbau.

Wie es mit den Vermilion-Vorhaben im Heidekreis weitergeht, muss sich, ungeachtet der Podiumsdiskussion, zeigen. Es ist etwas ruhiger darum geworden, was aber nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass das Unternehmen seine Pläne weiterverfolgt. So meinte Rückheim zum Stand der Dinge: „Wir sind noch im Genehmigungsverfahren. Durch die Diskussionen und die Kritik aus der Region liegen wir hinter unserem Zeitplan.“

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