„Gelebte Erinnerungskultur“

Enthüllung des Denkmals mit der Gedenktafel am Bahnhof Bad Fallingbostel

„Gelebte Erinnerungskultur“

Bereits 1999 wurde von der Stadt Bad Fallingbostel am dortigen Bahnhofsgebäude eine Gedenktafel angebracht, die an das Leiden und Sterben sowjetischer Kriegsgefangener im Lager Oerbke erinnert. Nachdem das Gebäude nicht mehr genutzt und veräußert wurde, ist diese Tafel jetzt zentraler Bestandteil eines neuen Denkmals. Das enthüllten am gestrigen Dienstag Bernhard Marx, der die Erinnerungsstätte auch gestaltet hat, Andrei Sharashkin, russischer Generalkonsul in Hamburg, und Karin Thorey, Bürgermeisterin von Bad Fallingbostel.

Rund 40 Interessierte begleiteten die Feierstunde - alles geladene Gäste, denn wegen der Corona-Auflagen war es nicht möglich, wie ursprünglich geplant, das Ereignis als öffentliche Veranstaltung über die Bühne gehen zu lassen. Doch der Bedeutung tat das keinen Abbruch. So unterstrich der Generalkonsul in seiner Rede, dass er emotional berührt von dem Denkmal sei. Er nahm dies außerdem zum Anlass, um auf das Schicksal seiner Familie im Zweiten Weltkrieg einzugehen: Auch sein Großvater sei zum Militär eingezogen worden - sein weiteres Schicksal: unbekannt. Also sei auch hier mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass er in deutsche Gefangenschaft geriet und in ein Kriegsgefangenenlager, wie jenes in Oerbke, verschleppt wurde. Es sei wichtig, , hob Sharashkin hervor, sich dafür einzusetzen, dass sich so etwas nie wiederholen könne. Er lobte die in Bad Fallingbostel „gelebte Erinnerungskultur“. So beteilige sich das Generalkonsulat auch am „Weg des Erinnerns“, den Schüler der Bad Fallingbostel Lieth-Oberschule jährlich am Buß- und Bettag vom Bahnhof zum „Friedhof der Namenlosen“ nach Oerbke gehen, um des Leidens und Sterbens der sowjetischen Kriegsgefangenen zu gedenken.

Auch die Bürgermeisterin erinnerte in ihrer Rede an das, „was nie in Vergessenheit geraten darf: Von diesem Bahnhof aus wurden ab Juli 1941 Zehntausende sowjetischer Kriegsgefangener nach oft wochenlangen Fußmärschen und Transporten in Viehwaggons in das Lager Oerbke (Stalag XI D/321) getrieben. Etwa 30.000 verhungerten, erfroren oder starben an Seuchen.“ So steht es auf der Gedenktafel - die Ereignisse dahinter sind kaum vorstellbares Leid: „Die sowjetischen Kriegsgefangenen wurden im Lager wie ‚Untermenschen‘ behandelt und einfach ihrem Schicksal überlassen. Nicht einmal Baracken gab es anfangs für sie. Mit ihren Essgeschirren mussten sich die Gefangenen Erdhöhlen graben, um ein wenig Schutz vor der Witterung zu finden. Sie wurden nicht erschossen oder in die Gaskammer geschickt, aber das Dahinsiechen, der Hunger und die Epidemien ließen ihnen kaum eine Überlebenschance“, so Thorey.

Bewusst sei für die Enthüllung des Denkmals der 1. September ausgewählt worden, betont die Bürgermeisterin, „an dem vor 81 Jahren mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg begann. 60 Millionen Menschen ließen in den Kriegshandlungen ihr Leben oder wurden wegen ihrer Religion, ihrer Nationalität, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer politischen Haltung umgebracht.“

Thorey ging außerdem noch auf die Entstehung der Erinnerungsstätte ein: „Gedenktafel und Denkmal zeichnet es aus, dass für sie nicht nur die Initiative von Bad Fallingbostelern ausging, sondern auch Entwurf und Realisierung in heimischen Händen lagen. Bernhard Marx, 1999 und heute Ratsherr der Stadt Bad Fallingbostel, entwarf die Tafel und gemeinsam mit dem ‚Eisenbieger‘ Hans Germer das Denkmal. Der städtische Bauhof setzte die Pläne um.“ Und weiter: „Auch die lokale Politik steht zu diesem Erinnerungsort. Sowohl die Stadt Bad Fallingbostel wie auch der Gemeindefreie Bezirk Osterheide bekennen sich zu ihrer Verantwortung und engagieren sich für Versöhnung. Gerade in einer Zeit, in der der Rechtsradikalismus erstarkt und vor Gewalt und Attentaten keinen Halt macht, ist dies notwendig. Wir schulden es den sowjetischen Kriegsgefangenen, uns für Menschenwürde und ein friedliches Miteinander der Völker einzusetzen.“

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