Oestmann: „Die Bauern sind zur Zeit beängstigend ruhig“

Traditioneller Termin: Erntekrone im Kreishaus Bad Fallingbostel aufgestellt / Vertreter der Landfrauen und Landwirtschaft sprechen über Entwicklungen, Energiekostenerhöhungen, Ernte und ernste Probleme

Oestmann: „Die Bauern sind zur Zeit beängstigend ruhig“

Ähren, Kürbisse und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse - alles kunstvoll arrangiert - schmücken aktuell die Innenstädte, und an vielen Ortseingängen symbolisieren die großen Strohballenfiguren: Die Erntezeit ist gekommen. Im Kreishaus in Bad Fallingbostel hat ein ganz neues „Dekorationselement“ Einzug in die Erntekrone gehalten: Neben Korn, Kohl und Kartoffeln findet sich eine ganze Reihe dicker Aktenordner in dem historischen Bollerwagen. Beschriftet mit Punkten wie „Düngeverordnung“, „Tierwohl“, „Nährstoffvergleich“ oder „Wasserschutzgebiet“ sollen sie die Bürokratie symbolisieren, mit denen sich Bauern heute beschäftigen müssen. „Auf den Ordnern stehen ‚heiße Themen‘, die den Landkreis und die Landwirte bewegen werden“, so Claudia Schiesgeries. Die stellvertretende Landrätin begrüßt bei der Aufstellung der Erntekrone am heutigen Montag zahlreiche Gäste im Kreishaus. Vertreter aus den Reihen der Landfrauen und Landwirtschaft nutzen den traditionellen Termin, um über Ernte und Entwicklungen zu sprechen.

Entscheidend für eine gute Ernte ist nicht zuletzt auch das Wetter. Und das war in diesem Jahr durchaus durchwachsen: „Erst sah es gut aus, dann wurde es zu heiß“, fasst Schiesgeries zusammen. Später in der Saison war es dann eher nass und kühl: „Der Klimawandel ist auch bei uns in vollem Gange“, meint die stellvertretende Landrätin. Einen Wandel anderer Art habe sie jedoch auch beobachten können: „Mir ist in diesem Jahr aufgefallen, dass es so viele Schmetterlinge gab, wie schon lange nicht mehr. Vielleicht tragen die Blühstreifen mittlerweile ‚Früchte‘.“

Echte Früchte sowie Gemüse, Getreide und viele andere Erzeugnisse habe die Landwirtschaft auch in diesem Jahr produziert, weiß Edith Schröder - doch, so die 1. Vorsitzende des Landfrauen-Kreisverbandes Soltau, „wir haben die Wertschätzung für das verloren, was uns satt macht.“ Erntedank - darin stecke nun einmal auch das Wort Dank, „aber können wir überhaupt noch dankbar sein, wenn heute Grundbedürfnisse - wie etwa Essen - bei vielen so sehr in den Hintergrund gerückt sind?“ Außerdem finde sich in der Regalen der Supermärkte fast nur makelloses Obst und Gemüse - Produkte mit „Fehlern“ landeten noch zu oft „in der Tonne“, beklagt die Landfrauenvorsitzende. „Unsere Erntekrone soll ebenso für Vielfalt stehen. Daher haben wir bewusst auch kleine oder ‚krumme‘ Kartoffeln verwendet, Knollen mit ‚Stellen‘, die so gar nicht erst in den Handel kommen würden“, meint Schröder. Ihr Wunsch: „Weniger Lebensmittel verschwenden.“ Um den Wert der Lebensmittel sowie deren Verwendung wieder in den Fokus zu rücken, sei die junge Generation gefordert: „Alltagskompetenz als Schulfach wäre hierbei ein guter Weg.“

„Büffeln“ und am Schreibtisch sitzen, das habe hingegen bei den Landwirten Überhand genommen: Die Aktenordner unter der Erntekrone, erklärt die Landfrauenvorsitzende, „stehen für die vielen Anträge und Kontrollen.“ Man müsse hier Maß halten, dem Landwirt Zeit für Feld und Tier geben und nicht nur fürs Büro, appelliert Schröder.

Draußen auf den Feldern gebe es in diesem Jahr vor allem beim Maisanbau Grund zur Freude, erläutert Jochen Oestmann: „Beim Mais ist die Ernte so gut wie schon lange nicht mehr“, meint der Kreislandwirt. Das wirke auch der Futtermittelknappheit entgegen. Bei Kartoffeln und Rüben sei die Ernte noch in vollem Gange. Die stetig steigenden Preise beim Getreide ließen manche Erzeuger zwar „gar nicht mehr aufhören, zu grinsen“, so Oestmann, doch durch enorme Kostensteigerungen bliebe vor allem den Viehhaltern das Lachen im Halse stecken. Das betreffe nicht allein die Preise für Futtermittel, sondern vor allem für Strom und Heizung. „In der Summe leiden die Betroffenen enorm unter den Energiekostenerhöhungen.“ Explodierende Preise treffen besonders bei einer Gruppe auf geringe Gewinne: „Bei den Schweinehaltern ist die wirtschaftliche Lage so katastrophal, da gehen mir die Adjektive aus“, mahnt Oestmann.

Er beobachte insgesamt gesehen eine hohe Frustration unter den Kollegen: „Da spielen sich teilweise große Dramen ab, stehen Existenzen auf der Kippe, sind über Generationen gehaltene Betriebe in Gefahr.“ Und hätten die Landwirte bei Missständen früher ihrem Ärger durchaus mit Trecker-Demos oder anderen Aktionen Luft gemacht, „so sind die Bauern zur Zeit beängstigend ruhig“, findet der Kreislandwirt.

„Wir müssen uns fragen: Was für eine Landwirtschaft wollen wir uns in Deutschland leisten und was sind wir bereit, dafür zu zahlen.“ Nicht alle Erträge ließen sich in Tonnen und Kilogramm messen, Landwirtschaft bekomme immer stärker einen „multifunktionalen Charakter“, so Oestmann. „Doch für die Ware im Regal gilt: Am Ende wird immer ein Preisschild darauf kleben.“

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