„Wir sollten mehr füreinander da sein“

52-jähriger Behringer Nicolai Welke reist knapp 5.000 Kilometer, um in Europa für sozialen Frieden zu werben

„Wir sollten mehr füreinander da sein“

Sie ist tief gespalten, die Gesellschaft. Die Corona-Krise hat für einen heftigen Riss gesorgt. Vielerorts gibt es Proteste gegen die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie, aber auch Demonstrationen dafür. Zunehmend heißt es „Wir gegen die, die gegen uns.“ Freundschaften zerbrechen, selbst in manchen Familien gibt es heiße Debatten. Das ist äußerst schmerzlich, schlimmer noch, besorgniserregend. Lassen sich die Gräben wieder zuschütten? Und dann sind da noch die Ukraine-Krise und finanzielle Sorgen, zumal die Preise für Benzin, Gas und Strom geradezu explodieren. Immer mehr Menschen in Deutschland sind verunsichert, haben Zukunftsängste. Klimawandel, Pflegenotstand, Altersarmut, Fachkräftemangel, Migration - die Liste der Themen, die auf den Nägeln brennen, scheint immer länger zu werden. Die aktuellen Entwicklungen treiben auch den 52-jährigen Nikolai Welke um. Mit einer außergewöhnlichen Tour möchte er deshalb, wie er sagt, „für den sozialen Frieden werben.“ Das, was der Behringer vorhat, stellte er am vergangenen Donnerstag in einem Pressegespräch in Bispingen vor.

„Für den Klimaschutz gehen Tausende von Menschen weltweit auf die Straße. Aber wie sieht es mit dem sozialen Frieden in Europa aus? Wir sollten wieder mehr füreinander da sein, sollten uns in Notsituationen gegenseitig helfen, nicht alleingelassen fühlen,“ betont Welke. In Zeiten, in denen verstärkt die Ellenbogen ausgefahren werden, in denen Solidarität und Empathie nicht nur im eigentlichen Sinne Fremdwörter sind, möchte der Familienvater ein Zeichen setzen und sich „für ein soziales Deutschland und Völkerverständigung“ einsetzen.

Am kommenden Mittwoch will Welke um 15.17 Uhr am Bahnhof in Wintermoor in den Zug steigen, um von der beschaulichen Ortschaft aus in ein ganz besonderes Abenteuer zu starten. In 86 Tagen geht es, die Siebensachen im rollbaren Trolley, zwar nicht um die Welt, aber mit Bus und Bahn über grenz- und küstennahe Städte durch Deutschland, wobei der Behringer bei der Ausarbeitung der Tour Abstecher in die neun Nachbarländer eingeplant hat. Vorgesehen sind also Besuche der Länder Dänemark, Polen, Tschechien, Österreich, Schweiz sowie Frankreich, Belgien, Luxemburg und Niederlande. „Jeden Tag geht es in eine andere Stadt“, erklärt der „Grenzgänger“ des SoVD. Erste Station der langen Reise werde Buchholz/Nordheide sein, letzte, wenn alles nach Plan laufe, am 13. Mai Buxtehude.

Welke ist verheiratet und Vater zweier Töchter. Er ist im SoVD-Ortsverband Behringen als Kassenprüfer engagiert und auch darüber hinaus ehrenamtlich aktiv. Eine Reise dieser Art hat er bereits seit Mitte der 1990er Jahre im Kopf. Diesen Traum konnte er sich bislang jedoch nicht erfüllen. Im November 2009 erlitt er einen Schlaganfall, der eine halbseitige Lähmung zur Folge hatte. Seitdem ist der Behringer krankheitsbedingt frühverrentet. „Nach dem Schlaganfall lag ich zehn Tage im künstlichen Koma. Ich war im Tal der Finsternis, aber ich habe mich auf den Rückweg begeben“, so der 52-Jährige. Das, was er in dieser Situation erlebte, hat ihn dazu bewogen, sich im Jahr 2018 taufen zu lassen. Mit seiner Aktion möchte er nun, wie er betont, „auch etwas Gutes für die Kirche tun.“ Deshalb wolle er in den Städten, die er besuche, bei evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden Station machen und einen Gruß der Bispinger St.-Antonius-Gemeinde weitertragen. „Aktuell wird sehr viel Negatives über die Kirche berichtet“, so Welke. Dabei gerate aber das Wesentliche, nämlich der christliche Ansatz, das Miteinander, bedauerlicherweise in den Hintergrund. Und weil ihm darüber hinaus die Völkerverständigung am Herzen liegt, wird der Heidjer im Verlauf seiner Tour über den Verein „5x Behringen international“ berichten, sei dieser doch „ein Musterbeispiel für die Völkerverständigung.“ Darüber hinaus möchte er in vielen Gesprächen auch anhand des eingetragenen Vereins „Bispingen für Kinder“ aufzeigen, „wie Wohlfahrt auf kommunaler Ebene funktionieren kann.“ Verbinden wird er seinen Europa-Trip zudem mit einem Spendenaufruf für die Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe. Außerdem hat sich der Behringer vorgenommen, unterwegs zahlreiche SoVD-Ortsverbände zu besuchen. Angedacht ist unter anderem ein Abstecher zur SoVD-Bundesgeschäftsstelle in Berlin, wo es voraussichtlich ein Treffen mit der Vizepräsidentin des Bundesverbandes geben wird.

Im Zuge der Planung der Route hat Welke unzählige E-Mails verschickt, um Termine für Treffen abzustimmen. Er hofft auf viele interessante und spannende Gespräche im In- und Ausland. Schließlich kenne das Thema soziale Gerechtigkeit keine Grenzen. „Ich bin ein sozial engagierter Mensch und möchte mit der Aktion das Augenmerk auf den Sozialverband Deutschland lenken, möchte überall deutlich machen, wofür er steht und was er macht“, berichtet Welke. Aber auch über Themen wie die Bürgerversicherung und ein faires Rentensystem will er sprechen. „Die Niederlande haben das beste Rentensystem in Europa. Ich frage mich, warum man in Deutschland immerzu versucht, das Rad neu zu erfinden, wenn es in anderen Ländern bereits Regelungen gibt, die sehr gut funktionieren“, so der Heidjer. Welke hofft zudem, dass möglichst viele Medien über seine Reise berichten, damit sein Anliegen über die Grenzen hinweg Gehör findet.

Aber auch er selbst wird zum „Reiseberichterstatter“: Auf Facebook will er unter dem Namen „Grenzonaut“ eine eigene Seite einrichten und über diese alle Interessierten auf dem Laufenden halten. „Ich werde dort Fotos und Berichte einstellen, außerdem habe ich mir vorgenommen, ein Reisetagebuch zu führen“, erklärt das SoVD-Mitglied. Für den Namen „Grenzonaut“, eine Mischung aus Grenze und Astronaut, habe er sich entschieden, weil er einerseits Grenzen überschreiten werde, andererseits aber auch, „weil ich weit weg von Zuhause sein werde und für mich fast alles Terra incognita sein wird.“

Im Rahmen seiner „Europatournee“ möchte der Behringer auch Verwandte und Bekannte besuchen, unter anderem seinen Onkel in der Nähe von Dresden. In Luxemburg werde er zudem Mitglieder des Vereins „5x Behringen international“ treffen. Als Highlight soll es im Rahmen der Tour auch hoch hinaus gehen, ist doch ein Besuch der Zugspitze geplant, dem Gipfel des höchsten deutschen Berges, den sich die Bundesrepublik mit den österreichischen Nachbarn teilt.

Wird es für ihn nicht schwierig, die Familie knapp 90 Tage nicht zu sehen? Sehr wahrscheinlich schon. „Ich weiß allerdings, wie es sich anfühlt, vier Monate nicht zu Hause zu sein. Nach meinem Schlaganfall war ich ein Vierteljahr im Krankenhaus“, so der Behringer: „Es ist aber nicht mein Ding, sich gehen zu lassen. Auch Mitleid nicht“, betont er. Er wolle mit seiner Aktion nicht zuletzt Vorbild sein, wolle aufzeigen, wie man sich nach einem Schicksalsschlag und mit körperlichen Einschränkungen „selbst wieder voranbringt.“ Welke: „Ich möchte ein Lichtblick sein in schwierigen Zeiten.“ Und aufgrund der Jahreszeit werde er „auch als Frühlingsbote unterwegs sein“, lacht der 52-Jährige.

Unterstützung erhält er unter anderem vom Vorsitzenden des SoVD-Kreisverbandes Jürgen Hestermann und von Kreisfrauensprecherin Annette Krämer, gleichzeitig Vertreterin des Landesverbandes. „Wir begrüßen diese eindrucksvolle Aktion“, sagt Hestermann. Und Krämer: „Ich finde das echt mutig.“ Der „Grenzonaut“ indes freut sich schon auf das Abenteuer: „Für mich geht ein Lebenswunsch in Erfüllung.“

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