„Eine emotionale Berg- und Talfahrt“

Bispinger Landfrauen helfen Ahrtal-Flutopfern und bitten um Spenden

„Eine emotionale Berg- und Talfahrt“

Die Flutkatastrophe vor gut zwei Monaten in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen mag kaum mehr Thema in den täglichen Nachrichten-Sendungen sein, das Elend vor Ort dagegen ist noch immer groß. Bewohner der betroffenen Regionen stehen vor dem Nichts, Aufräumarbeiten und Wiederaufbau ziehen sich hin, es mangelt an Baustoffen, Geld und vielem mehr. Im Landfrauenverein Bispingen besteht Einigkeit: „Wir wollen helfen.“ Ein 17-köpfiges Team machte sich deshalb kürzlich auf den Weg in Richtung Bad Neuenahr-Ahrweiler. Dort sowie in der näheren Umgebung half es nicht nur aktiv beim Aufräumen, es übergab auch erste Geldspenden.

Birthe Rüther, 1. Vorsitzende der Bispinger Landfrauen, liest regelmäßig die Facebook-Postings von Markus Wipperfürth aus Pulheim. Der Agrar-Ingenieur ruft dazu auf, in die von der Flutkatastrophe betroffene Region zu kommen und zu helfen. Rüther fühlte sich davon angesprochen, ja mehr noch: Sie brachte das Thema in den Landfrauenverein ein, sprach es offensiv in Bispingen an. Für insgesamt 15 Landfrauen sowie zwei Ehemänner habe daraufhin festgestanden: „Wir fahren hin!“

Bevor es losging, sammelten die Landfrauen Spenden und Hilfsmittel ein. Diverse Landfrauen hätten Geld gegeben, die Dachdeckerei Günter Bockelmann und das Autohaus Winkelmann leihweise je einen VW Bus, die Créperie Gerd Worthmann zur Leihe einen Ladeflächen-Bulli, Edeka-Ehlers Getränke für die Helfer, von der Bäckerei Schwichtenberg habe man belegte Brötchen für die Anreise sowie eine großzügige Kuchenspende fürs Helfer-Camp erhalten, Eisen-Meyer habe Baustoffe zur Verfügung gestellt, und dann sei da noch eine riesige Kleiderspende gewesen: „Center Parcs hat Kleidungs-Neuware im Wert von 7.500 Euro gespendet“, ist Rüther beeindruckt.

Die drei Fahrzeuge bis oben hin vollgepackt, machte sich das 17-köpfige Team daraufhin also auf ins Ahrtal. Ein Tag Hinfahrt, zwei Tage helfen, ein Tag Rückfahrt – die Bispinger hatten sich viel vorgenommen. „Ich hatte mich vorher an die Vorsitzende des Landfrauen-Kreisverbands Ahrweiler gewandt, sie meldete uns im Camp Leimersdorf an“, erzählt Rüther. Bei dem Camp handele es sich um ein Zeltlager, in welchem Helfer in Stockbetten übernachten können.

Nachdem die Bispinger die erste Nacht hinter sich hatten, ging es am ersten Einsatztag zunächst zum Helfer-Shuttle. „Dort gab es jegliche Ausrüstung wie Handschuhe, Gehörschutz, Werkzeug und Mückenspray“, schildert Rüther. „Unsere Aufgabe hieß: bei einer Frau namens Gabi Seidel in der Poststraße in Bad Neuenahr den Keller entkernen!“ Mit gemischten Gefühlen, aber voller Tatendrang seien die Bispinger sowie Helfer aus anderen Orten per Bus zu der ihnen bis dato unbekannten Frau gefahren. Wohl nie wird Birthe Rüther den Anblick vergessen, der sich ihnen dort bot: „Die ganze Poststraße lag voller Schutt und Dreck. In fast jedem Haus wurde geackert und mit schweren Geräten der Putz von den Wänden entfernt.“

Dass Flutopfer Gabi Seidel erst jetzt Hilfe zuteil wurde, habe seinen Grund: Seidel habe berichtet, dass sie sich, nachdem die Flut ihr Zuhause verwüstet hatte, zunächst sechs Wochen lang in einer Schockstarre befunden hatte – deshalb habe sie erst jetzt beim Helfer-Shuttle um Hilfe gebeten. Die Bispinger wussten, was zu tun ist: „Unsere Landfrauen haben stundenlang Eimer mit Schlamm geschleppt, sie haben Möbel, Bücher und vieles mehr aus den vier Kellerräumen getragen.“ Auch, so Rüther, hätten sie mit Bohrhämmern gearbeitet, nasse Glaswolle entfernt, dabei habe jeder den anderen unterstützt. Parallel dazu habe man bei einer anderen Familie Garten und Terrasse von einer harten Schlammschicht befreit.

Am darauffolgenden Tag, so Rüther, hätten die Bispinger und weitere Helfende sich die Parkanlage einer Wohnsiedlung an der Plantagenstraße vorgenommen. „Bei strahlendem Sonnenschein und 25 Grad haben wir mit circa 60 Personen die gesamten Vorgärten und die Ufer der Ahr gereinigt“, schildert die 1. Vorsitzende des Landfrauenvereins Bispingen, und 2. Landfrauen-Vorsitzende Ivonne Kuhle ergänzt: „Wir haben Holz abgetragen, gefegt, Kanten abgesteckt und vieles mehr.“ Klar, dass die Helfenden dabei ganz schön ins Schwitzen kamen.

Vor Ort im Ahrtal überreichten die Bispinger Landfrauen auch die mitgebrachten Spenden. Die vom Center Parcs gespendete Kleidung beispielsweise sei nach Heppingen, einen Stadtteil von Bad Neuenahr-Ahrweiler, gegangen, und zwar ins dortige Dorfgemeinschaftshaus, von wo aus die Kleidung an Anwohner verteilt werde.

Über Hans-Werner Helmrich, den Ehrenvorsitzenden der Bürgergesellschaft Hemmessen, bekamen die Bispinger Landfrauen Kontakt zu älteren Flutopfern, die bislang keine Hilfen erhalten hätten. An mehrere dieser Personen habe man daraufhin Spenden in Höhe von je circa 1.200 Euro überreicht, berichten Rüther und Kuhle. Das Geld solle als erste finanzielle Hilfsspritze dienen, beispielsweise für Lebensmittel, so Rüther.

Eine der Personen, die eine solche Geldspende erhielt, ist Maria Fischer. „Die Frau ist wirklich gebeutelt, geht da bitte hin!“, hatte Helmrich die Bispinger gebeten. Birthe Rüther fasst das Schicksal der Dame so zusammen: Die Seniorin leide unter Rheuma, benötige deshalb Wärme, sie könne aktuell jedoch nur kalt duschen, weil die Gas-Wasser-Therme zerstört sei, ihr Mann sei zudem frisch am Darm operiert; vier Wochen lang habe das Paar ohne Strom auskommen müssen, es finde weder Handwerker noch erhalte es vom Staat aktuell finanzielle Hilfe.

Für Birthe Rüther und Ivonne Kuhle stand vom ersten Moment an fest: Dieser Frau müsse ganz besonders geholfen werden, sie brauche rasch eine neue Gas-Wasser-Therme. Die 1.200 Euro sollen deshalb nur der Anfang gewesen sein. Um die Gas-Wasser-Therme anschaffen zu können, seien noch einmal 8.000 Euro nötig. Rüther und Kuhle appellieren an alle Menschen im Heidekreis, Geld zu spenden, damit die 8.000 Euro so schnell wie möglich zusammenkommen – wer etwas geben will, möge sich direkt mit Birthe Rüther in Verbindung setzen (siehe rechts).

Als hervorragend beschreiben Rüther und Kuhle übrigens den Zusammenhalt ihres Teams sowie der Helferschaft insgesamt und auch der betroffenen Anwohner. Innerhalb der Landfrauen-Gruppe habe man sich gegenseitig perfekt geholfen, abends in der Wohnsiedlung seien die Helfer zum Essen eingeladen worden, überhaupt hätten die Helfenden die ganze Zeit über frei Essen und Trinken erhalten. Mehr noch: Immer wieder sei es vorgekommen, so Kuhle, dass hupende Autos an einem vorbeifuhren – Anwohner seien das gewesen, ihr Hupen sei ein Zeichen des Dankes gewesen. Rüther ergänzt, dass viele Anwohner Herzchen als Zeichen der Dankbarkeit in ihre Haus- oder Wohnungsfenster gehängt hätten. Zurück in Bispingen, wird es wohl noch eine ganze Weile dauern, bis die Landfrauen ihre Eindrücke komplett verarbeitet haben. Birthe Rüther und Ivonne Kuhle sind gefühlsmäßig noch immer extrem aufgewühlt, die 1. Vorsitzende sagt: „Das war eine emotionale Berg- und Talfahrt“ - die Landfrauen hätten auf der einen Seite das große Elend gesehen und mitgelitten, auf der anderen Seite seien sie stolz auf das, was sie vor Ort alles geschafft haben.

Birthe Rüther denkt viel an die Menschen im Ahrtal und daran, wie wichtig es diesen gewesen sei, den Bispingern ihr Leid zu schildern: „Das sprudelte nur so aus denen heraus. Die haben alle ein Trauma.“ Was Rüther noch immer nicht fassen kann: „Die Bundeswehr ist dort in der Gegend überhaupt nicht zu sehen.“ Wären keine freiwilligen, ehrenamtlichen Helfer vor Ort, so Rüther, dann wären die Anwohner, insbesondere Senioren, komplett auf sich selbst gestellt. Der Politik wirft die Landfrau deshalb Versagen vor.

Der Helferin gehen ihre vielen Gedanken vor allem tagsüber durch den Kopf, anders sieht das bei 2. Vorsitzender Ivonne Kuhle aus: „Ich hatte die letzten Nächte Alpträume“, sagt sie und ergänzt, dass sie emotional auch jetzt immer noch immer an den Punkt komme, wo sie heulen könnte. Wörtlich sagt Kuhle: „Ich hatte es mir nicht so schlimm dort vorgestellt. Die Leute sind mega verzweifelt.“

Sowohl Birthe Rüther als auch Ivonne Kuhle sind dennoch froh, im Ahrtal gewesen zu sein. Jede Hilfe dort sei wichtig, das gelte auch für die kommenden Wochen und Monate. Das Camp Leimersdorf werde noch bis Ende des Jahres stehenbleiben und nicht nur Vereine oder sonstige Gruppen könnten hinfahren und helfen, auch Einzelpersonen seien als Helfer willkommen. Wer demnächst Urlaub habe, könne die freien Tage nutzen, um vor Ort im Ahrtal Hilfe zu leisten, empfiehlt Rüther. Bei Interesse vermittele sie gern Adressen und Kontakte.

Birthe Rüther ist es auch, welche Barspenden entgegennimmt, damit für Maria Fischer eine neue Gas-Wasser-Therme beschafft werden kann. Die 1. Vorsitzende des Landfrauenvereins Bispingen hofft, dass so 8.000 Euro an Spendengeldern zusammenkommen – und das möglichst schnell. Sie nimmt das Geld ganz bewusst persönlich entgegen – so lasse sich sicherstellen, dass das Geld zügig und zielgerichtet verwendet werde. Wer etwas geben kann und möchte, möge sich direkt bei Birthe Rüther melden, entweder telefonisch unter ihrer Handynummer (0171) 7079112 oder per Mail unter info@grevenhof.de.

Text und Foto (Aufnahme von Birthe Rüther und Ivonne Kuhle): Marcel Maack

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