Hilfsbereitschaft nimmt kein Ende

Erneut Spenden für Ahrtal-Bewohner – Bispingerin nahm Verwandte auf

Hilfsbereitschaft nimmt kein Ende

Birthe Rüther hat den Wagen wieder einmal vollgepackt bis unters Dach. Gemeinsam mit ihrem Mann Cord machte sich die 1. Vorsitzende des Landfrauenvereins Bispingen jetzt ein weiteres Mal auf den Weg ins Ahrtal, um Spenden an die Betroffenen der dortigen Hochwasser-Katastrophe zu übergeben. Diesmal mit im Gepäck hatte sie unter anderem Radiatoren, Weihnachtsdeko und Geld.

Es seien weiterhin Menschen aus dem Heidekreis an sie herangetreten und hätten für die Menschen im Ahrtal gespendet, berichtet Rüther und unterstreicht damit noch einmal den großen Erfolg der Spendenaktion, zu welcher die Bispinger Landfrauen aufgerufen hatten (HK berichtete). Mittlerweile hätten sich sogar weitere Landfrauenvereine der Aktion angeschlossen, sagt sie. Passend zur kalten Jahreszeit habe sie viele Radiatoren zur Verfügung gestellt bekommen, aber auch Weihnachtsdeko hätten Menschen bei ihr abgegeben. Erstere wärmen die Körper, letztere die Seele.

Rüther berichtet, dass viele Betroffene derzeit psychische Probleme hätten. „Gerade erst hat dort wieder jemand Suizid begangen“, sagt sie und betont dabei, dass Selbstmorde in der Katastrophenregion ein immer wiederkehrendes Thema seien.

Auch Rüthers Bekannte Lucia Weskamp bestätigt, dass viele Menschen im Ahrtal seelisch litten. Weskamp ist gebürtige Ahrtalerin, sie lebt jedoch seit 31 Jahren in Bispingen. Vier ihrer Geschwister seien von der Flutkatastrophe betroffen: Drei Brüder richteten ihre Häuser wieder her, das Haus einer Schwester dagegen habe abgerissen werden müssen, nachdem Wasser und Öl in die Wände eingedrungen war. „Wir haben keine menschlichen Verluste in der Familie, aber Freunde meiner Geschwister sind gestorben oder befinden sich jetzt in der Psychiatrie, weil sie mit der Situation nicht fertig werden“, schildert Weskamp.

Nach dem Hochwasser-Ausbruch im Sommer seien zunächst ihre Nichte und deren Tochter sowie kurz darauf ihre Schwester und deren Mann zu ihr nach Bispingen geflüchtet, erzählt Weskamp. In der Lüneburger Heide angekommen, habe Weskamps traumatisierter Schwager erst einmal gar nicht an sein Haus im Ahrtal denken mögen, und ihre Nichte habe ihr das Handy gegeben, um nicht ständig draufzugucken und die schrecklichen Nachrichten aus der Heimat zu lesen.

Über ihren Neffen berichtet Lucia Weskamp, dass dieser nach Hochwasser-Ausbruch bäuchlings auf einem Surfboard durch die Fluten gepaddelt sei, Menschen von den Dächern heruntergerufen und diese per Board in Sicherheit gebracht habe.

Da es dauere, bis die Menschen im Ahrtal ihre Häuser wiederaufgebaut haben, würden dort aktuell zahlreiche Tiny Houses, das sind ganz kleine Häuser auf Rädern, aufgestellt, berichtet Weskamp weiter.

Lucia Weskamp ist übrigens nicht nur nach der Flut in ihre alte Heimat gereist, sie war auch kurz vorher dort und hatte zu jenem Zeitpunkt noch gedacht: „Was hab ich doch für eine schöne Heimat!“

Jetzt ist im Westen Deutschlands alles anders: Noch immer sehe es dort katastrophal aus, noch immer sei das Leid groß – auch wenn in großen Nachrichtensendungen nahezu gar nicht mehr darüber berichtet wird. Zwar sei die Hilfsbereitschaft von Menschen aus dem In- und Ausland immens und die Ahrtal-Bewohner würden einander gegenseitig nach Kräften helfen, einige Menschen – Einwohner ebenso wie Fremde – hätten nach Ausbruch der Katastrophe jedoch ein sehr negatives Gesicht gezeigt. Weskamp und Rüther wissen beispielsweise von Plünderungen zu berichten sowie davon, dass sensationsgierige Menschen in die Gegend reisten, um mit dem Handy Fotos zu schießen. Lucia Weskamp sagt, sie habe nach Ausbruch der Katastrophe erst selbst ins Ahrtal fahren müssen, um deren wahres Ausmaß begreifen zu können: „Erst als ich dagewesen bin, hab ich gespürt: Das ist hier eine komplett andere Welt“, sagt sie und spricht nicht nur von zerstörten Häusern und Wohnungen, sondern auch von zerstörten Dorfgemeinschaften.

Birthe und Cord Rüther übergaben die mitgebrachten Spenden dieses Mal im Ort Walporzheim. Dass bis zuletzt so viele Geld- und Sachspenden von Heidekreis-Bewohnern eingegangen seien, findet die Landfrauen-Vorsitzende bewundernswert, und sie dankt jedem Spender von Herzen dafür.

Neben Spenden aus dem Heidekreis galt es aber auch Spenden aus anderen Gegenden Deutschlands zu übergeben: Und zwar hatte der Hützeler Maschinenbauer Klaus Pohlmann Geschäftspartner in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen angesprochen. „Nach fünf, sechs Anrufen waren 10.000 Euro zusammen“, sagt er und dankt auch diesen Spendern.

Birthe Rüther weiß, dass selbst jetzt noch Menschen helfen wollen – und weil die Not im Ahrtal nach wie vor groß ist, sei dies auch sehr wichtig. Sie empfiehlt allen Menschen, die etwas Gutes tun möchten, einen Blick auf die Webseiten www.verteilzentrumahrtal.de und www.facebook.com/Baustoffzelt zu werfen – dort könne sich jeder darüber informieren, wo welche Hilfe benötigt werde.

Text und Fotos: Marcel Maack

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