„Namen nicht vergessen“

Andacht für verstorbene Zwangsarbeiterkinder in Dorfmark

„Namen nicht vergessen“

Auch in diesem Jahr gab es am Ewigkeitssonntag wieder eine würdevolle Andacht am Gedenkstein für die 33 toten Kinder von Zwangsarbeiterinnen auf dem Dorfmarker Friedhof.

Vom Sommer 1944 bis Ende April 1945 sind die Mädchen und Jungen im „Ostarbeiter- und Polenkinderheim in Dorfmark“ jämmerlich gestorben. Clemens Cholopenko war gerade sieben Tage auf der Welt, die älteste war Lisa Pauschuk mit knapp 17 Monaten. Sie sind vermutlich verhungert oder der mangelnden Hygiene und der Lieblosigkeit zum Opfer gefallen. Sie alle waren Kinder polnischer und osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen. Die Nazis schickten die jungen Mütter schnell nach der Geburt ihrer Kinder wieder zur Arbeit, für die Säuglinge errichtete man „Kinderheime“ - vor der Öffentlichkeit verborgen und streng abgeriegelt.

Das Dorfmarker „Kinderheim“ wurde im Sommer 1944 in einem Gebäudeteil einer ehemaligen Schweinemästerei in der Becklinger Straße eingerichtet. In der Hausordnung heißt es unter anderem: „Besuche durch die Angehörigen der Kinder dürfen nur an jedem dritten Sonntag im Monat in der Zeit von 14 bis 16 Uhr erfolgen. Die Besuche dürfen nicht länger als eine halbe Stunde dauern und das Mitbringen von Lebensmitteln und das Füttern der Kinder durch die Angehörigen ist verboten.“ An anderer Stelle in der Hausordnung wird der Umgang mit den verstorbenen Kindern angesprochen: „Die Beerdigung ist von Ostarbeitern oder Polen durchzuführen. Die Leiche ist unauffällig und ohne Begleitung von Angehörigen zum Friedhof zu schaffen. Feiern irgendwelcher Art sind verboten.“

Johann Tischenko starb als erstes Kind am 2. August 1944 und wurde hastig begraben. Luise Grzywatz musste als Letzte sterben, am 26. April 1945, zehn Tage, nachdem die englischen Truppen Dorfmark besetzt hatten.

Das Schicksal dieser 33 toten Kinder war bis vor weniger als zwanzig Jahren nicht bekannt. Durch Zufall stieß der damalige Vorsitzende des Heimatvereins für das Kirchspiel Dorfmark, Adolf Domeier, im Kreisarchiv auf die Gräberliste. Alfred Michaelis, der für den Heimatverein schon viele Zeitzeugengespräche zum Thema „Kriegsende, Flucht und Vertreibung“ geführt und dazu auch schon Bücher veröffentlicht und Ausstellungen vorbereitet hat, nahm sich der Sache an. „Darüber kann man doch nicht so einfach hinwegsehen“, so Michaelis. Er begann zu recherchieren und fand einige Zeitzeugen, die sich an das „Kinderheim“ erinnern konnten.

Außerdem organisierte er eine Gedenkstätte auf dem Dorfmarker Friedhof, direkt neben der Kapelle. Ein großer Findling trägt die Platte mit den Namen aller 33 Kinder, ihre Geburts- und Sterbedaten. Zur Finanzierung trugen neben dem Heimatverein die Stadt Bad Fallingbostel und die Kreissparkasse bei. Am 23. November, am Ewigkeitssonntag 2008, wurde der Gedenkstein geweiht. Seither findet jedes Jahr am Ewigkeitssonntag eine Andacht zum Gedenken der Kinder statt, die in ihrem kurzen Leben so wenig oder gar keine Liebe erfahren haben.

Als Pastor Christian Nickel in diesem Jahr die Andacht am Gedenkstein hielt, war natürlich auch Alfred Michaelis wieder dabei. Die Vorsitzende des Heimatvereins, Bianca Fischer, zitierte aus dem erschütternden Zeitzeugenbericht der damals zwölfjährigen Gerda, die mit anderen neugierigen Kindern gelegentlich aus sicherem Versteck heraus die Beerdigung der kleinen Kindern beobachtet hat. Gemeinsam mit ihrem Stellvertreter Peter Holzhausen und Alfred Michaelis legte sie ein Gebinde am Gedenkstein ab. Jörg Hein vom Dorfmarker Posaunenchor begleitete die Andacht musikalisch.

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