Trotz Wolfszaun: Lämmer totgebissen

In Frielingen wurden in ihrem Gehege zehn Schnuckenlämmer totgebissen, fünf weitere Tiere sind verschwunden. Hofbetreiber Manfred Mross ist sich sicher: „Das waren Wölfe“

Trotz Wolfszaun: Lämmer totgebissen

Er ist entsetzt - und auch einige Tage nach dem Vorfall immer noch verärgert. Manfred Mross, der in der Soltauer Ortschaft Frielingen einen landwirtschaftlichen Betrieb hat, machte jüngst in den Morgenstunden eine grausige Entdeckung. Auf dem rund vier Hektar großen Areal, auf dem er und seine Frau Heidschnucken halten, fand er zehn tote Tiere, bis auf eine Ausnahme Lämmer. „Das jüngste war gerade mal eine Woche alt“, so der 56jährige. Das Gros der Schnucken sei durch Kehlbisse getötet worden. „Als ich morgens um 6 Uhr aufgestanden bin, waren die Schafe in Aufruhr“, so der Frielinger, „denn die Muttertiere haben nach ihren Lämmern gerufen.“ Auch sein Hund Willi sei sichtlich nervös gewesen. Da habe er bereits geahnt, daß etwas auf der Weide, die sich einen Steinwurf vom Hof entfernt befindet, vorgefallen sein mußte. Zusammen mit seinem Vierbeiner schaute er nach dem rechten - und sah sogleich das ganze Ausmaß des nächtlichen Angriffs. „Das war kein schöner Anblick“, so Mross. Beim Durchzählen der Tiere habe er bemerkt, daß fünf fehlten. Eines der Lämmer habe er später halb aufgefressen in der Nähe gefunden.

„Ich habe gleich meine Frau gerufen“, erinnert sich der Hofbetreiber. Für sie sei das vorgefundene Szenario ein Schock gewesen. „Einige der Schnucken haben sogar Namen. Wenn sie die ruft, dann kommen die an und stehen bei Fuß“, berichtet Mross: „Für meine Frau brach da natürlich eine Welt zusammen.“ Für ihn, seit fast 30 Jahren Jäger, gibt es keinen Zweifel: „Das waren Wölfe, meiner Ansicht nach drei“. Dies behauptet er nicht ohne Grund. Ein Nachbar, ebenfalls Jäger, hat in seinem Revier in der Nähe Fotofallen aufgestellt, in die in besagter Nacht drei Wölfe „getappt“ sind. „Die tauchen dort öfter auf“, berichtet Mross. Zudem fanden sich auf dem Acker neben dem Schnuckengehege Spuren, die auf drei Tiere schließen lassen. Mross hat einen der Pfotenabdrücke mit seinem Handy fotographiert. Der Abdruck sei etwa acht Zentimeter lang und um die sechs Zentimeter breit. „Das dürfte ein ausgewachsener Wolf gewesen sein“, vermutet er.

Den Hof betreibt Mross seit nunmehr 24 Jahren. Neben der Forstwirtschaft und verpachteten Ackerflächen gehörte früher auch die Rinderhaltung dazu. „Vor rund drei Jahren haben wir die Rinder abgeschafft, nachdem sie zweimal von Wölfen von der Weide gejagt worden waren. Den Tieren ist damals nichts passiert, sie hatten aber in Panik den Drahtzaun überwunden - und einige sind sogar auf die Straße gelaufen. Das wollten wir nicht mehr“, so der Frielinger. Und so wurden die Rinder gegen Heidschnucken ausgetauscht, zuletzt waren es etwas mehr als 60 Tiere. „Im Winter werden sie abends auf dem Hof eingesperrt und waren bislang in Sicherheit“, berichtet Mross. Im Sommer 2017 hatte er um die rund vier Hektar große Weidefläche einen 1,60 Meter hohen Wolfszaun gezogen. „Mit zwei Mann haben wir damals zwei Wochen gearbeitet“, erinnert sich der Hofbetreiber.

Bislang hat der rund 5.000 Euro teure Zaun den Schnucken Schutz geboten. Doch nun haben sich die Angreifer unter dem Drahtgeflecht hindurchgegraben - und das gleich an vier Stellen: Zwei auf der einen Seite des Geheges, zwei weitere auf der gegenüberliegenden Seite. Bei der Suche nach den verschwundenen fünf Schnucken folgte Mross den Spuren auf dem Acker und entdeckte am Waldrand in etwa 200 Metern Entfernung einen abgenagten Lammkadaver. „Da haben sie dann wohl in Ruhe gefrühstückt“, so der 56jährige mit bitterer Ironie. Rund 100 Meter von der Fundstelle entfernt befindet sich ein ebenfalls zum Hof gehörendes Wohnhaus, „in dem“, so Mross, „auch Kinder leben.“ In der Nacht nach der Attacke schoben er und befreundete Jäger abwechselnd Wache, um die Schnucken, die überlebt hatten, zu beschützen. Die am Zaun gegrabenen Löcher machten die Männer provisorisch mit Pflöcken „dicht“.

Um die Tiere auch künftig ohne Rund-um-die-Uhr-Bewachung zu schützen, hat Mross um den gesamten Zaun herum in Bodennähe einen unter Strom stehenden Draht gezogen und hofft, daß dieser die Schnucken vor weiteren Attacken bewahrt. Das allerdings ist für ihn künftig mit Mehrarbeit verbunden: „Ich muß den Zaun jetzt täglich kontrollieren und alle 14 Tage von Krautgewächs befreien. Das Wichtigste aber ist, daß die Heidschnucken in Sicherheit sind.“

Daß rund um Frielingen Wölfe unterwegs sind, ist für viele Bewohner der Ortschaft nichts Neues. „Den ersten Wolf haben wir hier schon im Jahr 2014 am Hof gesehen - und zwar vormittags, also am hellichten Tag. Das war damals ein einzelnes Tier“, erinnert sich Mross. Er und zwei weitere Jäger seien regelmäßig in ihrer rund 200 Hektar umfassenden Eigenjagd unterwegs „und wir wissen, was hier passiert“, berichtet der 56jährige. Und weiter: „Zwischen Visselhövede und Eitze gibt es seit zwei bis drei Jahren ein Wolfsrudel. Im vergangenen Jahr waren es etwa acht Tiere.“ Der Hofbetreiber berichtet von weiteren Geschehnissen in der Vergangenheit. Vor zwei oder drei Jahren sei ein von hinten stark angefressener Hirsch über die Straße gelaufen. Die Jäger hätten ihn von seinem Leiden erlöst. Daß das kein Jägerlatein ist, belegt Mross ebenfalls mit Fotos, mit denen er die in der Tat üblen Verletzungen am Hinterteil des Hirsches dokumentiert hat.

Erlebnisse wie dieses, die gefundenen Spuren, die Aufnahmen der Fotofallen und die Kehlbisse an den toten Tieren sind der Grund, warum sich Mross völlig sicher ist, daß die Schnucken auf seiner Weide von Wölfen angegriffen und getötet worden sind. „Für mich ist das eindeutig. Es paßt alles zusammen. Das sehen auch die anderen beiden Jäger so. Und wildernde Hunde hatten wir hier seit Jahren nicht“, unterstreicht der Frielinger. Seit dem Vorfall, „den man“, wie er sagt, „durchaus als Massaker bezeichnen kann“, hat er täglich nach frischen Wolfsspuren gesucht. Bereits einen Tag danach entdeckte er in der Nähe ein totes Reh, von dem etwa die Hälfte abgefressen war. Auch diesen Kadaver fotographierte er. An der Weide seien die Wölfe offenbar nicht mehr gewesen, so Mross, „aber sie wissen jetzt natürlich, daß es hier Futter gibt. Ich hoffe, daß die Stromlitze sie künftig fernhält.“

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