Schulen: Schrittweise Öffnung

Abschlussklassen starten am 27. April, ab 4. Mai weitere Jahrgänge

Schulen: Schrittweise Öffnung

„Nach Wochen der kompletten Schulschließung steht auf Grundlage des Bund-Länder- Beschlusses der vorsichtige Schritt zu einer stufenweisen Wiederaufnahme des Schulbetriebs an“, hat das niedersächsische Kultusministerium am Donnerstag, den 16. April, mitgeteilt. Das Land Niedersachsen wird demnach seine Schulen ab dem 27. April zunächst für Abschlussklassen wieder öffnen, um den Schülerinnen und Schülern ausreichend Zeit zur Vorbereitung zu geben. „Das bedeutet, dass die Abitur- wie auch alle anderen Abschlussprüfungen nach jetzigem Stand unter Einhaltung der Hygienevorgaben des Robert-Koch-Instituts stattfinden“, so das Kultusministerium weiter.

Ab dem 4. Mai sollen gestuft weitere Jahrgänge nach und nach in den Präsenzunterricht zurückkehren. Für alle Schülerinnen und Schüler, die noch nicht wieder in die Schulen zurückkehren, ist ab dem 22. April Home Learning vorgesehen.

„Mit den jetzt getroffenen Entscheidungen wollen wir den Schulen und Kitas Planungssicherheit und einen Fahrplan für die kommenden Wochen und Monate geben. Bei den Schulöffnungen gehen wir vor nach dem Prinzip: Erst die Klassen, die Prüfungen ablegen müssen, dann im nächsten Schritt die älteren Jahrgänge der einzelnen Schulformen, dann die jüngeren. Dies alles geschieht mit Blick auf die Entwicklung des Infektionsgeschehens. Der Schutz der Gesundheit muss an erster Stelle stehen“, so Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne.

Die Grundschüler der Klasse 4, die sich am Übergang zur weiterführenden Schule befinden, steigen nach den Abschluss- und Übergangsklassen am 4. Mai wieder in den Unterricht ein. Der weitere Fahrplan für Niedersachsen sieht vor, dass ab der 20. Kalenderwoche gestuft die weiteren Jahrgänge aller Schulformen folgen. Für die 12. Klassen startet der Unterricht somit am 11. Mai, die Jahrgänge 3, 9 und 10 folgen ab dem 18. Mai. Die Abschlussklassen der berufsbildenden Schulen starten bereits am 27. April.

Alle Jahrgänge, die noch nicht wieder in der Schule sind, sowie alle Schülerinnen und Schüler, die aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation zu Hause bleiben müssen, werden von ihren Lehrkräften für das „Lernen zu Hause“ mit Lernplänen und Aufgaben versorgt. Der Schwerpunkt beim Home Learning soll auf die Stärkung der Basiskompetenzen gelegt werden. Auf dem Niedersächsischen Bildungsserver werde derzeit das Angebot erweitert, um Schülerinnen und Schülern zusätzlich Selbstlernangebote, (digitale) Unterrichtseinheiten und - materialien, Links zu geeigneten (kostenfreien) Internetseiten und Online- Lernplattformen, Apps und ähnliches für alle Schulformen und Fächer bereitzustellen. Mit der Niedersächsischen Bildungscloud (NBC) werde ab Anfang Mai allen niedersächsischen Schulen ein kostenloses und barrierefreies Lernmanagement-System angeboten.

Um den Infektionsschutz und die Hygiene- und Abstandsregeln besser einhalten zu können, soll es zur Wiedereröffnung ein angepasstes Hygienekonzept für die Schulen geben. Dieses bedarf der Umsetzung durch die Schulträger. Das Verfahren soll unverzüglich mit den kommunalen Spitzenverbänden abgestimmt werden. Das Niedersächsische Kultusministerium wird kurzfristig einen Musterhygieneplan für die Herausforderungen der Coronakrise zur Verfügung stellen.

Zusätzlich ist für die Zeit bis zu den Sommerferien ein umschichtiges Verfahren im Präsenzunterricht vorgesehen. „Damit schaffen wir die Möglichkeit, die Schülerinnen und Schüler in kleineren Lerngruppen zu unterrichten und entlasten zugleich Schulen als auch Lehrkräfte“. Für die Organisation eines umschichtigen Unterrichts werden alle Klassen und Lerngruppen, die sich bereits wieder in der Schule befinden, in je zwei Gruppen aufgeteilt. Für die Aufteilung des Unterrichts innerhalb einer Schulwoche gibt es verschiedene Möglichkeiten, darunter die Möglichkeiten eines täglichen oder wöchentlichen Wechsels. Die Schule wählt dafür ein Modell aus und erstellt einen entsprechenden Plan.

Für die Kitas, Krippen und Horte gilt weiterhin bis zu den Sommerferien die Notbetreuung. Dafür werden die Betreuungskapazitäten ausgeweitet. Dabei soll auch sichergestellt werden, dass Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen die Notbetreuung nutzen können. Die Härtefallregelung soll gelockert werden. Wo eine anderweitige Betreuung sichergestellt werden kann, sollen Kinder bis zu den Sommerferien möglichst zu Hause betreut werden.

Zur schrittweisen Wiedereröffnung der Schulen hat sich Torsten Neumann, Vorsitzender des Verbandes Niedersächsischer Lehrkräfte VNL/VDR, geäußert. „Der geplanten Öffnung der Schulen in Niedersachsen für die Abschlussjahrgänge der Ober-, Real-, Haupt- und Förderschulen sowie der Gymnasien bereits zum 27. April sehen wir sehr kritisch. Einerseits ist es zu begrüßen, wenn die Schülerinnen und Schüler dadurch noch Zeit zur Vorbereitung auf die Prüfungen erhalten, andererseits gibt es noch große Fragezeichen zur realen Umsetzung.“

„Die zum Schutz von allen in der wiedereröffneten Schule notwendigen Hygiene- und Schutzmaßnahmen lassen sich beim besten Willen in dieser kurzen Zeit kaum verwirklichen“, so Neumann. „Es gibt Schulen, die in den Klassenzimmern gar keine Waschbecken mehr haben. Von warmen Wasser selbst auf Toiletten können die meisten Schulen nur träumen. Der sanitäre Zustand lässt ebenfalls oftmals zu wünschen übrig, so schnell kann kein Schulträger in Niedersachsen die sanitären Anlagen sanieren oder ergänzen.“

In Deutschland gebe es schon seit längerem keine wirksamen Schutzmasken und Desinfektionsmittel in ausreichender Zahl: „Wie sollen diese dringend benötigten Mittel dann gerade für Schulen in ausreichender Anzahl zur Verfügung stehen? Das alles auch wird der angekündigte Musterhygieneplan nicht lösen können.“

Viele Schulen werden, befürchtet Neumann, spätestens am 4. Mai, aber teilweise auch bereits am 27. April sowohl personelle wie auch räumliche Probleme haben: „Wenn die jeweiligen Klassen - vollkommen zu Recht - aufgeteilt werden, benötigen die Schulen entsprechende Räumlichkeiten in ausreichender Zahl sowie die passenden Lehrkräfte dazu. Es gibt aber nicht an jeder Schule ausreichend Fachlehrer für den Unterricht parallel. Ein Unterricht in Schichten wird das Problem auch nicht zufriedenstellend lösen können.“

Die ab 22. April geltende Pflicht der Schülerinnen und Schüler zum „Home Learning“ werde dort Probleme bringen, „wo die Schülerinnen und Schüler nicht in der komfortablen Situation sind, einen eigenen Arbeitsplatz und/oder Internetzugang zur Verfügung haben. Das trifft nicht nur auf Familien unter schwierigen sozioökonomischen Bedingungen, sondern auch auf alle Familien zu, deren Erziehungsberichtigte selbst in Homeoffice einen Arbeitsplatz und/oder Computerzugang nutzen müssen. Hier droht nicht nur eine technische, sondern auch eine soziale Ungleichheit.“

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