Arztbesuche nicht aufschieben

Krisenstab des Landkreises warnt vor Folgen „verschleppter“ Krankheiten

Arztbesuche nicht aufschieben

Auch wenn es aktuell den Anschein haben mag: Corona-Viren sind nicht die einzige Gefahr für die Gesundheit. Vielmehr sorgt die Sorge vor einer möglichen Ansteckung dafür, dass andere Krankheitsbilder plötzlich gefährlich werden: Denn als Begleiterscheinung der Pandemie, so beschreibt es Dr. Achim Rogge, gingen viele mit zum Teil kritischen Symptomen von Diabetes über Asthma bis hin zum Verdacht auf Herzinfarkt oder Schlaganfall nicht zum Arzt oder ins Krankenhaus, „aus Angst, sich dort anzustecken“, so der Geschäftsführer des Heidekreis-Klinikums (HKK). „Dabei ist das Krankenhaus der sicherste Ort, wird aber als Gefahrenquelle empfunden.“ So appellierten Rogge und weitere Mediziner zusammen mit Landrat Manfred Ostermann bei einem Treffen Anfand der Woche im Walsrode Gesundheitszentrum: „Geht zum Arzt und ins Klinikum, Sorgen sind unbegründet. Krankheiten sollten unbedingt behandelt werden“, so der Landrat.

Ostermann hatte zu dieser Abschlussbesprechung des großen Krisenstabs eingeladen, der seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie die notfallmedizinische Versorgung im Heidekreis koordiniert. Und gleich zu Beginn des Treffens konnte der Landrat die gute Nachricht verkünden: „Der letzte Fall, den wir hier noch hatten, ist jetzt geheilt entlassen. Aktuell ist der Landkreis coronafrei.“ Dass sich das auch wieder ändern kann, ist allen Beteiligten natürlich klar. Daher, werde der Krisenstab in kleinerem Kreise noch weiter bestehenbleiben und sich austauschen, so Ostermann.

„Leider hatten wir auch zwei Todesfälle zu beklagen“, so der Landrat weiter. Insgesamt sei der Heidekreis jedoch in der Coronakrise sehr glimpflich davongekommen. Dass die Zahlen der Erkrankten nicht höher seien, das habe zum einen die Bevölkerung selbst bewirkt: „So etwas klappt nur, wenn sich alle diszipliniert verhalten, den Abstand wahren und die Hygieneregeln einhalten. Dafür bedanken wir uns bei allen Bürgern.“ Zum anderen habe die gesamte Riege der Mediziner zusammen mit allen Kräfte des Gesundheitssystems im Heidekreis gut und schnell reagiert, lobte Ostermann. Das Lob konnten die Mitglieder des Krisenstabes nur zurückgeben: „Wir haben eine Ausnahmesituation erlebt, die vom Landkreis bestens koordiniert wurde. Ein großes Kompliment an alle Beteiligten“, hob Rogge hervor.

Jetzt, so der HKK-Leiter weiter, „ist der Schritt zurück in den Regelbetrieb erfolgt.“ Und der beinhaltet, „ganz normale“ Patienten zu versorgen. Denn von denen hätten sich laut Rogge viele in den vergangenen drei Monaten offenbar nicht „getraut“ und so wichtige Vorsorgeuntersuchungen sowie dringend erforderliche Behandlungen nicht wahrgenommen. Das gilt nicht nur für Krankenhausaufenthalte sondern auch für Hausarztbesuche: „Viele Patienten haben ihre Termine einfach sausen lassen. Andere kommen jetzt und berichten, sie hätten bereits seit Wochen gesundheitliche Probleme - den Besuch beim Arzt haben sie aber aus Angst vor dem Corona-Virus immer wieder hinausgeschoben“, schilderte Dr. Peter Rebhahn die Erfahrungen aus seiner Praxis. Die sei übrigens nach und nach quasi zur „Hochsicherheitszone“ ausgebaut worden, so der Soltauer Arzt weiter, „auch das gibt den Patienten, die nun wieder verstärkt in die Praxis kommen, mehr Sicherheit.“ Doch es seien immer noch etwa 20 Prozent weniger als früher, schätzt Dr. Jens Schlake. Wobei - das sei schon eine Steigerung im Vergleich zu den Vormonaten, meint der Walsroder Arzt: „Im März und April sind rund 50 Prozent weniger Patienten in die Praxen gekommen als in den Vorjahren.“ Beide Mediziner warnten eindringlich vor möglichen Spätfolgen, die solch ein „Verschleppen“ mit sich bringen könne.

Das erlebte Dr. Andrea Pomarino jetzt auf dramatische Weise: „Patienten mit Herzinfarktsymptomen haben einfach gewartet, sind nicht zum Arzt gegangen“, erklärte die Leiterin des kardiologischen Zentrums am Soltauer Krankenhaus. „Dabei ist es hierbei besonders wichtig, schnell zu handeln: ‚Time is muscle‘ sagt man bei uns, denn im Bereich der Herzmuskeln wächst nicht einfach nach, was bereits abgestorben ist.“ Doch die Medizinerin sieht bereits eine Verbesserung der Lage: „Nun werden die Notaufnahmen wieder voller.“

Logo