„Die grüne Lunge stärken“

Internet-Diskussion über gemeinsame Wege zu mehr Klimaschutz im Heidekreis

„Die grüne Lunge stärken“

Immer mehr Menschen empfinden die Meldungen über steigende Temperaturen als besorgniserregend. Wohin wird diese Entwicklung führen? Zu Extremwetter, Dürre und Hunger oder zum Abschmelzen der Polkappen mit steigenden Meeren? Wenn Menschen ursächlich zur Erderwärmung beitragen, dann sollte es vielleicht auch möglich sein, dass Menschen neue Ideen entwickeln, um diese Probleme zu lösen. Ein Ansatz ist es, Kohlendioxid aus der Luft stärker durch mehr Pflanzen und Humusaufbau zu binden. Im Rahmen einer Zoom-Konferenz veranstaltete der Verein Klimaschutz Heidekreis unter dem Titel „Mehr Bäume und Hecken für den Heidekreis - Die grüne Lunge stärken!“ eine Online-Diskussion, bei der nach der Einleitung durch den Vereinsvorsitzenden Wilfried Stegmann vier Fachmeinungen vorgestellt wurden.

Eva Meyerhoff, Naturschutzberaterin im Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen und Bio-Bäuerin aus Riepe, berichtete von diversen Hecken- Pflanzaktionen, bei denen es häufig Schulklassen seien, die bei den Pflanzungen mithelfen würden. Hecken gehören zum Landschaftsbild. Sie säumen Felder, begrenzen Wege und dienen vielen Arten als Brutstätte, Zufluchtsort und Schlafplatz. Eva Meyerhoff erläuterte auch die Fördermöglichkeiten für Landwirte bei der Anpflanzung von Hecken. Daneben forderte sie die Kommunen mit ihren Bauhöfen auf, mehr Bäume und Hecken entlang von Straßen, Wegen und anderen gemeindeeigenen Flächen zu pflanzen.

Nach ihr stellte Dr. Hans-Georg Wagner, Geschäftsführer der Naturschutzstiftung Heidekreis in Soltau, seine Arbeit vor. Die Stiftung setzt Mittel aus Ersatzgeldaufkommen für Naturschutzmaßnahmen ein. Diese Gelder müssen Unternehmen und Kommunen beim Bau neuer Anlagen und Straßen für die Kompensation von Natur- und Landschafts-Beeinträchtigungen entrichten. Kompensationsmaßnahmen werden in übliche land- oder forstwirtschaftliche Produktions- oder Betriebsabläufe eingebunden. Grasland speichert nach Dr. Wagners Angaben im Boden mehr Kohlenstoff als Wald. So fördert die Naturschutzstiftung unter anderem die Umwandlung von Ackerland in artenreiches Grünland, das auch grundbuchlich abgesichert wird. Hierin sieht er ein hohes und effizientes Aufwertungspotenzial, das auch gesetzlich verankert ist.

Der Förster Christian Muke aus Neuenkirchen erläuterte, dass in den vergangenen 200 Jahren schon viele Wälder neu entstanden seien. Um 1800 war das Norddeutsche Tiefland noch von baumarmen Heide- und Moorlandschaften geprägt. Der Bergbau und die entstehende Industrie im Ruhrgebiet brauchte viel Holz. Deshalb wurden überwiegend Nadelhölzer wie Kiefern und Fichten angebaut, da sie relativ schnell Bauholz brachten. Der Klimawandel setzt seit einigen Jahren diesen bestehenden Wäldern mächtig zu. Das gilt besonders bei Nadelbaummonokulturen bei gleichzeitig sinkenden Grundwasserpegeln und massenhaften Borkenkäferpopulationen.

Deshalb würde jetzt verstärkt auf die Anlage von widerstandsfähigeren Mischwäldern mit mindestens drei Baumarten und einem hohen Anteil von Laubbäumen geachtet. „Unsere Enkel werden einen ganz anderen Wald mit viel mehr Arten vorfinden“, so Christian Muke.

Schließlich erläuterte Dr. Andreas Fichtner vom Institut für Ökologie an der Leuphana-Universität Lüneburg seine Sicht aufs Thema. Im Auftrag für Greenpeace hat er an dem Gutachten „Der Ökowald als Baustein einer Klimaschutzstrategie“ mitgewirkt. „Man muss nicht um jeden Preis Bäume pflanzen, Kulturlandschaften wie zum Beispiel die Heide haben auch ihren Wert. Es gilt vielmehr, vielfältige Lebensräume mit einer hohen ökologischen Integrität zu erhalten und ihre natürliche Anpassungsfähigkeit zu bewahren“, so Fichtner. Seiner Meinung nach ist eine Neuorientierung notwendig: Die Wechselwirkungen zwischen Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Ökosystemfunktionen müssten stärker in der derzeitigen Klimadebatte berücksichtigt werden. Zudem forderte Dr. Fichtner eine verstärkte gesellschaftliche Debatte über energieeffiziente Lebensweisen.

In der Diskussion wurde deutlich, dass die Maßnahmen für mehr Klimaschutz mit geeigneten Maßnahmen für mehr heimische Artenvielfalt gekoppelt werden müssen. Darin haben Obst-, Nuss-, und Lindenbäume als Nahrungsspender für Insekten, Vögel und Menschen ebenso ihren Platz wie regionale Stauden- und Heckenpflanzen. Wer zum Beispiel beim Anpflanzen junger Eichen und Buchen in bestehenden Wäldern mithelfen möchte, kann sich an örtliche Förster wenden, die gerne mit Freiwilligen zusammenarbeiten. In der Landwirtschaft sollte bei den Böden mehr auf Humusaufbau geachtet werden. Versiegelte Steingärten wurden stark kritisiert und sogar ein Verbot gefordert.

Bei der abschließenden Frage an die Referenten, wo sie den Heidekreis in zehn Jahren sehen, beschrieben diese eine Wiederbelebung der allgemeinen Biodiversität. Dazu gehört die Umsetzung der gemeinsamen Vision schöner Alleen mit Streuobstbäumen, vielfältige Hecken, renaturiertes Grünland und Moore, abwechslungsreiche Fruchtfolgen auf den Feldern und zahlreiche klima- und insektenfreundliche Gärten.

Der Heidekreis könnte Vorreiter in Sachen Klimaschutz werden. Wilfried Stegmann, Vorsitzender des Vereins Klimaschutz Heidekreis und Gastgeber des Abends, erhofft sich dazu eine Aufbruchstimmung im Landkreis, „die viele Menschen ergreift und zusammenarbeiten lässt“.

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