Hotels, Pensionen, Gaststätten: Protest mit weißen Laken und Tischdecken

Touristische Betriebe machen gegen Corona-Politik mobil / Aktion am morgigen Donnerstag

Hotels, Pensionen, Gaststätten: Protest mit weißen Laken und Tischdecken

Nachdem die Gastronomen mit leeren Kochtöpfen ein Zeichen gesetzt und gegen die Corona-Politik der Entscheider demonstriert haben, macht jetzt auch ein „Aktionsbündnis zur Rettung der Tourismuswirtschaft“ mobil. Die touristischen Betriebe in Niedersachsen zeigen Flagge, auch im Heidekreis. Als sichtbares Zeichen werden zahlreiche Hotels und Pensionen, Restaurants und Gaststätten am morgigen Donnerstag, dem 6. Mai, weiße Bettlaken und Tischdecken aus den Fenstern hängen.

Dem Gastgewerbe in Niedersachsen steht das Wasser bis zum Hals. Seit sechs Monaten sind die touristischen Betriebe geschlossen. Viele Unternehmen stehen vor dem finanziellen Aus, nicht alle erhalten staatliche Unterstützung. Die gestrige Ankündigung der Landesregierung, den Tourismus ab dem 10. Mai wieder zu öffnen, lässt die Branche zwar hoffen und wird von der niedersächsischen Tourismuswirtschaft auch „sehr begrüßt“. Im Detail aber werfe die Verordnung viele Fragen auf und wecke Zweifel an der Umsetzbarkeit und Sinnhaftigkeit mancher Regelungen.

Um den Tourismus-Anbietern in Niedersachsen mehr Gehör zu verschaffen und in einen konstruktiven Austausch mit den Spitzen der Landesregierung zu kommen, haben sich 20 Verbände, Organisationen und Interessenvertretungen zu einem Aktionsbündnis zusammengeschlossen, das am morgigen Donnerstag gemeinsam Flagge zeigen wird. Darunter die Tourismusregionen des Landes sowie die niedersächsischen Landesverbände der DEHOGA, der Campingwirtschaft, der Landtouristik und der Heilbäder. Überall im Land werden am Aktionstag Hotels und Pensionen, Restaurants und Gaststätten weiße Bettlaken und Tischdecken aus den Fenstern hängen. Auch die Betreiber von Camping- und Wohnmobil-Plätzen machen mit. Vor dem Landtag in Hannover gibt es um 12.15 Uhr eine zentrale Veranstaltung, bei der die Teilnehmer des Bündnisses „Wir zeigen Flagge“ ihre Forderungen an die Politik zum Ausdruck bringen. In anderen Städten und Regionen wird es am gleichen Tag weitere Aktionen geben, um auf die Misere der touristischen Betriebe in Niedersachsen aufmerksam zu machen. Dass sich Interessenvertretungen touristischer Betriebe aus fast allen Regionen Niedersachsens zusammenschließen und gemeinsam an die Landespolitik appellieren, ist einmalig in der Geschichte des Landes und zeigt, wie groß die Not der Unternehmen ist.

„Die jetzt von der Landesregierung angekündigte stufenweise Öffnung des niedersächsischen Tourismus ist definitiv ein erster Schritt in die richtige Richtung, es mangelt aber im Detail an Umsetzbarkeit und Klarheit“, sagt Ulrich von dem Bruch, Sprecher des Aktionsbündnisses und Geschäftsführer der Lüneburger Heide GmbH. So seien beispielsweise tägliche Tests in Hotelbetrieben überhaupt nicht darstellbar. Zudem seien einige Einschränkungen, insbesondere dass nur Gäste aus Niedersachsen empfangen werden dürfen („Landeskinder-Regelung“), „völlig realitätsfern.“ Da jeder Gast einen negativen Test vorlegen müsse, könne es doch gar keine Rolle spielen, ob er aus Niedersachsen, Bremen oder Hamburg komme, so von dem Bruch weiter. „Es gibt noch viele Fragen zu klären. Wir brauchen dringend eine Dialogplattform mit Spitzenvertretern der Politik und Repräsentanten der Tourismuswirtschaft Niedersachsens, um Transparenz herzustellen und kurzfristige, aber auch mittel- und langfristige Schritte zur Sicherung und Weiterentwicklung des Tourismussektors einzuleiten.“

Eile tut nicht nur bei der Wiederbelebung des Geschäfts touristischer Betriebe Not, viele von ihnen benötigen sehr schnell finanzielle Unterstützung, um überleben zu können: „Wir fordern mehr Gerechtigkeit bei den Finanzhilfen. Obwohl 65 Prozent aller Übernachtungen auf den ländlichen Raum entfallen, werden dort nur wenige Betriebe unterstützt. Private und landwirtschaftliche Vermieter von Ferienwohnungen und -häusern, Reiter- und Ferienhöfen, Heuhotels und Hofcafés fallen komplett durchs Raster“, erklärt Martina Warnken, Vorsitzende der „LandTouristik Niedersachsen“.

Selbst unterstützungsberechtigten Hotelbetrieben geht die Luft aus. „Die November und Dezember-Hilfen waren für uns eine Nullnummer, weil die Umsätze aus dem Vergleichszeitraum des Vorjahres als Berechnungsgrundlage herangezogen wurden, wir aber an der Nordseeküste keinen nennenswerten Wintertourismus haben“, unterstreicht Olaf Stamsen, Hotelier aus Wilhelmshaven. Er wehrt sich vehement gegen „die anhaltende Stigmatisierung des Tourismus als Treiber der Pandemie“. Das Beispiel der Schleiregion, die im Rahmen eines Modellprojektes seit zwei Wochen wieder für Urlauber geöffnet sei, zeige eindrucksvoll, „dass kontrollierter Tourismus mit guten Konzepten kein Risikofaktor ist“, so DEHOGA-Repräsentant Stamsen weiter.

Dass das Anliegen der Tourismuswirtschaft nicht auf ganz taube Ohren stoßen wird, scheint sicher. Ministerpräsident Stephan Weil hat seine Teilnahme an der Veranstaltung in Hannover zugesagt und wird sich dort den Forderungen des Aktionsbündnisses stellen.

Der Tourismus ist in Niedersachen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. 293.000 Erwerbstätige sind direkt oder indirekt von dem Sektor abhängig. Die Konsumausgaben der Gäste belaufen sich auf mehr als 20 Milliarden Euro, die touristische Wertschöpfung liegt bei rund 12 Milliarden Euro (Quelle: Tourismussatelittenkonto Niedersachsen).

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