Palliativnetz Heidekreis feiert „Zehnjähriges“

Unterstützung für unheilbar kranke Menschen und deren Angehörige

Palliativnetz Heidekreis feiert „Zehnjähriges“

In der Corona-Pandemie ist noch einmal besonders deutlich geworden, wie Menschen gerade nicht aus dem Leben gehen wollen: Allein, in einer abgeschotteten Klinik, ohne Angehörige, die auf der letzten Reise Trost spenden, die Hand halten und sich verabschieden. In internationalen Umfragen haben Menschen auf die Frage, wie sie aus dem Leben scheiden wollen, nahezu die gleichen Wunschvorstellungen geäußert. Nach einem langen Leben möchten sie ohne Schmerz und Leid möglichst im vertrauten Umfeld, selbstbestimmt und in friedlichen Beziehungen „gehen“. Sie wünschen sich also ein „gutes Sterben“. Und so hat es sich die spezialisierte ambulanten Palliativversorgung (SAPV) zur Aufgabe gemacht, unheilbar kranke Menschen und ihre Angehörigen zu unterstützen und das Leben in Würde bis zuletzt auch Zuhause zu ermöglichen. Im hiesigen Landkreis gibt es deshalb das Palliativnetz Heidekreis (http://palliativnetz-heidekreis.de). Der Zusammenschluss von Palliativmedizinern und Palliative-Care-Pflegefachkräften, unterstützt von ehrenamtlichen Hospizhelfern, Seelsorgerinnen und der Palliativstation in Walsrode, feiert am 1. Juni sein zehnjähriges Bestehen.

„Feiern“ ist allerdings nicht der richtige Begriff, zumal ein großes Fest mit allen im Zusammenschluss Mitwirkenden wegen der Corona-Beschränkungen nicht über die Bühne gehen kann. „Wir wollen die Feier aber im nächsten Jahr zum elfjährigen Bestehen nachholen“, so Dr. Albrecht Werner, Geschäftsführer des Palliativnetzes Heidekreis. Der Arzt für Allgemeinmedizin, Palliativmedizin und Psychoonkologie nimmt das zehnjährige Bestehen zum Anlass, die Geschichte der qualifizierten Einrichtung im regionalen Gesundheitswesen Revue passieren zu lassen.

Entscheidend für die Entwicklung der ambulanten Palliativversorgung sei das Jahr 2007 gewesen. Damals sei offenkundig geworden, so Werner, „dass das Niveau dieser Versorgung hier im Vergleich zu anderen hochentwickelten Staaten zunehmend zurückgefallen war. Das Ermöglichen des Sterbens in der eigenen Wohnung war ein großes Problem, das System war dem nicht gewachsen“, berichtet der Mediziner. Deshalb habe der Bundestag damals ein wegweisendes Gesetz beschlossen. Nach Paragraph 37b Fünftes Buch Sozialgesetzbuch gebe es seitdem in der gesetzlichen Krankenversicherung einen Rechtsanspruch auf spezialisierte ambulante Palliativversorgung für die betroffenen Patienten. Jeder Hausarzt könne bei Bedarf die SAPV über ein besonderes Formular verordnen.

In diesem Zusammenhang lobt Werner das damalige Engagement der Politiker in Niedersachsen. „Das Land stellte Fördergelder für den Start von geeigneten Initiativen zur Verfügung, die flächendeckend die SAPV in sogenannten Stützpunkten realisieren sollten. Dazu hat man vor allem bereits etablierte Organisationen des Gesundheitswesens angesprochen.“ Im Heidekreis habe sich Dr. Sirus Adari besonders hervorgetan und dieser Aufgabe als Erster angenommen. „Mit dem seit vielen Jahren gut aufgestellten Onkologischen Arbeitskreis Walsrode, dessen Vorsitzender er ist, und einem neu gebildeten Gesprächskreis unter seiner Leitung begann das systematische Nachdenken über die Gestaltung einer geeigneten Einrichtung für die ambulante Versorgung. Bereits zuvor hatten er und Dr. Roland Heitmann vom Heidekreis-Klinikum Walsrode mit der Einrichtung einer Palliativstation im Krankenhaus begonnen“, berichtet Werner.

Dr. Adari, Dr. Heitmann, Krista Homann-Kümmel, Gero Domzig und Dr. Werner gründeten schließlich eine Gemeinschaft bürgerlichen Rechts, die 2008 von der Landesregierung als „Palliativnetz SFA GbR“ anerkannt und gefördert wurde. Damit war die Arbeit aber noch nicht getan: „Es gab nichts in dieser Richtung. Das ist vergleichbar mit der Einrichtung einer neuen Krankenhausabteilung. Viele Details waren zu klären und Kapazitäten zu schaffen“, erklärt Werner. Dabei habe es, nach anfänglicher Skepsis im Bereich der niedergelassenen Ärzte, von allen Seiten Unterstützung gegeben: „Alle angesprochenen Institutionen waren sofort zur Kooperation mit uns bereit.“

Zum 1. Juni 2011 schließlich wurden die Verträge der GbR mit den Krankenkassen als Kostenträgern und allen Beteiligten wirksam. Katja Fiß übernahm die Aufgabe der zentralen Koordinatorin, die spezialisierte ambulante Palliativversorgung im Heidekreis konnte loslegen. Aus verschiedenen Gründen wurde Anfang 2016 die Gesellschaftsform der Zentrale geändert. So entstand die „Palliativnetz Heidekreis GmbH & Co. KG“ unter der Geschäftsführung und ärztlichen Leitung von Dr. Werner. Der hebt hervor, dass hospizliche Begleitung, palliative Pflege und Medizin Erhebliches leisten können: „Deshalb ist Palliativmedizin ein neues, spezialisiertes Fach der Medizin geworden.“

Das Konzept des Palliativnetzes beinhalte in erster Linie die an den Wünschen der Betroffenen orientierte Versorgung. „Um das zu verwirklichen, arbeiten wir ganzheitlich, multiprofessionell und dezentral“, erläutert der Facharzt aus Soltau. In rund 80 Prozent der Fälle reiche eine allgemeine ambulante Palliativversorgung. „Wenn es aber komplizierter wird, das sind zirka 20 Prozent der Fälle, dann kann der jeweilige Hausarzt auf uns zurückgreifen“, erläutert Werner. Ärzte und Krankenhäuser seien zwar Dreh- und Angelpunkt, „manchmal kommen aber auch Angehörige auf uns zu, die uns bitten, mit den jeweiligen Medizinern Kontakt aufzunehmen. Alle Hausärzte arbeiten gut mit uns zusammen.“

Sobald ein Patient übernommen worden sei, werde umgehend vor Ort ein Palliativ-Care-Team tätig, das sich aus einem der beteiligten 14 SAPV-Pflegedienste und einem der bislang 18 Pallitivmediziner, drei weitere absolvierten derzeit die entsprechende Ausbildung, zusammensetze. Bei Einverständnis des Kranken ziehe das Team Hospizdienst und Seelsorge hinzu.

Betreut werden die Patienten dort, wo sie wohnen, also auch in allen stationären Pflegeeinrichtungen. Seit 1. Juli 2011 wurden unter Regie des Palliativnetzes im Heidekreis 1.750 Patienten betreut. Neben den Ärzten gehören 70 Palliativ-Care-Fachkräfte zum Netzwerk, außerdem fünf ehrenamtliche Hospizdienste und drei Seelsorgerinnen. Acht Betten stehen auf der Palliativstation des Heidekreis-Klinikums zur Verfügung, außerdem acht Gästeplätze im Hospizhaus in Dorfmark. Für betreute Patienten ist das Palliativnetz an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr erreichbar. Alle Beteilgten sind mit Herz und Seele dabei. So zum Beispiel auch Palliativ-Care-Fachkraft Anke Sonnenberg, die betont: „Was mich am stärksten an meiner Arbeit motiviert, ist die tief empfundene Dankbarkeit der Patienten, das Wissen, etwas Gutes zu tun und Leiden und Schmerzen zu lindern.“

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