Mit Briefumschlag gegen Telefonbetrug

Polizei und Banken starten gemeinsame Präventionsaktion: Schlüsselfragen und Hinweise auf Umschlägen sollen bei „Enkeltrick“ und „Schockanruf“ eine mögliche Geldübergabe verhindern

Mit Briefumschlag gegen Telefonbetrug

Er ist in diesem Fall nur der Redewendung nach „der lange Arm des Gesetzes“ - reicht er doch nicht bis ans andere Ende der langen Leitung, über die Telefonbetrüger ihre Opfer um oft hohe Summen bringen: „Die Täter sitzen fast immer im Ausland, deshalb kommt man nur sehr schwer an sie heran. Und mehr als ein Telefon brauchen sie nicht“, weiß Kriminalhauptkommissarin Kathleen Schwarz. Und die Beauftragte für Kriminalprävention bei der Polizeiinspektion (PI) Heidekreis kennt die üblichen Maschen: „In den vergangenen Jahren haben die Betrugshandlungen mittels Telefon durch ‚falsche Polizeibeamte‘, den ‚Enkeltrick‘ oder sogenannte ‚Schockanrufe‘ und ähnliche Varianten deutlich zugenommen.“ Die Opfer sind vornehmlich Senioren, die ihre Konten und Sparbücher leeren, um das Bargeld dann an einen Boten zu übergeben. Und genau hier setzt die Präventionsaktion an, die PI und Banken nun gemeinsam im Heidekreis starten. Ihre „Waffe“ im Kampf gegen das Verbrechen ist dabei ein simpler, aber auffällig mit Schlüsselfragen und Hinweisen bedruckter Briefumschlag: In den sollen die Kundenberater am Schalter die Geldscheine stecken können, wenn ihnen etwas merkwürdig vorkommt. Was es mit dem „Briefumschlag gegen Telefonbetrug“ auf sich hat, stellen Vertreter der Kreissparkassen Soltau und Walsrode sowie der Volksbank Lüneburger Heide jetzt gemeinsam mit den Beamten bei der Polizei in Soltau vor.

„Das Thema, um das es hier geht, ist ein ätzendes“, so Polizeidirektor Stefan Sengel beim Pressetermin am vergangenen Dienstag. Denn solche Delikte, bei denen Rentner um ihr Erspartes gebracht werden, „sind sozialschädlich und spielen mit der Menschlichkeit“, ist der Leiter der Polizeiinspektion erbost über solche Betrugsmaschen. Dass man auf diese hereinfallen könne, hätte Kathleen Schwarz auch nicht gedacht, meint die Kriminalhauptkommissarin, „bis ich mich mit dem Thema beschäftigt habe.“ Um einen Einblick zu geben, wie es den Tätern gelingt, scheinbar „einfach so“ von ihren Opfern hohe Geldbeträge zu bekommen, spielt die Polizistin einen kurzen Mitschnitt aus einem solchen Telefongespräch vor. Zu hören ist, wie eine ältere Dame und der Betrüger zunächst mehrfach nur „Hallo?“ und „Hörst du mich?“ sagen - dann fragt die Seniorin: „Rainer? Bis du das?“ Und der Betrüger reagiert sofort: „Ja, genau.“ Nach ein paar freundlichen Worten, scheint für die ältere Dame klar: Sie telefoniert mit ihrem Rainer. Der ist natürlich nicht am anderen Ende der Leitung, kommt aber dann ganz schnell, jedoch nett und höflich, zur Sache: „Du, ich brauche Deine Hilfe!“ Und die Seniorin sichert ihm diese auch sofort zu, teilt dem Anrufer auf Nachfrage etwas verdutzt die Summen auf Sparbuch und Konto mit. Dann folgen die entscheidenden Anweisungen: „Hol‘ das Geld bitte von der Bank ab, aber Du darfst auf keinen Fall irgendjemandem erzählen, wofür Du es brauchst!“ Diese Botschaft, so erläutert Schwarz, werde den Opfern wieder und immer wieder eingetrichtert. Sie erklärt nach dem kurzen Ausschnitt aus dem Gespräch, dass sich dieses noch über Stunden hingezogen habe. „Teilweise werden die Opfer sogar über Tage bearbeitet - und vor allem sollen sie keinem etwas sagen.“

Kein Wunder also, dass sie schließlich schweigen, wenn sie am Bankschalter stehen und hohe Beträge abheben. „Deshalb haben wir die hiesigen Geldinstitute für die Präventionsaktion gewinnen wollen. Die Bankberater kennen die Kundinnen und Kunden oft seit langen, können so einfach und unkompliziert reagieren, wenn sie ein ‚komisches Bauchgefühl‘ haben“, hofft Schwarz.

Und die Banken begrüßen die Initiative sehr, gibt sie ihnen damit doch ein neues „Instrument“ zur Hand: „Wir können dadurch auch unsere Mitarbeiter stärken, sie können agieren, wenn ihnen etwas ungewöhnlich vorkommt“, meint Heiko Westphal vom Vorstand der Kreissparkasse (KSK) Soltau. Und sein Kollege von der Kreissparkasse Walsrode ergänzt: „Denn es ist schlimm, wenn das gesamte Ersparte auf solche Weise verschwindet“, so Jens Rüpke, Leiter des Unternehmensbereichs Privatkunden. Der „Briefumschlag gegen Telefonbetrug“ sei ein „sinnvoller Baustein, der zudem wenig Aufwand bereitet“, fügt Christian Otto von der Volksbank Lüneburger Heide hinzu.

10.000 dieser Umschläge sollen in der ersten Auflage griffbereit an den Schaltern liegen. Darauf die Fragen: „Haben Sie den Geldbetrag abgehoben, weil Sie angerufen worden sind?“, „Sollen Sie das Geld noch heute übergeben?“, „Hat der Anrufer Ihnen verboten, über den Zweck der Abhebung zu sprechen?“, „Hat sich der Anrufer als Familienangehöriger, Polizist, Arzt, Notar oder Richter ausgegeben?“, „Sollen Sie das Geld an eine unbekannte Person übergeben?“ und „Sollen Sie etwas überweisen oder eine Geldwertkarte kaufen?“ Und darunter der Appell: „Wenn Sie zwei oder mehr Fragen mit ‚Ja‘ beantworten, will ein Betrüger ihr Geld. Wählen Sie sofort die 110!“ Unter dieser Telefonnummer wartet dann am anderen Ende der Leitung kein falscher Polizist, sondern ein Beamter, der helfen und aufklären kann.

Solche Briefumschläge seien im Harburger Raum bereits im Einsatz und in manchen Verdachtsfällen schon ausgehändigt worden, berichtet Otto: „Und wenn sich auch hier nur ein einziger Fall dadurch verhindern lässt, hat sich die ganze Aktion schon gelohnt.“

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