„Von einem Arzneimittelflohmarkt halte ich gar nichts“

Kent Blake, Leiter der Krankenhausapotheke am Heidekreis-Klinikum, zur Versorgung der Patientinnen und Patienten mit Arzneimitteln

„Von einem Arzneimittelflohmarkt halte ich gar nichts“

Viele Medikamente sind derzeit wegen Lieferschwierigkeiten nicht verfügbar. Wie sieht es im Heidekreis-Klinikum (HKK) aus? Ist die Versorgung der Patientinnen und Patienten mit Arzneimitteln gesichert? Kent Blake, Leiter der Krankenhausapotheke am Heidekreis-Klinikum, beantwortet diese Fragen: „Hier im Krankenhaus haben wir Apotheker bei Lieferengpässen immer die Möglichkeit, sehr schnell zu agieren. Wir wählen dann zum Beispiel mit unseren Ärztinnen und Ärzten gemeinsam entweder ein sogenanntes aut idem - das heißt ein gleiches Arzneimittel anderer Hersteller - oder ein sogenanntes aut simile (Me-too mit gleicher Wirkstoffgruppe) aus. Oder wir nutzen eine gleichwertige andere Therapie.“ In einer Klinik, so der Apothekenleiter, sei dies gut möglich, „denn unsere Patientinnen und Patienten werden auf unseren Stationen sehr gut überwacht. So etwas könnte eine Arztpraxis gar nicht leisten.“

Trete also eine Unverträglichkeit auf, könne – im Gegensatz zum ambulanten Bereich – diese sehr schnell erkannt werden und es werde schnell gegengesteuert. „Außerdem“, so Kent Blake „sind wir zudem Mitglied einer großen Einkaufsgemeinschaft, der EKK, die knappe Arzneimittel kontingentiert und fair nach Bedarf unter den Kliniken aufteilt.“ Hinzu käme ein gutes Miteinander der Krankenhausapotheken: „Wir helfen untereinander aus.“

Die Lieferproblematik bei Arzneimitteln sei übrigens ein „altes“ Thema. Blake erklärt: „Das hat sehr verschiedene Gründe und diese Problematik bestand auch schon vor dem Angriffskrieg gegen die Ukraine, ja sogar schon vor der Corona-Pandemie. Verantwortlich ist unter anderem die Tatsache, dass Europa die Arzneimittelherstellung seit langer Zeit an die asiatischen Länder abgegeben hat. Diese haben in wenigen zentralen Herstellungszentren die Komplettversorgung übernommen. Gibt es in einem dieser Werke Pannen oder werden die Lieferketten gestört, gibt es Engpässe und die Arzneimittel werden teilweise dann an die eigene Bevölkerung oder an Länder, die mehr Geld zahlen als Deutschland, abgegeben. So etwas passiert zum Beispiel bei den Penicillinen, Propofol, Heparinen und Schmerzmitteln.“

Doch wie können diejenigen, die derzeit nicht an „ihr“ Medikament herankommen, versorgt werden?„Von einem Arzneimittelflohmarkt halte ich gar nichts. Der Chef der Bundesärztekammer überrascht mit seinem Vorschlag und scheint die Problematik nicht erkannt zu haben. Für Patienten, die an chronischen Krankheiten leiden, ist es ganz wichtig, dass sie die Problematik an ihren Hausarzt herantragen, damit gemeinsam eine Lösung gefunden wird“, unterstreicht der Leiter der Krankenhausapotheke am HKK. Bei den Me-Too-Präparaten wie zum Beispiel Valsartan könne eine Umstellung auf ein vergleichbares Arzneimittel wie Candesartan oder ähnliche erfolgen. „Sofern es keine Me-too Präparate gibt, kann zum Beispiel auch eine Apotheke aus größeren Packungen kleinere Teilmengen herausgeben, wie im Fall von Tamoxifen“, erläutert Blake. Und weiter: „Man muss festhalten, dass es zwar Lieferengpässe gibt, wir aber glücklicherweise noch nicht von einer Unterversorgung der Patientinnen und Patienten mit Arzneimitteln sprechen.“

Deshalb sein dringender Appell an die Nutzerinnen und Nutzer: „Fangen Sie bitte auf keinen Fall an, selbstständig untereinander Arzneimittel austauschen. Das geht auf Kosten der Arzneimittelsicherheit und ein Schaden durch falsche Dosierung oder gar ein falsches Medikament kann sehr groß sein. Bitte suchen Sie immer Ihren Hausarzt auf, suchen Sie auch das Gespräch mit Ihrer Apotheke vor Ort!“

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