Wenn Haustiere von heute auf morgen verschwinden: Ehrenamtliche helfen

Heike Becker aus Dorfmark: „Die Ungewissheit ist das Schlimmste“

Wenn Haustiere von heute auf morgen verschwinden: Ehrenamtliche helfen

„Gesucht!“ steht in Großbuchstaben auf dem Din-A4-Blatt, das an der hinteren Seitenscheibe des Autos der Dorfmarkerin Heike Becker hängt. Die Fotos darauf zeigen ihre Katze Frieda, die am 11. April 2018 von heute auf morgen verschwunden ist. Der mit Tesafilm angeklebte Zettel ist an einer Stelle leicht angerissen, die Fotos sind schon ein wenig verblichen. Der 55-Jährigen ist natürlich bewusst, dass die Chance, dass sie ihren Vierbeiner wiedersehen wird, äußerst gering ist. Aber irgendwie mag sie die Hoffnung nicht aufgeben. „Frieda war damals zwei Jahre alt. Sie war Freigängerin, hielt sich aber am liebsten im Haus auf. Keiner weiß, was mit ihr passiert ist. Ich habe den Verdacht, dass ihr etwas zugestoßen und sie im Müll entsorgt worden ist“, so die Dorfmarkerin, die in der ambulanten Pflege arbeitet. Das Warten, die Ungewissheit - Becker wollte etwas tun. Seitdem engagiert sie sich ehrenamtlich, liest zum Beispiel bei Totfunden mit speziellen Geräten Transponder aus und informiert die Besitzer.

Für Tiere hat Becker von klein auf ein großes Herz. „Wir hatten Hunde, Katzen, Hühner, Enten und Schafe“, erinnert sich die Dorfmarkerin. Für Katzen hat sie ein besonderes Faible, kümmert sich liebevoll um ihre Samtpfoten Paul, Emma, Luise und Elly. Ihre Frieda vermisst sie nach wie vor. Die Erfahrungen, die sie im Zuge des Verlusts gemacht hat, haben sie dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu engagieren. „Das war der Grund, warum ich auf Facebook gelandet bin“, erklärt Becker. Im sozialen Netzwerk engagiert sie sich in der öffentlichen Gruppe „Tiere gesucht & gefunden im Heidekreis“, die derzeit rund 2.050 Mitglieder hat und gegründet wurde, um gesuchte und gefundene Tiere wieder mit „Herrchen“ und „Frauchen“ zusammenzubringen. Dort zählt die Dorfmarkerin zu den Administratorinnen, die das Ganze koordinieren und am Laufen halten. Darüber hinaus ist Becker in einer ähnlichen, überregional tätigen Facebook-Gruppe aktiv, die rund 13.000 Mitglieder hat.

Für beide Gruppen gilt: Je mehr Nutzer regelmäßig „reinschauen“, desto größer ist die Chance, ausgebüxte Hunde, entflogene Vögel oder irgendwo aufgefundene Katzen wieder in die Hände ihrer Halter geben zu können. Dass Tiere lebend und wohlauf zu ihrem Zuhause zurückgebracht werden, ist der Idealfall, es gibt aber auch Totfunde, die der Gruppe ebenfalls gemeldet werden sollen. Meistens geht es hier um Katzen, die überfahren worden sind oder auch Rattengift gefressen haben und daran verendeten. „Für die Besitzer ist es sehr wichtig, dass sie wissen, was mit ihrem Tier passiert ist“, betont Becker: „Deshalb appellieren wir an alle Privatpersonen, an Mitarbeiter der Straßenmeistereien, Streckenkontrollen, Bauhöfe, der Feuerwehr und Rettungsdienste tote Tiere nicht einfach irgendwo einzubuddeln oder über den Müll zu entsorgen. Die Haustiere waren Familienmitglieder und oftmals noch viel mehr, nämlich bester Freund, Vertrauer und Ansprechpartner. Jemand auf den man wartet. Und daher ist es so wichtig, dass sich die Halter verabschieden können.“

Deshalb gelte es, bei einem tot aufgefundenen Haustier die Kennzeichnung zu kontrollieren, nach dem Geschlecht zu schauen und, wenn möglich, Fotos zu machen. „Das ist wichtig, so grausam sich das auch anhört“, sagt Becker. Natürlich fühlt sich nicht jeder einer solchen Aufgabe gewachsen oder verfügt über das erforderliche Equipment. In Solchen Fällen kommen die Ehrenamtlichen ins Spiel: Wer ein totes Haustier gefunden hat, wird gebeten, das Tierheim zu informieren und sich bei den Mitgliedern der Gruppe „Tiere gesucht & gefunden im Heidekreis“ zu melden, die dann unentgeltlich in ihrer Freizeit helfen. „Wir haben mehrere Mitglieder, die über Lesegeräte verfügen. Das setzt natürlich voraus, dass die Tiere gechippt und registriert sind“, so Becker. Es sei allerdings ein weitverbreiteter Irrtum, dass mit dem Einsetzen des Transponders durch einen Tierarzt oder eine Tierärztin auch automatisch eine Registrierung erfolge. „Der Tierarzt setzt den Mikrochip nur ein, um die Registrierung müssen sich die Halter selbst kümmern. Das wird manchmal nicht ausreichend kommuniziert“, berichtet Becker. Erst nach der Registrierung könne das Tier mit seinem Halter in Verbindung gebracht werden.

In Deutschland gibt es drei große Register, bei denen die Daten gechippter Haustiere registriert werden. Zwei davon, „Tasso“ und „Findefix - Das Haustierregister des Deutschen Tierschutzbundes“ bieten dies kostenlos an.

„Im vergangenen Jahr hatten wir mehr als 50 Katzen, deren Halter wir gefunden haben. Je mehr Leute bei uns mitmachen, desto größer ist die Chance, Tiere wieder nach Hause bringen zu können“, unterstreicht die Dorfmarkerin: „Oft sind es zum Beispiel Nachbarn, die die Tiere kennen.“ So manches Mal gibt es dabei tolle Erfolgserlebnisse: „Wir hatten schon mal den Fall, dass ein Tier nach zwei Jahren wieder nach Hause gekommen ist, weil es in der Gruppe wiedererkannt wurde“, berichtet die Tierfreundin.

Auf der anderen Seite sind auch traurige Situationen zu meistern: „Anfang des Jahres musste ich eine Katzenhalterin informieren, dass ihr Tier tot ist. Im vergangenen Monat musste ich ihr die Nachricht überbringen, dass ihre zweite Katze ums Leben gekommen ist. Das ist dann schon sehr schwierig, wenn Menschen in Tränen ausbrechen, gerade, wenn sie zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht mitbekommen haben, dass ihr Tier abhanden gekommen ist“, berichtet Becker. Nichtsdestotrotz sei die Arbeit der Gruppe richtig und wichtig: „Der Verlust eines Tieres bringt oft die komplette Familie durcheinander. Alle sind traurig. Und die Ungewissheit ist das Schlimmste. Sie lähmt und macht es einem extrem schwer, den Tagesablauf zu bewältigen.“ Deshalb wollen sie und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter möglichst viele Bürgerinnen und Bürger aus dem Heidekreis für das Thema sensibilisieren.

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