„Mini-Findlinge“, die Freude machen

Elke Witte aus Hessen versteckt in der Region „Seelensteine“, kleine Kunstwerke, die den Finderinnen und Findern Freude bereiten sollen.

„Mini-Findlinge“, die Freude machen

„Seelensteine“ - so nennt Elke Witte aus Hemsen ihre kleinen Kunstwerke. Auf ganz gewöhnliche Steine zaubert sie mit feinsten Pinselstrichen und Acrylfarbe bunte Motive, wobei die Auswahl von Blumen und Landschaften über Engel bis hin zu Leuchttürmen am Meer reicht. Mit ihren Kunstwerken im Miniaturformat möchte die 53jährige anderen Menschen eine Freude machen. Deshalb verteilt sie sie an den verschiedensten Orten in der Region, wenn sie unterwegs ist. Bei Fahrradtouren legt sie die farbenfrohen „Mini-Findlinge“ auf Tische und Bänke und im Supermarkt auch schon mal in einen leeren Einkaufswagen - stets in der Hoffnung, daß sie dem jeweiligen Finder oder der Finderin damit ein Lächeln ins Gesicht zaubert. „Ein kleines bißchen Freude für die Seele“ - so formuliert es die gebürtige Neuenkirchenerin.

Und sie hat damit Erfolg, wie ein Eintrag im Gästebuch ihrer Internet-seite „Pinselstriche für die Seele“ belegt. Dort schreibt eine Finderin: „Liebe Frau Witte, was für eine tolle Idee. Ich habe diesen hübschen Stein auf einer Bank gefunden - auf meiner Fahrradtour zum Birkensee. Er liegt jetzt auf meinem Tisch und ich freue mich jeden Tag über den schönen Engel. Wenn ich noch einmal so einen Stein finde, werde ich ihn verschenken.“

Daß das Leben mitunter auch mit schweren Schicksalsschlägen aufwartet, mußte auch Witte leidvoll erfahren. Die Mutter dreier volljähriger Kinder ist früh verwitwet und machte dementsprechend eine schwere Phase durch. „Manchen hilft dann eine Kur mit Maltherapie, ich aber habe mir überlegt: Malen kannst Du auch zu Hause“, berichtet Witte.

Kunst und Malerei hat sie nicht studiert, vielmehr ist sie Autodidaktin. „Ich habe schon als Kind gern gemalt, der Kunstunterricht hat mir immer viel Spaß gemacht, auch wenn ich oft etwas anderes gemalt habe, als ich sollte“, schmunzelt Witte. Sie griff also wieder verstärkt zu Pinsel und Farbe, um die Dunkelheit zu vertreiben. Zunächst waren es Leinwände, später bemalte sie auch Eier und Glaskugeln, um sie an Freunde und Familie zu verschenken. „Das Malen hat mich aus dem Tief herausgeholt. Dabei bekomme ich den Kopf frei und vergesse alles um mich herum“, erläutert die Hemsenerin. So entstand schließlich die Idee, ihre Kunst unter dem passenden Namen „Pinselstriche für die Seele“ im Internet zu veröffentlichen. An ihren Kunstwerken arbeitet sie stets zu Hause, ein Atelier hat sie nicht. „Ich höre gern laute Musik beim Malen, die Kinder sind hier, manchmal ist auch der Fernseher an oder es kocht jemand. Es ist mitten im Leben, wo meine Sachen entstehen“, berichtet die Heidjerin. Ihr Talent sprach sich herum, so daß sie damit beauftragt wurde, alten, verwitterten Schützenscheiben zu neuem Glanz zu verhelfen. Auch neue Scheiben fertigt sie seitdem im Auftrag von Schützenvereinen an. Doch dabei blieb es nicht: „Irgendwann las ich im Internet von bemalten Steinen, die irgendwo ablegt werden, damit sich die Finder darüber freuen können. Diese Idee fand ich toll“, berichtet die Heidjerin. Damit begann für die Hobbykünstlerin ihre „Stein-Zeit“.

Wichtig ist natürlich, daß die zu bemalenden Objekte eine glatte Oberfläche haben. Deshalb kauft die Hemsenerin sie zumeist im Baumarkt, manchmal wird ihr auch das eine oder andere geeignete Exemplar mitgebracht. Zum Bemalen benutzt sie dann Acrylfarben und fast ausschließlich sehr feine Pinsel der Stärken 1 bis 3. Weil der Untergrund zunächst trocknen muß, bevor es an die Feinheiten geht, benötigt sie zwischen einer Stunde und vier Stunden für ein Kunstwerk im Kleinformat. Dabei seien der Kreativität keine Grenzen gesetzt, „aber man braucht eine ruhige Hand“, erläutert Witte.

Wetterfest macht sie die „Findlinge“ mit Sprühlack. „Das klappt gut. Das hält natürlich nicht Jahrzehnte, aber sicherlich einige Jahre. Die Sonne bleicht die Farben dank der Schutzschicht nicht aus“, erklärt die 53jährige. Im Frühjahr 2018 deponierte sie bei einer Rad- und Hunde-Runde in der Natur erstmals einige Steine. „Ich habe das auf meiner Facebook-Seite veröffentlicht und auch Resonanz bekommen, weil die Freundin der Mutter einer Freundin einen Stein gefunden hat“, erinnert sich Witte. Und damit war der Stein so richtig ins Rollen gekommen.

Die Aktion von Elke Witte machte zunehmend die Runde und nach und nach wünschten sich Interessierte von ihr Steine mit persönlichen Motiven, etwa dem geliebten Haustier. Aber auch Wohnmobile, Autos und Motorräder zauberte sie auf die ungewöhnlichen „Leinwände“. Einmal hat sie auch die Gesichter von drei Schwestern, die lange nichts voneinander wußten und sich somit erst sehr spät kennenlernten, als besonderes Geschenk auf einem Stein verewigt.

Bei einem Gang über den Friedhof kam ihr die Idee, Engel auf Steine zu malen - als Grabschmuck. Ein Motiv kam dabei so gut an, daß sie es inzwischen mehrfach in leicht veränderten Variationen gemalt hat. „Natürlich hört man dabei auch viele traurige Leidensgeschichten, die ich sehr gut nachvollziehen kann“, berichtet Witte. Bislang hat sie ihrer Schätzung nach um die 100 „Seelensteine“ angefertigt, „davon sehr, sehr viele auf Bestellung.“ In der Region verteilt hat sie bislang etwa 20 Exemplare. Als Hundebesitzerin weiß sie natürlich, daß die versteckten Kunstwerke aus hygienischen Gründen nicht auf dem Boden liegen sollten. „Deshalb lege ich sie nach Möglichkeit erhöht ab, zum Beispiel auf Stromkästen oder Tische auf Rastplätzen“, erklärt die „Seelenstein-Produzentin“. Damit der jeweilige Finder weiß, daß es sich um „Kunst to go“ handelt und das Fundstück durchaus eingesteckt werden darf, gibt es auf der Rückseite jedes Steines eine Botschaft, die da lautet: „Pinselstrich für die Seele. Zum Mitnehmen.“

Ihre Motive sucht sich die Heidjerin im Internet, manchmal dienen auch die von ihr auf Leinwand gemalten Motive als Vorlage. „Im Grunde kann man alles auf Stein bringen“, erläutert Witte. Ihre „Seelensteine“ wird sie auch künftig unter das Volk bringen. Sie hat sich vorgenommen, das Ganze nun auch den Jahreszeiten entsprechend fortzusetzen. Zur Weihnachtszeit wird sie Steine mit entsprechenden Motiven verstecken, Ostern bemalte „Seeleneier“ irgendwo zum Mitnehmen aufhängen. Und wenn sie erfährt, daß jemand aus dem Familien- oder Freundeskreis zu einem besonderen Ort reisen wird, dann wird sie dem- oder derjenigen auch mal einen „Seelenstein“ zum „Aussetzen“ in der Ferne mitgeben.

Steinreich wird sie damit freilich nicht, doch das ist auch nicht ihre Intention, wie Witte betont: „Es ist eine tolle Idee, ein Hobby, daß mir Spaß macht. Und wenn man dann auch noch mitbekommt, daß sich jemand darüber gefreut hat, dann ist das besonders schön.“

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