„Andere Länder tun mehr“

Drei norddeutsche Tiefengeothermie-Projekte üben den Schulterschluß

„Andere Länder tun mehr“

Zwei Dinge haben die Stadtwerke Munster-Bispingen, die Stadt Bad Bevensen und das Familienunternehmen Emsflower GmbH aus Emsbühren gemeinsam. Das erste: Jeder von ihnen arbeitet an einem Tiefengeothermieprojekt, um Erdwärme zu nutzen. Das zweite: Ihnen allen fehlt die Möglichkeit der Vorfinanzierung beziehungsweise der Risikoabdeckung. Dies vor allem, weil es derartigen Projekten bislang an politischer Unterstützung mangelt, und um die wollen die Drei jetzt verstärkt werben. So hatten Alfred Schröder, Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke Munster-Bispingen, und Geschäftsführer Jan Niemann am vergangenen Mittwoch Bad Bevensens Stadtdirektor Hans-Jürgen Kammer und Tim Kuipers von Emsflower zu Gast, um den Schulterschluß zur Nutzung der Geothermie in Norddeutschland zu üben. Gemeinsam ist man schließlich immer stärker.

Schon seit mehr als zehn Jahren verfolgen die Stadtwerke ihr Projekt, Bad Bevensen bereits seit 13 Jahren, Emsflower allerdings erst seit einiger Zeit. Auch wenn diesen Projekten unterschiedliche Erschließungs- und Nutzungskonzepte zugrunde liegen, so setzen sie doch alle auf Energie aus der Erde. Dabei wird, vereinfacht gesagt, heißes Wasser aus großen Tiefen an die Erdoberfläche gefördert, dort etwa zur Wärmeversorgung oder Stromerzeugung genutzt, um dann wieder über ein weiteres Bohrloch in den Förderbereich zurückgeführt zu werden und so den Kreislauf zu schließen.

„Tiefengeothermie ist nachhaltig und umweltfreundlich“, betont Schröder. Und Niemann: „Sie kann eine große Rolle spielen, denn sie hat das Potential zu einer weitgehend treibhausneutralen Energieversorgung und führt nicht zur Erzeugung von CO2.“ Aus geologischer Sicht biete hier Niedersachsen nach Bayern deutschlandweit die besten Möglichkeiten. Die Idee, stillgelegte Erdgasbohrungen für die Förderung des Wassers zu nutzen, sei eine weitere große Chance, die Tiefengeothermie voranzubringen.

Das bestätigt auch Professor Dr. Dieter Michalzik, der als Diplom-Geologe die drei Projekte fachlich betreut. Rund 30.000 Bohrlöcher gebe es, „2.000 davon stehen in den kommenden Jahren zur Vefüllung an.“ Auch die Munsteraner möchten bei ihrem Projekt auf ein solches Bohrloch zurückgreifen, nämlich Munster Südwest Z3. Für die geplante Nachnutzung gibt es bereits eine Vereinbarung mit dem internationalen Energieunternehmen Exxon.

Dieser Standort, so Niemann, sei für die geothermischen Planungen gut geeignet: Aus einer Tiefe von 5.000 Metern soll das bereits nachgewiesene Thermalwasser mit einer Temperatur von 147 Grad Celsius gefördert werden. Mit der solchermaßen gelieferten Energie soll Wärme für die Versorgung der Örtzestadt und möglicherweise der Bundeswehr, aber auch Strom erzeugt werden. Bei reiner Verstromung, so rechnen die Stadtwerke, würden hier zwei bis 2,5 Megawatt gewonnen oder bei einer Wärmeversorgung 10.000 Tonnen CO2 jährlich eingespart.

Anders das Vorhaben in Bad Bevensen, bei dem es sich um ein reines Wärmeprojekt handelt: Dort soll aus rund 2.500 Metern 90 Grad heißes Wasser gewonnen werden, um damit eine Klinik und die dortige Therme mit Wärme zu versorgen.

Das dritte Projekt schließlich dreht sich um die Großgärtnerei Emsflower, die noch in den Niederlanden beheimatet ist, aber schon große Flächen in Deutschland nutzt und, so Kuipers, ganz umziehen möchte. Als größter Gartenbaubetrieb Europas hat das Unternehmen allein in Deutschland 64 Hektar unter Glas: „Wir brauchen viel Wärme und wollen deshalb die Tiefengeothermie nutzen. Außerdem möchten wir so etwa CO2-neutrale Tomaten liefern können, denn auch die Kunden werden hier immer kritischer“, betont Kuipers.

Alle drei Projekte, so der einhellige Tenor am vergangenen Mittwoch, seien umsetzungsreif. Dazu lägen umfangreiche Machbarkeitsstudien vor, die nicht nur von einer technischen, sondern auch einer wirtschaftlichen Umsetzbarkeit ausgingen.

Schon seit die Stadtwerke ihr Projekt verfolgen, gab es von politischer Seite dafür viele lobende Worte - aber sonst nicht viel mehr. Offensichtlich genoß das Thema Tiefengeothermie nicht eben oberste Priorität. So seien die Munsteraner zwar freundlich in den zuständigen niedersächsischen Ministerien empfangen worden, so Schröder, was allerdings nicht zum Erfolg geführt habe: „Wir wollen uns jetzt verstärkt und gemeinsam an unsere Landtags- und Bundestagsabgeordneten wenden und auch verstärkt in der Öffentlichkeit auf die Vorteile der Tiefengeothermie hinweisen.“

Daß solche Projekte gut funktionieren können, wenn die Politik mit im Boot und damit finanzielle Unterstützung gesichert ist, zeigen Beispiele in Bayern und in Schwerin. Im Ausland, so Michalzik, sei das zum Teil schon gängige Praxis: „Die machen es uns vor, denn ohne finanzielle Projektabsicherung kann es auch hier in Norddeutschland keine substantielle Entwicklung der Tiefengeothermie geben. In den Niederlanden gibt es dafür beispielsweise ein Budget von insgesamt 66,6 Millionen Euro. Auch in Frankreich, Belgien, der Schweiz, Dänemark, Polen und der Türkei stehen Gelder bereit.“

Die drei Projektbetreiber gehen davon aus, daß dies auch in Niedersachsen erkannt und vorangetrieben wird, zumal, so der Aufsichtsratsvorsitzende, „die Poltik gerade zum Thema Tiefengeothermie berät.“ Gleichwohl haben sich die Drei vorgenommen, die derzeitigen Gespräche mit der Politik auf Bundes- und Landesebene zu intensivieren und weiterhin gemeinsam Überzeugungsarbeit zu leisten, um ihre Projekt und damit die Tiefengeothermie in Norddeutschland insgesamt voranzubringen.

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