Ausbildung „unter Hochdruck“

Verteidigungsminister, ukrainischer Botschafter und Wladimir Klitschko in Munster

Ausbildung „unter Hochdruck“

Seine Vorgängerin Christine Lambrecht hatte nicht nur wegen der von ihr beim Truppenbesuch in Mali getragenen Pumps mit zentimeterhohen Absätzen Negativschlagzeilen gemacht, sondern war auch darüber hinaus in das eine oder andere Fettnäpfchen getreten. Der neue Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hingegen setzte bei seinem Besuch der Panzertruppenschule Munster am vergangenen Montag auf robustes Schuhwerk und einen zweckmäßigen dunkelgrünen Anorak, der sich nach seiner Mitfahrt im Schützenpanzer Marder durch matschiges Gelände optisch einer Flecktarnjacke der Bundeswehr angenähert hatte. Besuch des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Kiew, Teilnahme an der Sicherheitskonferenz in München, Abstecher zum größten Heeresstandort Deutschlands – der Lambrecht-Nachfolger hat derzeit ein straffes Programm zu absolvieren. In Munster informierte sich Pistorius über die Ausbildung ukrainischer Soldaten am Kampfpanzer Leopard 2A6 und am Schützenpanzer Marder 1A3. Überraschend mit dabei waren der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev und Ex-Boxweltmeister Wladimir Klitschko, Bruder des Kiewer Bürgermeisters Vitali Klitschko. Das Medieninteresse war groß, selbst ein Redakteur einer US-amerikanischen Zeitung und ein japanisches Filmteam berichteten aus der Örtzestadt.

Viele Fragen der Journalisten in Gesprächen mit Ausbildern und Ukrainern blieben indes unbeantwortet. In Kriegszeiten ist Sicherheit oberstes Gebot, der Feind liest, sieht und hört mit. Die ukrainischen Soldaten traten aus Angst um ihre Familien maskiert und anonym vor die Kameras. Auch ein deutscher Ausbilder verbarg sein Gesicht und nannte beim Termin lediglich seinen Dienstgrad und Vornamen. Wie viele Ukrainer gerade in Munster ausgebildet werden? „Dazu kann ich aus operativen Gründen nichts sagen“, antwortete der Hauptmann namens Stefan – eine Antwort, die an diesem Tag so oder ähnlich des öfteren zu hören war.

Klar ist, dass bei der Ausbildung Eile geboten ist. Deutschland will der Ukraine bis Ende März 14 Leopard-2-Kampfpanzer und 40 Marder übergeben. Die Ausbildung der künftigen Besatzungen – im Leopard sitzen vier, im Schützenpanzer neun Soldaten –laufe daher „unter Hochdruck“, erklärte ein Offizier: „Die Ukrainer werden jeden Tag zwölf Stunden ausgebildet – auch samstags.“ Dabei werde ausschließlich das Rüstzeug vermittelt, das die Soldaten auf dem Gefechtsfeld benötigten. „Eine Einweisung in den deutschen Straßenverkehr gehört nicht dazu“, betonte einer der Ausbilder, ein 30-jähriger Panzergrenadier, „wir bilden kriegsnah aus.“

Ob technische oder simulatorgestützte Ausbildung, Training auf der Schießbahn oder Gefechtsübungen - die deutschen Ausbilder berichteten allesamt beeindruckt, wie wissbegierig die Ukrainer seien, wie schnell sie lernten. „Sie saugen alle Inhalte auf wie ein trockener Schwamm“, berichtete ein Hauptmann, „und sie werden mit einem hohen Ausbildungsstand zurück in die Ukraine gehen.“ Auf der anderen Seite hätten sich die Soldaten aus dem von Russland angegriffenen Land beeindruckt von den deutschen Panzern gezeigt und festgestellt, dass der Marder besser fahre und schieße als russische BMP-Schützenpanzer.

„Entscheidend ist, dass wir die neuen Waffensysteme richtig und effektiv einsetzen“, erklärte einer der „vermummten“ Ukrainer in seiner Landessprache, der sich Anatoli nannte. Der neben ihm stehende Oleg übersetzte für die Medienvertreter. Ob er er Angst davor habe, nach der Ausbildung zurück in den Krieg zu müssen? „Angst haben wir alle, aber das Wichtigste ist, wie man damit umgeht und trotz der Angst weiterkämpft“, antwortete der über 50-jährige Anatoli. Er sei sich sicher, dass die deutschen Waffensysteme, insbesondere die Leopard-Kampfpanzer, auch gut für die Moral der Truppe seien. „Unsere Kameraden warten darauf, dass wir schnellstmöglich zurückkommen, um ihnen zu helfen, den Feind zu besiegen“, betonte der Soldat.

„Wir versuchen alles, was geht, für die Ukrainer zu machen“, hob Generalleutnant Andreas Marlow, Kommandeur Special Training Command, hervor. Im vergangenen Jahr seien in Deutschland 1.000 Ukrainer militärisch ausgebildet worden, in diesem Jahr im ersten Quartal bereits 2.000. Ziel bis zum Ende des Jahres seien „9.000 oder mehr“, wobei diese nicht nur in Munster, sondern auch an anderen Bundeswehrstandorten an Waffen und Gerät trainierten. Unabdingbar sei es, für diese Aufgabe ausreichend Sprachmittler gewinnen zu können. „Wir stehen in enger Verbindung mit dem ukrainischen Generalstab und stimmen uns ab“, erläuterte Marlow.

Verteidigungsminister Pistorius erklärte im abschließenden Pressestatement, dass er immer wieder von deutschen Ausbildern gehört habe, wie schnell sich die Ukrainer in die Materie „reinfuchsten“, wie handwerklich und technisch geschickt sie seien. Letztlich profitierten beide Seiten von der Ausbildung, denn die deutschen Soldaten bekämen so unmittelbar Eindrücke aus einem Kriegsgeschehen vermittelt, was sie wiederum in die Schulung der eigenen Kräfte einfließen lassen könnten. „Ich bin froh und dankbar, was hier mit Herzblut und Empathie geleistet wird“, unterstrich der Verteidigungsminister.

Der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev zeigte sich bei seinem Besuch beeindruckt, wie gut die Zusammenarbeit der deutschen und ukrainischen Soldaten funktioniere. Dieser Austausch sei für beide Länder gleichermaßen wichtig. Es sei erfreulich, dass sich zu den Geparden bei den Streitkräften in der Ukraine nun auch Leoparden und Marder gesellten, sagte er und würdigte das Engagement der Ausbilder der Bundeswehr. Er werde sich fortan verstärkt an die „ukrainische Community“ in der Bundesrepublik wenden, um weitere Frauen und Männer als Übersetzer für die Ausbildung zu gewinnen.

„Ich möchte euch bitten, weiter an uns in der Ukraine zu glauben, daran zu glauben, dass wir uns verteidigen können“, appellierte Wladimir Klitschko. Vor einem Jahr, da habe die freie Welt dies nicht getan. Er sei froh, zu hören, wie gut die Einweisung der ukrainischen Soldaten in die deutschen Waffensysteme vonstattengehe. Es gehe um Leben und Tod, betonte Klitschko. Er bedankte sich bei der Bundesregierung und Verteidigungsminister Pistorius für die Unterstützung - und wünschte sich zugleich weitere. „An der Front wird nicht mit Fäusten gekämpft“, betonte der Ex-Boxweltmeister: „Wir in der Ukraine, an der Frontlinie, beschützen euch auch hier.“ In der Ukraine wüssten die Menschen, was Diktatur bedeute. Seit Anfang des Krieges kämpften die Soldaten „für die Freiheit und die freie Welt.“

Verteidigungsminister Pistorius räumte ein, dass es der Bundeswehr durchaus „weh tut“, Kampf- und Schützenpanzer abzugeben, zumal es lange dauere, Nachschub zu bekommen. „Von der Bestellung eines Panzers bis zur Auslieferung dauert es zwei bis zweieinhalb Jahre. Wir sind in intensiven Gesprächen mit der Rüstungsindustrie und geben verbindliche Zusagen – aber Zeit braucht es trotzdem.“ Nach seinem Besuch in Munster machte sich der Minister weiter auf den Weg nach Unterlüß zum Rüstungsunternehmen Rheinmetall. Dort ging es um Munition für den Flugabwehrpanzer Gepard, den die ukrainischen Streitkräfte bereits erfolgreich zur Landesverteidigung einsetzen, für den allerdings die Munition knapp wird.

Logo