Brigadegeneral bei Übung: „Gute Verzahnung mit der Zivilbevölkerung“

7.500 Soldatinnen und Soldaten aus neun Nationen trainieren gemeinsam / Einblicke beim Medientag

Brigadegeneral bei Übung: „Gute Verzahnung mit der Zivilbevölkerung“

Im Zuge der Übung „Wettiner Heide“ der „Very High Readiness Joint Task Forse“ (VJTF), der sogenannten „Speerspitze der Nato“, wird gerade reichlich Staub aufgewirbelt. Und das nicht nur auf den Truppenübungsplätzen in Munster und Bergen, sondern auch in den sozialen Netzwerken. Dort sind einige alles andere als begeistert davon, dass gerade 7.500 Soldatinnen und Soldaten aus neun Nationen gemeinsam für den Ernstfall üben. Von „Kriegsspielen“ ist da die Rede, eine Nutzerin findet den Schießlärm auch wegen ihres verängstigten Hundes „ätzend“. Ganz anders dürften das all diejenigen sehen, die ihren Beruf im Flecktarnanzug ausüben. Zwar wurde die Großübung bereits weit vor Beginn des schrecklichen Krieges in der Ukraine geplant, der Angriff der russischen Streitkräfte auf das nur rund 1.550 Kilometer Luftlinie von der Bundesrepublik entfernte Land hat jedoch gezeigt, dass Frieden in Europa keine Selbstverständlichkeit ist. Das betonte auch Brigadegeneral Alexander Krone am vergangenen Dienstag beim Medientag, zu dem die Bundeswehr nach Munster eingeladen hatte.

„Die aktuellen sicherheitspolitischen Herausforderungen in Europa verdeutlichen auf schockierende Weise die Notwendigkeit solcher umfangreichen und hochgradig professionellen multinationalen Übungen“, sagte Krone vor den Kameras und Aufnahmegeräten von rund 40 Medienvertretern. Krone ist Kommandeur des Panzergrenadierlehrbataillons 37 „Freistaat Sachsen“, das in den Jahren 2022 bis 2024 als Leitverband der multinationalen Landanteile der Nato Responce Force (NRF) fungiert (siehe Bericht unten). Nach derzeitigem Stand stellen insgesamt neun NATO-Partner Kräfte und Fähigkeiten für die VJTF Land bereit: Neben den Deutschen die Niederlande, Norwegen, Belgien, die Tschechische Republik, Lettland, Litauen, Luxemburg und Slowenien.

Deutschland stellt im Jahr 2023 mit der Panzergrenadierbrigade 37 „Freistaat Sachsen“ den Leitverband für die multinationalen Landanteile der NATO Very High Readiness Joint Task Force (VJTF), der „NATO-Speerspitze“. Diese wiederum ist Bestandteil der NATO Response Force (NRF) 2022-2024, der so genannten „schnellen Eingreiftruppe“ der NATO. Wegen der unterschiedlichen materiellen Ausstattung der Streitkräfte der verschiedenen Länder muss das „Zusammenspiel“ geübt und stetig verbessert werden. Brigadegeneral Krone, dessen Leitverband eine koordinierende Rolle übernimmt: „Interoperabilität ist ein kompliziertes Unterfangen. Es kommt darauf an, alle Elemente in Ausbildung, Übung, Steuerung und Zertifizierung so zusammenzusetzen, dass aus den einzelnen Fähigkeiten das große Ganze wird.“

Das ist beileibe keine leichte Aufgabe, denn der mechanisierte Großverband besteht im VJTF-Jahr 2023 aus bis zu 12.000 Soldatinnen und Soldaten, von denen knapp ein Drittel der Panzergrenadierbrigade 37 angehört. Die weiteren Soldatinnen und Soldaten kommen aus vielen Bereichen der Bundeswehr sowie von den NATO-Partnern. Einen Einblick in das Training der „schnellen Eingreiftruppe“ der NATO erhielten die TV- und Rundfunk-Reporter sowie Vertreter der schreibenden Zunft am vergangenen Dienstag unter anderem auf den Truppenübungsplätzen Munster und Bergen sowie im Lager Hörsten. Noch bis zum 20. Mai bereiten sich rund 7.500 Soldatinnen und Soldaten mit der Übung „Wettiner Heide“ auf ihr VJTF-Jahr vor. Wesentlicher Bestandteil dieses gemeinsamen Trainings ist die Zertifizierung der Kampf- und Einsatzunterstützungsverbände durch NATO-Beobachter sowie die Verbesserung der multinationalen Zusammenarbeit. Es handelt sich um die größte Übung der NRF-Landbrigade während ihrer Stand-up-Phase in diesem Jahr.

Für die Medienvertreter richtete die Bundeswehr den Fokus insbesondere auf die Artillerie, die zu den Kampfunterstützungstruppen des Heeres zählt. Hauptwaffensysteme sind die Panzerhaubitze 2000, gerade Thema, weil ein Dutzend deutsche und niederländische Exemplare an die Ukraine geliefert werden soll, sowie der Raketenwerfer MARS. Den Medienvertretern wurde gezeigt, wie der Feuerkampf durch sogenannte „Joint Fire Support Teams“ am Boden beim Gefecht geführt wird. Diese setzen sich zusammen aus Artilleriebeobachtern, vorgeschobenen Beobachtern der Mörser und den Fliegerleittrupps. Sie begleiten die Kampftruppe und verfügen über die Fähigkeit, mit den Teilstreitkräften Luftwaffe und Marine, den Spezialkräften sowie auch mit verbündeten Armeen zusammenzuarbeiten.

Die Panzerhaubitze 2000 ist ein 155-Millimeter-Rohrwaffensystem auf einem gepanzerten Kettenfahrzeug und gilt als eine der modernsten Panzerhaubitzen der Welt. Beim Medientag präsentierte die „NATO Response Force“ den Gefechtsstand ihres multinationalen Artilleriebataillons und die verschiedenen Aufklärungsmittel. Vier Panzerhaubitzen einer Artilleriebatterie fuhren aus der Deckung des Waldes auf eine Fläche, feuerten und zogen sich umgehend in die „gedeckte Aufstellung“ zurück, um nicht zum Ziel der gegnerischen Artillerie zu werden. An anderer Stelle führten belgische Soldaten mit ihren 105-Millimeter-Geschützen, die von gepanzerten Fahrzeugen gezogen werden, den Feuerkampf. Hier durften die Berichterstatter ziemlich dicht ran, mussten zu ihrer eigenen Sicherheit aber eine Schutzbrille und einen Bundeswehr-Gefechtshelm tragen.

All dies war keine „Show“ für die Pressevertreter, sondern Teil einer regulären „Rot gegen Blau“-Übung. Auch der Besuch eines multinationalen Brigadeversorgungspunktes im Lager Hörsten stand auf dem Programm. Hier erledigen Soldatinnen und Soldaten sozusagen im Hintergrund wichtige Aufgaben. Das „Drumherum“ um die Kampftruppe, die „unterstützenden Teile“ wie zum Beispiel die Sanitäter, Feldjäger und die ABC-Truppe, ist ein immens wichtiger Teil des „Gesamtpakets“.

Das gilt insbesondere auch für die Heereslogistiktruppen. Im Einsatz verbrauchen die Fahrzeuge und Waffensysteme des Heeres täglich Tausende Liter Dieselkraftstoff. Die Soldaten benötigen Hunderte Kilogramm Verpflegung und verbrauchen mehrere Kubikmeter Wasser. Panzer, Fahrzeuge und anderes Wehrmaterial werden beschädigt oder sind durch Verschleiß nur noch eingeschränkt nutzbar. Auftrag der Heereslogistiktruppen ist es, auch unter Bedrohung, die Versorgung der Truppe mit den benötigten Gütern zu gewährleisten, defektes Gerät abzutransportieren und zu reparieren.

„Drei Viertel der Soldaten arbeiten, damit ein Viertel einen kinetischen Effekt erzielen kann“, unterstrich Krone. Rund 2.000 der 7.500 trainierenden Soldatinnen und Soldaten seien übrigens nicht auf den Übungsplätzen aktiv. Er freut sich, dass die Kräfte während der Übung auch „draußen auf der Straße“ unterwegs seien, bei „Bauer Schulze auf dem Hof“, in Ortschaften, Industriegebieten, in Dorfgemeinschaftshäusern. „Dabei haben wir bislang schöne Erfahrungen gemacht“, so der Kommandeur. Er sprach von einer „guten Verzahnung mit der Zivilbevölkerung.“ Demnach gibt es also auch zahlreiche Bürgerinnen und Bürger, die Verständnis für die Übungstätigkeit der Truppe haben. Laut Krone ist das veränderte Verständnis für zivil-militärische Zusammenarbeit „ein Nebeneffekt der Übung und bringt uns allgemein weiter. Das ist ein Räderwerk, das ineinandergreift. Ich finde das positiv.“

„NATO Readiness Action Plan“

Im November 2002 beschlossen die Mitgliedsstaaten der NATO den Aufbau eines reaktiven Eingreifverbandes, die „NATO Response Force“ (NRF). Die sogenannte „schnelle Eingreiftruppe“ bestand aus 13.000 Soldaten und wurde in den folgenden Jahren diverse Male angepasst. Ausgelöst durch die völkerrechtswidrige Annexion der Krim und die damit einhergehende Veränderung des sicherheitspolitischen Umfeldes, einigten sich die Staats- und Regierungschefs der NATO-Länder im September 2014 darauf, die NRF um eine schnelle Eingreifkomponente zu erweitern. Im „NATO Readiness Action Plan“ wurde so die Aufstellung der „Very High Readiness Joint Task Force“ (VJTF) beschlossen. Die Kräfte der VJTF sind in der Lage, innerhalb weniger Tage an jedem Einsatzort auf der Welt zu agieren. Die NRF hat seitdem eine Gesamtstärke von 40.000 Soldaten.

In den Jahren 2022 bis 2024 ist die Panzergrenadierbrigade 37 „Freistaat Sachsen“ der Leitverband für die Landanteile der NRF und führt damit bis zu 12.000 Soldatinnen und Soldaten aus neun Nationen. Die NRF-Verpflichtung gliedert sich in drei Phasen mit unterschiedlichen Alarmierungszeiten. Ab 2022 befindet sich der Großverband in der Stand-up-Phase, gefolgt von der Stand-by-Phase - dem eigentlichen VJTF-Jahr - in 2023. In 2024 geht die Brigade in die sogenannte Stand-down-Phase. Die gesamte VJTF besteht aus Landstreitkräften bis zur Brigadestärke und zusätzlich aus Komponenten der Luftstreitkräfte, Seestreitkräfte, Spezial- und Unterstützungskräfte. Da sie innerhalb von 48 bis 72 Stunden an jeden Ort verlegbar sein muss, an dem die Truppe benötigt wird, ist die VJTF die „Speerspitze der NATO“.

Deutschland trug bereits im Jahr 2019 als Rahmennation für VJTF (Land) die Verantwortung. Seither hat sich die materielle Ausstattung der künftigen VJTF- Landbrigade erheblich verbessert. Die Vorbereitungen und Ausbildungen für diesen Auftrag laufen im Bereich der Panzergrenadierbrigade 37 und der zugeordneten NRF-Truppensteller bereits seit Herbst 2020 intensiv. In diesem Jahr muss sich die Brigade mit ihren Verbänden national und international für die NRF zertifizieren. Neues Gerät, IT sowie auch eine optimierte persönliche Ausstattung für die Soldaten ist bereits zu einem großen Teil vorhanden und die personelle Einsatzbereitschaft ist sichergestellt.

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