Dethlinger Teich: Nur noch wenige Tage bis zur Öffnung

Sicherheit von Bevölkerung und Personal steht ganz oben

Dethlinger Teich: Nur noch wenige Tage bis zur Öffnung

Dort, wo vor wenigen Monaten eine größere freie Fläche zwischen Bäumen den Dethlinger Teich eher erahnen ließ, hat sich einiges geändert: Auf der Fläche steht inzwischen ein hallengroßes, stabiles Zelt, während in einigem Abstand Container verteilt sind - Umkleideräume, Sozialräume und Leitzentrale. Die Vorbereitungen sind also fast abgeschlossen. Doch bevor die zugeschüttete Grube mit ihrem gefährlichen Kampf­stoffinhalt erkundet wird, hatten die Projektbeteiligten noch einmal zum Pressegespräch nach Munster geladen: Am vergangenen Dienstag informierten sie über den Stand der Dinge kurz vor der Teichöffnung und unterstrichen, Sicherheit stehe dabei an erster Stelle.

Er rückt immer näher, der 16. September, und mit ihm ein Projekt, das seit langem vorbereitet worden ist - die Öffnung des Dethlinger Teiches. Was sich da an chemischen Kampfstoffen in dieser Kieselgurgrube, nahe der Bundesstraße 71 zwischen Munster und Oerrel gelegen, unter einer Schicht von Betonmaterial versteckt, weiß niemand genau.

Das ehemalige Gewässer birgt ein unseliges Erbe: Seit 1942 wurde dort zunächst durch chemische Kampfstoffe kontaminiertes Reinigungswasser deponiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg versenkten die Briten dort einen Teil der in Munster vorgefundenen Kampfstoffmunition. Eine „Entsorgungspraxis“, die der Kampfmittelbeseitigungsdienst der Polizei Hannover fortsetzte, bis der Dethlinger Teich 1952 mit einer zwei bis drei Meter dicken Bauschuttschicht abgedeckt wurde. Kampfstoffgranaten, Phosgen, Lost (Senfgas), und das in großen Mengen - über die dort versenkten Stoffe gibt es zwar eine Zusammenfassung nach Zeitzeugenaussagen von 1979, doch die kann keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Genauigkeit erheben.

„Es gibt keine Aufzeichungen. Wir wissen also nicht genau, was abgelagert worden ist. Was wir aber wissen, ist, dass die Kieselgurschicht inzwischen porös und durchlässig geworden ist“, erläuterte Landrat Manfred Ostermann. Durch Messungen sei seit gut einem halben Jahr bekannt, „dass diese Stoffe ins Grundwasser gelangen und schlimmere Folgen nicht ausgeschlossen werden können.“ Das Grundwasser dort werde weder für Trinkwasser noch zur Bewässerung genutzt. Gleichwohl sind die Werte etwa von Arsen oder Lostabbauprodukten durchaus alarmierend.

Handeln ist also geboten, nicht nur wegen des Grundwassers. Oder wie es Munsters Bürgermeisterin Christina Fleckenstein formulierte: „Ich bin froh, dass wir heute darangehen. Denn wenn wir es nicht jetzt tun, sondern noch einmal 50 Jahre warten, dann ist das vielleicht nicht mehr zu handhaben.“

Wie das, was unter der Oberfläche schlummert, dann tatsächlich zu handhaben ist, muss sich zeigen, denn Beispiele zum Lernen gibt es nicht: „Soweit uns bekannt, ist der Dethlinger Teich weltweit einzigartig. Irgendwo in China soll es möglicherweise eine ähnliche Ablagesituation geben. Wir sind also ganz allein“, betonte Ostermann. Und Dr. Andreas Krüger, Geschäftsführer der bundeseigenen Gesellschaft zur Entsorgung chemischer Kampfstoffe und Rüstungsaltlasten mbH (GEKA), ergänzte: „Das Einzigartige ist die Häufung und Konzentration dieser Stoffe auf kleiner Stelle.“

Diese kleine Stelle, also der zugeschüttete Teich, hat einen Durchmesser von 60 Metern, eine Tiefe von bis zu zwölf Metern und eine Oberfläche von etwa 3.500 Quadratmetern. Noch wesentlich kleiner ist dann aber die Stelle, an der die Kieselgurgrube dann wirklich geöffnet werden soll: Im Zelt befindet sich bereits ein rundes Loch mit etwa 3,5 Metern Durchmesser in der Bodenplatte - der Ausgangspunkt für die künftige Grabung. Den Arbeits- und Sicherheitsplan dafür hat die Ingenieurgesellschaft Mull und Partner erstellt: „Inzwischen haben wir die siebte Fassung. Das zeigt, dass wir an möglichst alles denken und es berücksichtigen“, so Diplom-Geo­physiker und Geschäftsführer Frank Biegansky. „Mit den gefährlichen Arbeiten ist dann die GEKA beauftragt. Sie laufen im sogenannten Schwarzbereich, in dem man mit dem Auftreten von Kontaminationen rechnen muss“, erklärte Krüger.

Dieses Bodenloch, das nach Voruntersuchungen durchaus mit Bedacht gewählt worden ist, soll einmal sechs Meter Tiefe erreichen, bei Bedarf auch einen oder zwei Meter mehr. Was dann ans Licht kommt, soll eine realistische Einschätzung dessen ermöglichen, was an Material im großen Rest des Teiches verborgen ist.

Die Arbeit, also den vorsichtigen schichtweisen Abtrag des Bodens, erledigt ein gepanzerter Bagger. Das Personal, stets in Schutzkleidung, bewegt sich dort nur, wenn die Maschine nicht arbeitet, etwa um die Seiten des Loches zu stabilisieren oder Dinge in Augenschein zu nehmen. Überhaupt, so Biegansky, werde aus Sicherheitsgründen ohne Zeit- und Leistungsdruck gearbeitet: „Wir wollen maximal einen halben Kubikmeter Material pro Tag herausholen.“

„Was gefördert wird, wird dekontaminiert, vom Kampfmittelbeseitigungsdienst zur GEKA gebracht und dort zwischengelagert. Das Material wird dann analysiert, bewertet und anschließend verbrannt“, so Krüger weiter. Wie der GEKA-Geschäftsführer betonte, stehe dabei die Sicherheit ganz oben. Und dazu gehöre auch die Rettungskette.

Damit die eingehalten werden kann, sind Rettungskräfte nötig, die ein Unfallopfer aus dem Schwarzbereich bergen und dekontaminieren, bevor das medizinische Personal übernimmt. Neben „normalen“ Arbeitsunfällen wären dabei Unfälle mit Kampfstoffen eine spezielle Herausforderung. Wie Dr. Ulrich Blumenthal, Chefarzt der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin am Heidekreis-Klinikum, berichtete, stünden insgesamt sechs Kollegen, allesamt leitende Notärzte, zur Verfügung. Allerdings sei dieser Dienst durchaus ungewöhnlich: „Wer hat schon Erfahrungen mit Kampfstoffen aus dem Zweiten Weltkrieg? Wir haben uns dafür ausbilden lassen, aber unterm Strich haben wir keine Erfahrung und müssen vor Ort entscheiden. Wir haben also Respekt, aber Angst haben wir nicht.“ Wie hier die Hilfe ablaufen könnte, zeigte am vergangenen Dienstag die Übung „Arbeitsunfall mit Kampfstoff“ im Zelt, die die GEKA organsiert hatte.

„3.000 Meter Wegebau, 550 Meter Wasserleitungen, 1.000 Meter Stromleitungen und 1.500 Meter Datenleitungen - das sind einige Eckpunkte des Projektes. Wir haben etwa im Mai begonnen und sind in rund zehn Tagen fertig“, konnte Carsten Bubke, Umwelttechniker beim Landkreis, berichten. Darüber hinaus dienen permanente Luftüberwachung drinnen und draußen, eine Filteranlage im Zelt mit einer Leistung von 36.000 Kubikmetern Luft pro Stunde, eine Schneekanone, deren Tröpfchen zur Niederschlagung von Stoffen und Stäuben aus der Luft genutzt werden können, und eine Kameraüberwachung der Sicherheit.

Gearbeitet, kündigte Ostermann an, „wird vom 16. September an von 7.30 bis 14.30 Uhr. Ab 7 Uhr morgens werden rund 20 Personen ständig am Dethlinger Teich sein. Sämtliches Material, was gefördert wird, wird noch am selben Tag abtransportiert, es bleibt nichts auf der Baustelle, die außerhalb der Arbeitszeiten durch einen Sicherheitsdienst bewacht wird.“ Der Bereich in einem Umkreis von 900 Metern gilt als Gefahrenzone mit Betretungsverbot und wird ebenfalls durch den Wachdienst gesichert. Und die Bundesstraße 71 wird ab dem 13. September vom Dethlinger Kreuz bis Oerrel gesperrt, voraussichtlich bis zum 21. Dezember.

Nur bei Westwind, so der Landrat weiter, werde gearbeitet, um die Bewohner der Ortschaften nicht zu gefährden, sollte tatsächlich eine Schadstoffwolke freiwerden: „Die Sicherheit der Bevölkerung geht immer vor.“ Vom schlimmsten Fall - etwa einer Explosion - gehe zwar niemand aus, „aber wir haben uns auf alle möglichen Szenarien vorbereitet.“ Dazu gehöre in einem solchen Fall auch die Information der Bevölkerung, die etwa in Oerrel nicht nur über Sirenen, sondern auch über Lautspecher laufe. In der Vergangenheit hat es dazu mehrere Übungen gegeben. Insgesamt, so Bürgermeisterin Fleckenstein, „schauen informierte Leute schon mit ein wenig Sorge zum Dethlinger Teich. Die meisten sind aber relativ entspannt. Den Munsteranern ist wichtig, dass dieses Problem nach Jahrzehnten endlich gelöst wird.“

Ganz so nah ist diese Lösung allerdings noch nicht: Bis kurz vor Weihnachten sollen die Arbeiten laufen, um aus den dabei gewonnenen Erkentnnissen einen Sanierungsplan zu erarbeiten. Das, so der Landrat, werde zirka drei Jahre dauern. Etwa in vier Jahren könne dann mit der Sanierung begonnen werden, die wiederum rund drei Jahre in Anspruch nehmen werde. Anders als bei der jetzigen Teichöffnung, die 3,6 Millionen Euro kosten soll und zu 70 Prozent vom Land sowie zu 30 Prozent vom Landkreis getragen wird, ist die Finanzierung einer kompletten Sanierung noch nicht gesichert. Mindestens 50 Million Euro nannte Ostermann hier als Summe: „Der Bund steigt in die Finanzierung ein, wenn eine Gefahr für Leib und Leben der Bevölkerung besteht.“ Jetzt gelte es, Gespräche zu führen und dies nachzuweisen.

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