„Friedensarbeit im besten Sinne“

Bundeskanzlerin Angela Merkel informierte sich am 20. Mai in Munster über die Leistungsfähigkeit der „Very High Readiness Joint Task Force“, die Speerspitze der NATO.

„Friedensarbeit im besten Sinne“

Wenn 50 Medienvertreter mit zwei großen Bussen zur Tribüne auf dem Truppenübungsplatz gefahren werden, dort Soldaten und Polizeibeamte auf Personenschützer treffen, sich ein Minentaucher im Neoprenanzug und mit kompletter Ausrüstung in die Heide verirrt hat und Jets sowie Hubschrauber im Tieflug über das Gelände rauschen, dann muß schon etwas Äußergewöhnliches auf dem Programm stehen. Das war am Montag, dem 20. Mai, auch der Fall: Mit Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte sich hoher Besuch angekündigt. Wegen des zunächst schlechten Wetters schwebte ihr Hubschrauber leicht verspätet ein, dafür aber hatte die Kanzlerin das gute Wetter selbst mitgebracht, so daß sie sich bei Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen Einblicke in die Leistungsfähigkeit der sogenannten „Very High Readiness Joint Task Force (VJTF) Land 2019“, auch als Speerpitze der NATO bezeichnet, verschaffen konnte.

Vom Landeplatz aus brachte ein gepanzertes Fahrzeug Merkel zur Tribüne. Dort begrüßte Brigadegeneral Ullrich Spannuth, Kommandeur der Panzerlehrbrigade 9, die Kanzlerin sowie weitere Gäste, unter anderem den CDU-Bundestagsabgeordneten Henning Otte und den SPD-Bundestagsabgeordneten Lars Klingbeil. Politiker sollten im Alltag ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Bevölkerung haben, vor der dynamischen Waffenschau allerdings mußten sie, wie alle Zuschauer, ihre empfindlichen Organe schonen und Gehörschutz anlegen. Schließlich donnerten zwei Tornado-Jets im Tiefflug vor der Tribüne vorbei, zwei Eurofighter machten mit ihren Triebwerken einen Höllenlärm, Panzergrenadiere lieferten sich ein imaginäres Gefecht, Leopard-2-Kampfpanzer feuerten mit Übungsmunition und Hubschrauberrotoren sorgten ebenfalls für eine imposante Geräuschkulisse. Rund 400 Soldatinnen und Soldaten führten das aktuelle Material der NATO-Speerspitze vor und demonstrierten natürlich auch ihre Fähigkeiten. Dabei agierten Angehörige des Heeres gemeinsam mit ihren Kameradinnen und Kameraden der Streitkräftebasis, des Sanitätsdienstes, des Kommandos Cyber- und Informationsraum, der Luftwaffe und der Marine.

Doch was genau ist die Aufgabe der „Very High Readiness Joint Task Force“? Die „Speerspitze“ ist Teil des „Readiness Action Plans“ des NATO-Bündnisses für eine erhöhte Einsatzbereitschaft, der im Jahr 2014 in Wales beschlossen wurde. Innerhalb von 48 bis 72 Stunden soll die schnelle Eingreiftruppe einsatzbereit an jedem Ort sein, wo sie jeweils benötigt wird. In dem multinationalen Verband dienen Soldaten aus neun Nationen: Deutschland, Norwegen, den Niederlanden, Frankreich, Belgien, Luxemburg, Litauen, Lettland und Tschechien. Seit Anfang 2019 hat die Bundeswehr mit der Panzerlehrbrigade 9 den Auftrag übernommen, den Anteil der Landstreitkräfte der VJTF 2019 aufzubieten. Etwa 5.000 Soldatinnen und Soldaten stellt die Bundeswehr, rund 2.300 davon die Panzerlehrbrigade 9. Diese freilich benötigt für diesen besonderen Auftrag auch entsprechendes Material. „Für 2019 konnte dies in einer gemeinsamen Kraftanstrangung des gesamten Heeres erreicht werden“, so Spannuth. Weil im Jahr 2023 die Panzergrenadierbrigade 37 die nächste VJTF Land anführen werde, müsse aber dauerhaft entsprechendes Material zur Verfügung stehen. Drei Fähigkeiten seien dabei essentiell: die „strategische Mobilität der Kräfte“, „die Möglichkeit robust aufzutreten, um abzuschrecken und so auch zu deeskalieren“ sowie „das Bündnis zu verteidigen oder territoriale Integrität wiederherzustellen.“

Merkel zeigte sich nach der dynamischen Waffenschau beeindruckt vom „technischen Zusammenspiel“ und den Fähigkeiten der Soldatinnen und Soldaten. Im Jahr 2012 sei sie zuletzt in Munster gewesen, berichtete die Kanzlerin. „Seitdem hat sich die politische Aufgabe vollkommen verändert.“ Mit dem Ukraine-Konflikt sei eine völlig neue Situation entstanden. Neben den Einsätzen in Afghanistan und Mali „ist die Verteidigung des Bündnisses wieder eine herausfordernde Aufgabe geworden.“ Hinzu komme die „permanente technische Erneuerung“, was ebenso eine „große Herausforderung“ sei. Darauf war zuvor auch Spannuth eingegangen. Mit Blick auf die VJTF Land liege ein Schwerpunkt auf der Verbesserung der Führungsfähigkeit „durch die Digitalisierung der Landstreitkräfte“.

Was sich in Sachen Gerät und Ausrüstung in den vergangenen Jahren getan hat, ließ sich Merkel schließlich an verschiedenenen Stationen zeigen. Soldatinnen und Soldaten erläuterten Waffensysteme, Fahrzeuge und die persönliche Ausrüstung. Die Kanzlerin nahm sich dabei viel Zeit für Gespräche mit den Bundeswehrangehörigen, fragte zum Beispiel nach Schulausbildung oder Lehre. Bevor es zurück zum Hubschrauber ging, kündigte sie eine weitere Erhöhung des Wehretats durch die Bundesregierung an. Schließlich leiste die Bundeswehr „Friedensarbeit im besten Sinne“, so die Kanzlerin. Und weiter: „Alle politischen Bemühungen zur Entspannung sind nur dann wirksam, wenn gezeigt wird, daß wir im Falle eines Falles dazu bereit sind, uns zu verteidigen.“

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