Keine Lösung für Kneipen

Gastronomen aus Munster sehen „kein Licht am Ende des Tunnels“

Keine Lösung für Kneipen

„Seit 35 Jahren war ‚Charly’s Pub‘ an 365 Tagen im Jahr geöffnet - jedenfalls bis vor acht Wochen“, so Marco Tews. Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie ist der heutige Inhaber der Munsteraner Kultkneipe in Wartestellung, hofft, dass er in seinem Lokal bald wieder Gäste empfangen kann. „Doch keiner kann sagen, wann wir wieder öffnen dürfen.“ Denn „Charly’s Pub“ fällt nicht in die Kategorie der Gastronomiebetriebe, die nun unter Auflagen stufenweise wieder „hochfahren“ - also Restaurants, Cafés oder Biergärten mit Speisenzubereitung -, sondern ist schlicht eine klassische Kneipe. Und deren Türen müssen genau wie die der Bars und Clubs weiterhin geschlossen bleiben. Die große Ungewissheit macht Tews große Sorgen. Solche plagen auch seine Munsteraner Kollegen, die ihre Häuser eigentlich wieder öffnen könnten. Drei von ihnen sowie einen Getränkelieferanten, den die Coronakrise ebenfalls bis ins Mark getroffen hat, hat Tews jetzt zum Gespräch eingeladen. Am vergangenen Mittwoch schilderten die Gastronomen und Caterer ihre Nöte.

Zur Hochzeit in den 1970er und -80er Jahren habe es in Munster einst 70 Kneipen gegeben, so Tews. „Davon sind noch drei reine Bierkneipen übriggeblieben, dazu gibt es noch zwei Shisha-Bars.“ „Charly’s Pub“ zählt zu jener Kategorie, macht seinen Umsatz zum größten Teil aus dem Getränke- und nicht aus dem Speisenverkauf. Diese Lokale bleiben zu, während Restaurants, Cafés und Hotels nun zum Teil wieder öffnen können. „Kneipen hingegen sind im Stufenplan und bei den Verordnungen noch nicht einmal aufgeführt. Ich habe das Gefühl, wir sind durch’s Raster gefallen. Vielleicht haben Kneipen einfach keine Lobby“, kritisiert der Gastwirt.

Lob gibt er, dass die Soforthilfen der Regierung zügig eingetroffen seien. „Die sind allerdings bald aufgebraucht. Ab Juli geht es dann an mein Erspartes.“ Und seinen vier Angestellten, die er in Kurzarbeit schicken musste, kann er auch noch nicht sagen, wie es weitergeht. Dabei könnte er durchaus seine Kneipe entsprechend der Auflagen zum Biergarten „umrüsten“: „Ich hätte die Möglichkeit für eine Außengastronomie, könnte außerdem Zelte aufstellen - aber ich darf nicht.“ Aktuell gebe es in Deutschland rund 200.000 Kneipen, Bars und Diskotheken, so Tews. „Ich bin gespannt, wie viele es nach der Coronakrise noch seien werden, denn sie alle sind bei den aktuellen Verordnungen auf der Strecke geblieben. Es ist kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen.“

Die Kollegen des Kneipiers, André Netz (Caterer und Pächter der Festhalle Munster), Gaby Reins (Geschäftsführerin des Hotels Residenzia Grenadier) und Henning Cohrs (Inhaber des Landhotels Heidkrug und Vorsitzender des Dehoga Munster), dürften wieder Gäste bewirten, aber mit Einschränkungen: So zählt zu den aktuellen Auflagen in Niedersachsen neben einem Hygienekonzept ein Mindestabstand von zwei Metern zwischen den Tischen, eine maximale Auslastung von 50 Prozent und Maskenpflicht für das Servicepersonal, aber nicht für die Gäste. Salz- und Pfefferstreuer verschwinden von den Tischen genauso wie Speisekarten. Ferner sollen Besucher Namen und Telefonnummer hinterlassen, damit mögliche Infektionsketten nachvollzogen werden können. Verboten sind zudem Angebote in Buffetform. Im engsten Familien- und Freundeskreis können unter diesen Bedingungen Hochzeiten und Beerdigungen stattfinden - mit maximal 20 Personen.

„Für 20 Gäste brauche ich die Festhalle gar nicht erst aufmachen“, bedauert Netz. Sein Partyservice, auf Buffets ausgerichtet, hatte in der bis zu 600 Personen fassenden Festhalle eigentlich eine gute Saison vor sich: Unter anderem wollte die Bürgergilde Munster mit mehreren Großveranstaltung ihr Jubiläum feiern. Doch ebenso wie Hochzeiten und andere Events „ist alles weggebrochen“, so Netz. „Und ich kann keine Ersatztermine machen, da ich nicht weiß, was wird.“ Er habe auch eine Verantwortung seinen Mitarbeitern gegenüber, zu denen neben zwei festen Kräften zahlreiche Aushilfen zählten. „Momentan lässt sich einfach nichts planen.“

Planen - das ist mittlerweile die Hauptbeschäftigung von Gaby Reins geworden. Doch wie und wann sie die 28 Zimmer ihres Hotels entsprechend der Vorgaben mit der 50-Prozent-Auslastung und der Wiederbelegungssperre vergeben kann, ist logistisch fast nicht lösbar: „Wir dürften Geschäftsreisende aufnehmen, übrigens rund 90 Prozent unserer Gäste, und die fragen in der Regel für ein bis zwei Nächte an. Das ist für uns organisatorisch einfach nicht machbar, und es rechnet sich auch nicht“, so die Geschäftsführerin.

Einige Zimmer an Handwerker habe Henning Chors in den vergangenen Wochen seit dem „Shutdown“ zwar vergeben dürfen, „aber unsere Gastronomie und vor allen die Feierlichkeiten in unserem Hause laufen aktuell nicht.“ Und mit den ganzen Verordnungen und Auflagen, so der Heidkrug-Inhaber, werde auch das ganze System von der Küche bis zum Service nur mit großen Schwierigkeiten wieder anlaufen können. „Auch die Kunden haben Angst und sind verunsichert.“ Daher sein Entschluss: „Wir dürften seit Montag wieder öffnen, haben es aber noch nicht getan.“

Ähnlich verhält es sich für den Zulieferer Getränke Kupfer: „Auch wir dürften arbeiten, haben aber keine Arbeit“, erklärt Ronald Tiegs, Außendienstmitarbeiter des Faßberger Unternehmens. Das musste seine 20 Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken, die Lieferfahrzeuge bleiben in der Garage stehen, „denn 95 Prozent unseres Umsatzes sind weggebrochen. Wir sitzen mit den Gastronomen in einem Boot“, so Tiegs.

Alle sind Mitglied in der Dehoga-Ortsgruppe Munster und alle sehen durchaus ein, dass etwas gegen die weitere Corona-Ausbreitung getan werden musste und muss: „Es ist nicht die Frage, ob die Verordnungen nötig sind, sondern wir wollen einfach eine Perspektive haben“, formuliert es Netz. Und Reins ergänzt: „Wir haben mittlerweile aber einfach alle Existenzängste.“

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