Standortältester lobt „tolle Impfmoral“

Munster: Brigadegenerale und Bürgermeister informieren über aktuelle Lage

Standortältester lobt „tolle Impfmoral“

Sie ist ein wichtiges Ereignis in Munster, das alljährlich nach dem Jahreswechsel auf dem Programm steht: die sicherheitspolitische Informationsveranstaltung, in deren Rahmen Vertreter der Bundeswehr, der Politik, der Verwaltung sowie der verschiedensten Dienststellen, Behörden und Einrichtungen zusammenkommen, um sich über aktuelle Entwicklungen in der Bundeswehr im Allgemeinen und am Standort Munster im Speziellen zu informieren. Aufgrund der Entwicklungen in der Corona-Pandemie mit steigenden Infektionszahlen hatten Munsters Bürgermeister Ulf-Marcus Grube und der Standortälteste, Brigadegeneral Ullrich Spannuth, die diesjährige „Informationsbörse“ schweren Herzens abgesagt (HK berichtete). Um Bevölkerung und Bundeswehrangehörige dennoch auf den neuesten Stand zu bringen, gab es am vergangenen Mittwoch ein Pressegespräch im Rathaus. Themen waren unter anderem der tragische Unfall auf dem Truppenübungsplatz Bergen, bei dem vor rund einem Monat ein Offizier und ein Zivilangestellter der Bundeswehr aus Munster ums Leben kamen, der Aufmarsch russischer Truppen an den Grenzen der Ukraine sowie die Digitalisierung, Ausrüstung und die Corona-Hilfeleistungen der Bundeswehr.

„Die Panzertruppenschule und der gesamte Standort stehen noch unter dem Eindruck des schweren Unglücks“, sagte Spannuth. Während einer taktischen Übung war ein Kampfpanzer des Typs Leopard II mit einem Geländewagen der Bundeswehr kollidiert. Die beiden Insassen der Mercedes G-Klasse, ein 62-jähriger Zivilangestellter und ein 31-jähriger Offizier, waren sofort tot (HK berichtete). Gibt es neue Erkenntnisse? Dazu wollte sich Spannuth nicht äußern, da die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft andauerten.

Im Pressegespräch ging der Standortälteste auf die Corana-Pandemie und ihre Auswirkungen auf den größten Heeresstandort Deutschlands ein. „Wir haben eine tolle Impfmoral“, hob Spannuth hervor. Schon bevor die Corona-Impfung im November vergangenen Jahres auf die Liste der sogenannten duldungspflichtigen Basis-Schutzimpfungen der Bundeswehr genommen worden sei, habe die Impfquote bei „weit über 90 Prozent“ gelegen. „Inzwischen sind wir bei einer Quote von fast 98 Prozent, zivile Angestellte und Beamte eingerechnet“, so der Brigadegeneral. Aufgrund einer disziplinierten Einhaltung der entsprechenden Vorschriften sei es gelungen, alle Laufbahnlehrgänge durchzuführen. „Der organisatorische Aufwand ist natürlich deutlich höher“, betonte Spannuth. Auch die Maskenpflicht sei unverändert eine Belastung. „Es gibt Soldaten, die ich seit eineinhalb Jahren nur mit Maske gesehen habe. Und es gibt viele junge Soldaten, die noch kein Biwak mitgemacht haben, die noch nie im Hörsaal saßen. Wir hoffen, dass wir im Laufe dieses Jahres wieder zur Normalität zurückkehren können“, so der Brigadegeneral.

Ein drängendes Thema sei nach wie vor die Digitalisierung der Truppe. Dabei gehe es nicht darum, Tablets und Computer zu beschaffen, sondern darum, „den Anschluss an die Bündnispartner herzustellen.“ Es sei unumgänglich, die Führungs- und Informationsfähigkeit mit Hilfe moderner Technik zu verbessern. „Das ist ein ähnlicher Quantensprung wie bei der Motorisierung der Streitkräfte vor 100 Jahren“, unterstrich Spannuth.“

„Absolut problemlos“ sei die Zusammenarbeit der Truppe mit der Stadt. „Wir wissen, was wir aneinander haben“, hob der Standortältestehervor, der zugleich seinen Abschied aus der Örtzestadt ankündigte. Am 18. Februar werde er das Kommando über die Panzertruppenschule an Brigadegeneral Björn Schulz übergeben und dann für ein Jahr in Bagdad stationiert sein.

Wie zuvor Spannuth hob auch Brigadegeneral Dr. Christian Freuding, Kommandeur der Panzerlehrbrigade 9 „Niedersachsen“, die gute Zusammenarbeit zwischen der Stadt und der Truppe hervor. Die Ausbildungsmöglichkeiten in den Kasernen und im Gelände seien hervorragend. „Munster ist und bleibt die Herzkammer der gepanzerten Kampftruppen des Heeres“, erklärte Freuding. Auch in der Panzerlehrbrigade 9 habe die Corona-Pandemie Spuren hinterlassen, dennoch sei es gelungen, die Ausbildung unter strengen Auflagen durchzuführen. Zum Teil seien ganze Kompanien auf Übungsplätze verlagert worden, zum Teil sei militärische Ausbildung in den zivilen Bereich ausgelagert worden, zum Beispiel die Schulung der Kraftfahrer. „Und wir haben sehr früh in der Grundausbildung ein strenges Testregime mit täglichen Corona-Tests geführt. Die Zeit hat gezeigt, dass das eine gute Idee war“, so der Brigadegeneral. Dennoch habe es in den vergangenen 20 Monaten aufgrund der Corona-Situation hier und da Ausbildungslücken gegeben, die es nun schnellstmöglich zu schließen gelte. Eine große Bedeutung werde für die Panzerlehrbrigade 9 auch künftig der Bereich Lehrübungen haben. Wie Freuding berichtete, habe die Brigade den Auftrag erhalten, für den Verteidigungsausschuss des Bundestages das „Schaufenster Landstreitkräfte“ durchzuführen. „Das ist ein Premiumauftrag, auf den wir uns sehr freuen“, sagte der Kommandeur. Die Präsentation der Fähigkeiten der Landstreitkräfte werde allerdings nicht auf dem Truppenübungsplatz in Munster laufen, sondern im näher an Berlin gelegenen Gefechtsübungszentrum des Heeres in Letzlingen. Der Brigadegeneral freut sich zudem, dass Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht ihren Antrittsbesuch für Anfang Februar beim Heer in Munster angekündigt hat.

Im kommenden Jahr wird die Panzerlehrbrigade 9 wieder „Brigade im Einsatz“ sein, stellt Kräfte für den Minusma-Einsatz im afrikanischen Mali, auf den es sich bereits in diesem Jahr vorzubereiten gilt. Weiterhin stellt die Brigade derzeit rund 500 Soldaten bei der NATO-Mission „enhanced Forward Presence“ (eFP) in Litauen, darunter 150 Verstärkungskräfte mit verkürzten Bereitschaftszeiten. Diese Mission dient der Sicherung der osteuropäischen Staaten und der Abschreckung von Bedrohungen des Bündnisgebiets. Die Mitgliedstaaten reagieren mit der „verstärkten Vornepräsenz“ auf die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland und die fortgesetzte Destabilisierung der Ukraine. Dort sei die Lage „unberechenbar und ernst“, betonte Freuding.

„Staaten haben das Recht, selbst zu entscheiden, welchem Bündnis sie angehören möchten“, machte Spannuth mit Blick auf die Entwicklung an den Grenzen der Ukraine deutlich. Er und Freuding hoben hervor, dass sich angesichts dieser Entwicklung deutlich zeige, wie wertvoll es sei, der NATO anzugehören. Frieden und Freiheit seien keine Selbstverständlichkeit. Die freiheitlich-demokratische Grundordnung gelte es zu verteidigen - und dazu benötige ein Staat gut ausgebildete Soldaten.

Einen wichtigen Beitrag leistete und leistet die Bundeswehr weiterhin im Kampf gegen die Corona-Pandemie. In der Spitze hätten bis zu 2.000 Soldatinnen und Soldaten unter dem Stichwort „Helfende Hände“ Impfteams unterstützt und Gesundheitsämtern bei der Kontaktnachverfolgung unter die Arme gegriffen, berichtete Freuding. Aktuell seien noch 600 Soldatinnen und Soldaten in 70 Hilfeleistungseinsätzen aktiv, „300 davon gehören der Panzerlehrbigade 9 an“, so der Kommandeur. Von den rund 5.500 Soldaten der Brigade seien lediglich vier nicht geimpft. „Wir haben eine Booster-Quote von 50 Prozent. Auch das hilft uns sehr dabei, die Einsatzfähigkeit aufrecht zu erhalten und unseren Ausbildungsauftrag in genügender Qualität zu erfüllen“, unterstrich der Brigadegeneral. Sowohl er als auch Spannuth sind der Meinung, dass eine Rückkehr zur Wehrpflicht keinen Sinn mache. Die moderne Technik, die zum Beispiel ein Richtschütze im neuen Schützenpanzer Puma beherrschen müsse, erfordere eine umfassende Ausbildung mit einer Dauer von bis zu 18 Monaten. „Das jetzige System halte ich für absolut tragfähig und richtig, ich sehe keinen Bedarf für eine Diskussion“, meinte Spannuth. Freuding pflichtete ihm bei: „Es geht um die Frage, was verfassungsrechtlich möglich, was gesellschaftspolitisch gewünscht und was sicherheitstechnisch geboten ist.“ Und die Ausstattung der Truppe mit Waffen und Gerät? Die Lage habe sich zwar verbessert, zufriedenstellend sei sie jedoch nicht, erklärte Freuding. Problematisch seien die „Durchhaltefähigkeit der Systeme“ und lange Instandsetzungszeiten. „Auch industrielle Upgrades dauern zu lange, da gibt es Verbesserungsbedarf.“ Hauptaugenmerk müsse jedoch auf die Digitalisierung der Landstreitkräfte gelegt werden, da seien andere NATO-Staaten schon deutlich weiter.

Mit der Panzertruppenschule und der Panzerlehrbrigade 9 habe die Stadt Munster „zwei Ansprechpartner, auf die wir uns verlassen können“, betonte Bürgermeister Ulf-Marcus Grube. Zuletzt habe sich wieder bei der Sammlung zum Volkstrauertag gezeigt: „Wir gehören zusammen, da passt kein Blatt Papier dazwischen!“ Das habe sich auch nach dem Unfall auf dem Truppenübungsplatz Bergen gezeigt: „Das hat uns alle tief bewegt.“

Auf Politik und Verwaltung warteten einige Herausforderungen, so zum Beispiel die angespannte Haushaltslage. „In vielen Kommunen wird für 2023 eine schwierige Situation erwartet, denn ein defizitärer Haushalt kann dann nicht mehr mit Corona begründet werden“, so Grube. Schwerpunkte in Munster seien der Bau der Ganztagsgrundschule Breloh, mit dem bereits begonnen worden sei, sowie der Bau einer neuen Kita, die wegen fehlender Plätze erforderlich sei. „Ich bin zuversichtlich, dass wir das in dieser Wahlperiode schaffen“, betonte der Bürgermeister. Weitere Schwerpunkte seien die Digitalisierung, die medizinische Versorgung, eine verstärkte Nutzung regenerativer Energien, das Thema Amerikalinie und die Gestaltung der Innenstadt. Bürgermeister, Verwaltung und Politik müssten eng zusammenarbeiten, um die Örtzestadt gemeinsam weiterzuentwickeln. „Ich bin da sehr optimistisch“, sagte Grube.

Logo