Umweltminister Olaf Lies: „Wir sind in der Lage, Lösungen zu finden“

Dethlinger Teich: Grundwasserreinigungsanlage in Betrieb genommen

Umweltminister Olaf Lies: „Wir sind in der Lage, Lösungen zu finden“

Es wird Politikern nachgesagt, dass sie mit allen Wassern gewaschen sein müssen, um sich in ihrem Metier behaupten zu können. Olaf Lies allerdings sorgte am vergangenen Mittwochmittag dafür, dass am Dethlinger Teich ab sofort verunreinigtes Wasser „gewaschen“ werden kann. Gemeinsam mit Landrat Jens Grote und Munsters Bürgermeister Ulf-Marcus Grube nahm Niedersachsens Minister für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz dort nämlich eine neue Grundwasserreinigungsanlage in Betrieb. Kaum war der Knopf gedrückt, da ließ sich anhand der Geräusche der Anlage auch schon erahnen, das die moderne H2O-„Reinigung“ einwandfrei funktioniert. Nun kann es weitergehen auf dem Gelände, auf dem während des Zweiten Weltkrieges und in den Jahren danach chemische Kampfstoffe abgelagert worden sind, die nun aus dem Boden geholt werden sollen.

Ende September 2019 hatten Experten auf dem Areal unter größten Sicherheitsvorkehrungen mit dem Aushub der 1952 aufgebrachten Deckschicht aus Betonschutt und Boden begonnen, um der Sache im wahrsten Sinne des Wortes auf den Grund zu gehen. Wenige Tage darauf bargen die Fachleute den ersten Munitionsfund. Bis Ende März 2020 holten die Kampfmittelräumer bei den Erkundungsarbeiten am Dethlinger Teich insgesamt 2.552 Kampfstoffgranaten aus dem kontaminierten Erdreich (HK berichtete).

Bei den Arbeiten in drei Schächten hatte es seinerzeit Probleme wegen des Grundwassers gegeben. Deshalb ist nun die Reinigung des mit chemischen Kampfstoffen, giftigen Abbauprodukten und Schwermetallen wie zum Beispiel Arsen erheblich verunreinigten Grundwassers der erste wichtige Schritt, damit die eigentliche Sanierung in Angriff genommen werden kann. Mit der Planung und dem Bau der Anlage hatte der Landkreis Heidekreis im Sommer vergangenen Jahres die Firma Züblin Umwelttechnik, eines der führenden europäischen Technologieunternehmen für Altlastensanierung, Grundwasser- und Bauwasserreinigung, Deponierückbau und Biogasanlagen im In- und Ausland, beauftragt. So eine Anlage gebe es nicht von der Stange, unterstrich Friedrich-Wilhelm Otte von der Unteren Wasserbehörde des Landkreises, „das ist ein Einzelstück.“ Und in der Tat hatten die beauftragten Ingenieure eine komplexe Aufgabe zu meistern, kreierten für diese Herausforderung ein mehrstufiges Reinigungsverfahren. Daniel Klopp von der Projektentwicklung und Angebotsbearbeitung der Züblin Umwelttechnik GmbH erklärt, wie die vollautomatisch arbeitende Anlage, die von einer 15x24 Meter großen Leichtbauhalle vor Witterungseinflüssen geschützt wird, funktioniert: „Zunächst wird das Grundwasser neutralisiert, indem der hohe pH-Wert bis in den Neutralbereich abgesenkt wird. Gleichzeitig werden gelöste und oxidierbare Verbindungen in abfiltrierbare Feststoffe umgewandelt, so dass diese mit Sandfiltern aus dem Wasser entfernt werden“, so der Projektentwickler. Die Abreinigung der Arsenverbindungen und anderer Schwermetalle erfolge dann mit Hilfe eines speziellen Filtergranulats. In der weiteren Prozessreihe kämen zwei große Wasseraktivkohlefilter zum Einsatz, die Hauptreinigungsstufe für die giftigen Schadstoffe, „die mittels physikalischer Adsorptionskräfte auf der Aktivkohle gebunden werden.“ Zu guter Letzt entfernten zwei Ionenaustauscher Restkonzentrationen.

Das Grundwasser aus dem früheren Dethlinger Teich wird schrittweise abgepumpt, damit die anschließende Kampfmittelbeseitigung im Trockenen erfolgen kann. Dazu wird die Fläche zunächst von einer 20 Meter tiefen Spundwand umschlossen, die verhindert, dass von außerhalb Grundwasser nachfließen kann. Das kontaminierte Grundwasser wird dann über drei Förderbrunnen im Bereich der Grube abgepumpt und in der Anlage den Vorgaben der Behörden entsprechend aufbereitet, so dass es außerhalb des Dethlinger Teichs wiederversickert werden kann. So weit, so gut, doch für die eigentlichen Bergungsarbeiten muss das Ganze noch unter Dach und Fach gebracht werden. Deshalb wird eine rund zwei Fußballfelder große und 25 Meter hohe Halle gebaut, in der die Experten zu Werke gehen werden. „Die Abluft muss gereinigt werden. Dort werden rund 30 Leute mit Vollschutz und jeweils nur für einen bestimmten Zeitraum arbeiten“, betonte Otte: „Es wird hoher Aufwand für die Sicherheit betrieben.“ Im Sommer wird es auf dem Gelände also eine große Baustelle geben. Geplant ist, dass die Halle Anfang Januar kommenden Jahres fertig ist.

„Es ist ein anspruchsvolles Projekt, dass wir uns hier gemeinsam vorgenommen haben“, betonte Landrat Jens Grote und fügte angesichts der Komplexität der Aufgabe hinzu: „Ich hätte mich nicht gemeldet, wenn man mich gefragt hätte: Wollen Sie Pionier sein?“ Nichtsdestotrotz sei das Vorhaben „alternativlos“, gehe es doch um die Sicherheit der Menschen, „die sauberes Grundwasser haben wollen“, aber auch um die Natur, die Umwelt. „Wenn wir diesen Weg gehen, dann müssen wir ihn auch bis zum bitteren Ende gehen“, sagte Grote mit Blick auf die Finanzierung. Zuletzt hatte der Landkreis die Kosten für die Sanierung der ehemaligen Kieselgur-Grube auf fast 62 Millionen Euro beziffert. Minister Lies betonte, dass es ein vergleichbar herausforderndes Projekt weltweit nur noch ein weiteres Mal gebe - nämlich in China. „Es ist kaum zu fassen, was hier damals gemacht wurde“, so der Umweltminister: „Aber es hilft nichts, die Augen zu verschließen. Denn die Probleme sind dann immer noch da.“ Auch Lies ging auf die hohen Kosten ein: „Im Moment sind wir bei 50 Millionen. Und soviel kann man sagen: Billiger wird es nicht.“

Klar ist: der Landkreis muss sich finanziell nicht an den Kosten beteiligen, denn die übernimmt zu 100 Prozent das Land, das sich aber einen Teil davon vom Bund zurückholen wird. Wie genau dies geregelt werden soll, ist derzeit noch Bestandteil von Verhandlungen. Der Landkreis bringt sich mit „Manpower“ ein - und zwar laut Grote nicht zu knapp. „Das ist schon ein hoher Personalaufwand“, unterstrich der Landrat und verwies hier unter anderem auf die Rund-um-die-Uhr-Bewachung des Geländes und die Arbeit des Sanierungsbeirates, der im Zuge des Projekts für Transparenz sorge und die Öffentlichkeit auf dem Laufenden halte. Lies sprach in diesem Zusammenhang angesichts der jeweiligen Möglichkeiten von einer „fairen Aufgabenverteilung“. Bund, Land, Kreis und Kommune hätten schließlich „eine gemeinsame Verantwortung.“

„Wir haben eine gesicherte Finanzierung und funktionierende Technik“, hob Lies hervor. Nun dürfe es kein Wenn und Aber geben. „Wenn es teurer wird, dann wird es eben teurer. Wir haben angefangen und müssen diesen Weg nun bis zum Ende gehen.“ Damit werde der Bevölkerung, die sich angesichts der gefährlichen Altlasten im Boden Sorgen mache, auch ein wichtiges Signal gegeben: „Wir sind in der Lage, Lösungen zu finden.“ Dabei leiste der Sanierungsbeirat wichtige Arbeit, denn: „Transparenz ist hier der richtige Weg.“ Der Umweltminister ist zudem überzeugt, dass bei der Sanierung des Areals wertvolle Erfahrungen gemacht werden, Know-how, das an anderer Stelle von Nutzen sein könne.

Lies lobte das Engagement aller Beteiligten, insbesondere derjenigen, die für die schweißtreibende und nicht ungefährliche Bergung der Munitionsfunde verantwortlich zeichnen. Und in Sachen die Finanzierung habe sich SPD-Bundestagsabgeordneter Lars Klingbeil als „Türöffner“ in Berlin mit Nachdruck dafür eingesetzt, dass sich der Bund an den Kosten beteilige. Klingbeil selbst konnte bei der Inbetriebnahme nicht dabeisein, äußerte sich aber aus der Ferne per Pressemitteilung: „Bei meiner Arbeit als Bundestagsabgeordneter habe ich mich immer für eine vollständige Sanierung des Dethlinger Teichs stark gemacht, um die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger zu gewährleisten und die Belastung durch Rüstungsaltlasten der Umwelt sowie des Grundwassers zu mindern. Wir haben erreicht, dass der Bund finanzielle Mittel für die Sanierung bereitstellt und den Heidekreis und das Land Niedersachsen mit der Finanzierung nicht allein lässt. Das war ein wichtiger Erfolg für die Finanzierung der vollständigen Sanierung, der nun nichts mehr im Wege steht.“ Auch SPD-Landtagsabgeordneter Sebastian Zinke habe auf Landesebene einen engen Austausch mit dem Niedersächsischen Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz und dem zuständigen Umweltminister Olaf Lies zur Aufstockung der finanziellen Mittel gepflegt „und sich für eine finanzielle Beteiligung des Landes stark gemacht“, so Klingbeil. Die Zusammenarbeit mit dem Land und dem zuständigen Umweltminister Olaf Lies habe dazu beigetragen, „bei der Sanierung im Heidekreis voranzukommen.“ Nun gehe es um die konkrete Umsetzung vor Ort.

Zu Beginn der Veranstaltung am Dethlinger Teich hatte Landrat Grote die Arbeit der Gesellschaft zur Entsorgung chemischer Kampfstoffe und Rüstungs-Altlasten (GEKA) gewürdigt. Dort werden die Granaten nach Registrierung jedes einzelnen Fundes und der Freigabe durch die Organisation für das Verbot chemischer Waffen in Den Haag vernichtet. „Wenn die GEKA ihren Sitz in Süddeutschland hätte, dann wäre das ein Problem“, so der Landrat. Der kurze Weg zu den Anlagen trage erheblich zu einer höheren Sicherheit bei.

Um Sicherheit geht es auch Munsters Bürgermeister Ulf-Marcus Grube, der hofft, dass diese Maßnahme erfolgreich abgeschlossen wird: „Wenn es tatsächlich gelingt, das zu Ende zu bringen, dann kann in Munster der eine oder andere wieder besser schlafen.“

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