Von der Zeit der „Krüge“ bis zur „NATO-Straße“

Neue Broschüre von Adolf Köthe zeigt über drei Jahrhunderte die „Geschichte der Gastronomie in Munster und den Ortschaften“

Von der Zeit der „Krüge“ bis zur „NATO-Straße“

Daß dieser Pressetermin in der Stadtbücherei Munster ein wenig einer Kneipenrunde glich, paßte bestens zum Thema: Am vergangenen Dienstag stellten die Beteiligten die neue Broschüre „Geschichte der Gastronomie in Munster und den Ortschaften“ vor - und erzählten dabei auch so manche Geschichte aus der eigenen Vergangenheit in alten Lokalen der Örtzestadt. Munsters ehemaliger Bürgermeister Adolf Köthe hat das umfassende Werk erarbeitet und übergab es seiner Nachfolgerin Christina Fleckenstein. Ebenfalls mit am Tisch: Annegret Kruse als Leiterin der Stadtbücherei, Hartwig Keinert, Vorsitzender des Kultur-und Heimatvereins, sowie Gabriele Reins und Henning Cohrs als Dehoga-Vertreter. Die neue Broschüre, die es ab sofort in Papierform sowie auf CD-Rom zum Ansehen und Ausleihen in der Bücherei gibt, wird dort außerdem am 10. April ab 19 Uhr öffentlich vorgestellt: Köthe erzählt dabei etwas aus der interessanten „Kneipengeschichte“ Munsters von den „Krügen“ im 17. Jahrhundert über die Anfänge der „NATO-Straße“ vor 140 Jahren bis zu den Gaststätten der Bundeswehrgarnison.

Für den ehemaligen Bürgermeister war es bereits das dritte Projekt, beziehungsweise die dritte Broschüre, die er für den Kultur- und Heimatverein und für die Stadt Munster, vor allem aber für die Bürger der Örtzestadt erstellt hat. Und schon die Vorstellungen von „Historie von Gebäuden in der Wilhelm-Bockelmann-Straße“ und „Historie von Gebäuden zwischen St. Urbani und Friedrich-Heinrich-Platz“ zogen damals etliche Zuhörer in die Stadtbücherei. Auch für den anstehenden Vortrag - der Eintritt ist übrigens frei - rechnen Kruse und ihr Team mit einem großen Ansturm: „Doch bei 199 Besuchern ist Schluß“, erinnert die Diplom-Bibliothekarin an die Kapazitätsgrenze der Stadtbücherei Munster. Daher beginnt der Einlaß am kommenden Mittwoch bereits um 18.15 Uhr - „und sollte das Interesse so groß sein, daß einige keine Plätze mehr bekommen, wird der Vortrag sicher wiederholt werden“, plant Kruse.

Gleich mehrere Wiederholungstermine für die vorangegangenen Vorträge gab es bereits bei den ersten zwei Broschüren. Das neue Werk ist übrigens so dick wie beide zusammen: „Die ersten hatten je etwa 75, die neue Broschüre hat rund 160 Seiten“, so der ehemalige Bürgermeister. Und für die hat er viel Zeit in zahlreichen Lokalen verbracht - nicht, um dort zu zechen, sondern für seine Recherche: „Einige hundert Stunden“, schätzt Köthe, habe er allein für das Zusammentragen des Materials benötigt, dabei viele Geschichten gehört und etliche alte Bilder kopiert.

Seine Essenz: „Die Kneipengeschichte in Munster ist eine ganz besondere - auch weil die Stadt seit nunmehr 126 Jahren mit dem Militär verbunden ist.“ Daher hat der ehemalige Bürgermeister auch Kantinen in den Kasernen und Kantinenwagen, die auf den Truppenübungsplätzen unterwegs waren, sowie Lokale in den Lagern und außerdem einige Vereinsheime in seiner Chronik erfaßt. Über einen Zeitraum von rund 300 Jahren hat er die Geschichte der Lokale zurückverfolgt: „Insgesamt gab es - die Ortschaften einbezogen - 164 Betriebe unter 404 verschiedenen Namen, allein in Munster 94 Betriebe mit 316 unterschiedlichen Bezeichnungen.“ Die hätten nämlich häufig gewechselt, so Köthe weiter, „manches Lokal hatte über die Jahre bis zu zehn verschiedene Namen. Nur der ‚Kaiserhof‘ hieß schon immer ‚Kaiserhof‘.“

In der Zeit vor dem Deutschen Kaiserreich war vor allem ein Name an fast jeder Schänke zu finden, und genau in dieser Epoche startet der erste von fünf Abschnitten der neuen Broschüre: „Vom 17. bis zum 19. Jahrhundert war die Zeit der ‚Krüge‘, von denen viele an den Frachtwegen rund um Munster lagen“, erläutert Köthe. Die zweite Phase der Gastronomie-Chronik beginnt 1893, „das Jahr, in dem das Militär nach Munster und damit ein großer Aufschwung in den Ort kam.“ Zu der Zeit seien nicht nur viele Schankwirtschaften, sondern auch Hotels entstanden, „der ‚Waldkater‘ war eines der ersten davon“, so Köthe. „Die Häuser mit Unterbringungsmöglichkeiten - zum Teil Betriebe ‚zum Vergnügen der Soldaten‘ - erlebten rund um den Ersten Weltkrieg sogar einige Besucher- und Touristenströme.“

Im dritten Kapitel, das die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg beschreibt, „erlebt Munter ab 1933 bis zum Zweiten Weltkrieg zunächst erneut einen Aufschwung“ - der dann ab etwa 1957 ein weiteres Mal richtig Fahrt aufnimmt: „Seinerzeit kamen zudem die britischen Soldaten sowie bald auch viele übende Truppen in die Heide“, so Köthe. In den 1960er und 1970er Jahren erlebte Munster somit eine weitere Hochzeit der Gastronomie: „Als ich in 60ern nach Munster kam, gab es hier fast 50 Kneipen“, erinnert sich Keinert. Es war die Hochphase der sogenannten „Lager-Straße“ (Am Sandkrug), später besser bekannt als „NATO-Straße“, in der sich ein Lokal an das nächste reihte. „Das war schon etwas Einzigartiges“, beschreibt Köthe die einstige Amüsiermeile, „quasi ein ‚Klein-St.-Pauli‘ mitten in Munster.“

Im fünften Abschnitt der „Geschichte der Gastronomie“ lebt die Kneipenszene in den 1980er Jahren noch eine Weile weiter - dann allerdings folgt am Ende dieser Neuzeit das Aus für zahlreiche Betriebe: Die Speiselokale ausgenommen, „gibt es in Munster heute nur noch drei klassische Bierkneipen“, so Köthe.

„Jeder hat seine eigene Geschichte zur Gastronomie“, meint Reins, die wie ihr Kollege diese sogar selbst mitgeprägt hat: So führt Cohrs heute die Geschichte des Traditionsbetriebes „Landhotel Heidkrug“ weiter. „Beim Betrachten der neuen Broschüre bringt jeder auch einen Teil seiner Jugend damit in Verbindung“, freut sich Bürgermeisterin Fleckenstein. Und weiter: „Es ist sehr schön und wichtig, das dieser Teil von Munster Geschichte festgehalten wird und damit lebendig bleibt.“

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