Winkelmann zieht zurück

Ratsvorsitzender in Munster kommt SPD-Antrag zuvor: Mandatsverzicht

Winkelmann zieht zurück

Für reichlich Wirbel und Unverständnis sorgte ein bei Facebook am 23. Dezember vergangenen Jahres eingestelltes Video des Munsteraners Lutz Winkelmann, in dem sich der Christdemokrat über seiner Meinung nach mangelnden Bürgerservice im örtlichen Rathaus mokiert. Die SPD und die Gruppe FDP/von Scheffer hatten daraufhin angestrebt, in einer außerordentlichen Ratssitzung Winkelmann von seinem Posten als Ratsvorsitzender abzuberufen. Dem ist der CDU-Ratsherr am Dienstag zuvorgekommen, indem er mit sofortiger Wirkung auf sein Ratsmandat verzichtete. Ihm sei einfach die Sicherung durchgebrannt, so Winkelmann gegenüber dem Heide-Kurier. Er bedauere sein Verhalten und trage mit seinem Rückzug nun die Konsequenzen. Sein Kreistagsmandat will der Jurist behalten, aber zur nächsten Wahl nicht mehr antreten.

So wie in anderen Rathäusern in umliegenden Städten und Gemeinden auch ist das Bürgerbüro in Munster pandemiebedingt nur eingeschränkt erreichbar. Seit Überschreitung des Inzidenzwertes von 50 im Oktober 2020 ist ein Besuch nur nach telefonischer Anmeldung möglich. Für die kundenintensiven Bereiche wie Bürgerbüro und Sozialamt gilt bereits seit Beginn der Pandemie, dass für persönliche Anliegen Termine vereinbart werden müssen. „Hierüber ist auch im Verwaltungsausschuss regelmäßig berichtet worden“, so Melanie Bade, Fraktionsvorsitzende der SPD-Fraktion. Für das Bürgerbüro ist es zudem seit Dezember möglich, sich online einen Termin zu besorgen - darüber wurde auch mehrfach in den Medien berichtet, auch die Homepage der Stadt Munster weist darauf hin.

Winkelmann allerdings erreichte bei der Hotline keinen - auch bei mehreren Versuchen nicht, wie er beteuert - und kam dann beim Geldabheben am Automaten gegenüber vom Bürgerhaus spontan auf die Idee, sich persönlich einen Termin zu holen: „Ein anderer Kunde kam gerade heraus und gab mir quasi die Tür in die Hand, also ging ich hinein“. Doch bevor er überhaupt sein Anliegen habe vorbringen können, sei er von einer Mitarbeiterin übel angeschrien worden, das Rathaus sei geschlossen. „Das war heftig, was ich erlebt habe an dem Tag. Das hat bei mir zu einer Kurzschlussreaktion geführt, mein Video war eine Reaktion auf dieses Verhalten“, so der 64jährige, der mit dem Film demonstrieren wollte, dass die Mitarbeiter nicht an ihren Computern saßen, ihn aber trotzdem nicht einmal anhören wollten.

Seinem Ärger über die Angestellten ließ Winkelmann im Verlauf des Films und dem sich anschließenden Schriftwechsel mit verschiedenen Kommentatoren freien Lauf - „auf eine Art und Weise, die für ein Mitglied des Rates und erst Recht für einen Ratsvorsitzenden beschämend ist“, formulierten die SPD Fraktionsvorsitzende Melanie Bade und Siegfried Irion, Vorsitzender der Gruppe FDP/von Scheffer in ihrem nun überflüssig gewordenen Antrag auf eine außerordentliche Ratssitzung. „Herr Winkelmann hat die Mitarbeitenden der Stadtverwaltung auf das Ärgste beschimpft“, heißt es dort.

Auf den Hinweis zahlreicher Kommentatoren, die Situation sei pandemiebedingt, antwortete Winkelmann: „Richtig. Corona gilt für uns alle, wir alle brauchen auch Geduld ... es darf aber Corona nicht die Rechtfertigung sein für Faulheit, Dummheit oder die vermeintliche Rechtfertigung einer Arroganz von Behördenmitarbeiter -innen gegenüber der normalen steuerzahlenden Bevölkerung. Und da sträuben sich meine Nackenhaare, wenn ich sinnlosen Unwillen und Respektlosigkeit von Angestellten im öffentlichen Dienst erlebe. Wenn ich etwas zu sagen hätte - seit heute morgen wüsste ich, wer als erstes aus der Belegschaft der Stadt Munster entfernt werden müsste ... JEDER“.

Das letzte Wort „Jeder“ entfernte Winkelmann inzwischen - vermutlich, weil er mittlerweile auch positive Erfahrungen mit den Bediensteten der Stadtverwaltung gemacht hat, wie er dem HK berichtete: „ In zwei Angelegenheiten hab ich inzwischen Termine bekommen und wurde schnell und freundlich bedient“, so der Christdemokrat, der zugibt, er habe besser daran getan, zunächst eine Nacht darüber zu schlafen, statt seinem Ärger gleich Luft zu machen. Die lange politische Arbeit mit ihren vielen oft zermürbenden Auseinandersetzungen - gerade auch auf Kreisebene - habe ihn in letzter Zeit dünnhäutig werden lassen. „Ich bin ausgebrannt. Unter Normalbedingungen hätte ich so nicht reagiert, ich bin kein Choleriker, sondern eher auf Harmonie aus“, erklärt der 64jährige.

So zeigten sich auch viele, die Winkelmann kennen, erstaunt über den Post, wie Siegfried Irion berichtet. Zusammen mit Melanie Bade bricht er eine Lanze für die darin Angegriffenen: „Wir stellen uns klar hinter die Mitarbeitenden des Rathauses, die in diesen besonders fordernden Zeiten der Pandemie ihren Dienst für die Munsteraner Bürgerinnen und Bürger leisten. Wir schätzen die Arbeit der Verwaltung der Stadt Munster. Wir sprechen unser Vertrauen aus und bedanken uns ausdrücklich für die geleistete Arbeit während der Pandemie.“

Und auch eine Reihe der Kommentare auf Winkelmanns Facebook-Seite zielen in diese Richtung - mehrere Munsterner berichten von ihren positiven Erfahrungen und dass sie über das Telefon zeitnah Termine vereinbaren konnten und schnell und gut bedient worden seien - eine Erfahrung, die ja auch Winkelmann selbst inzwischen gemacht hat.

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