„Wir bringen alles zum Laufen ... nur gefeiert wird später“

60 Jahre Ausbildungswerkstatt Munster

„Wir bringen alles zum Laufen ... nur gefeiert wird später“

„Wir bringen alles zum Laufen ... nur gefeiert wird später“ - das war auf dem großen Transparent zu lesen, das ein Team der Ausbildungswerkstatt Munster jüngst aus Anlass des 60jährigen Bestehens der Einrichtung präsentierte. In den sechs Jahrzehnten wurden in der Lehrwerkstatt zahlreiche junge Menschen zu Kraftfahrzeugmechanikern, den heutigen Kraftfahrzeugmechatronikern, ausgebildet. Eine große Feier zum „runden Geburtstag“ konnte es coronabedingt natürlich nicht geben. Sie soll jedoch, wie auf dem Transparent angekündigt, nachgeholt werden. „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben“, verspricht der Leiter der Ausbildungswerkstatt, Holger Barton.

So mancher Großvater erzählt noch heute gern die Geschichte vom VW Käfer, bei dem ein kaputter Keilriemen durch eine Damenstrumpfhose ersetzt werden konnte. Damals konnten Laien mit gewissem technischen Verständnis bei „kleineren Macken“ noch selbst am Motor herumschrauben, um das defekte Aggregat wieder zum Laufen zu bringen.

Lang ist‘s her: Heutzutage reichen Mechanik-Kenntnisse bei weitem nicht aus, um müde Autos wieder munter zu machen. Integrierte mechanische, elektronische und digitaltechnische Systeme erfordern sowohl reichlich Fachwissen als auch das entsprechende technische Zubehör. Kraftfahrzeuge sind vollgestopft mit Elektronik - vom Motormanagement inklusive elektronischer Abgasregelung über Spurhalte- und Fahrerassistenzsysteme bis hin zur Komfortelektronik und diversen Insassenschutzsystemen. Technische „Helfer“ wie diese waren noch Zukunftsmusik, als sich Verantwortliche der Bundeswehr im Mai 1960 dazu entschieden, Lehrlinge an der damaligen Panzertruppenschule auszubilden. Seinerzeit war zum Beispiel der VW Käfer im Dienste der Streitkäfte unterwegs, wurde unter anderem von Sanitätern genutzt. Als Limousine für Bataillonskommandeure dienten noch bis 1962 Modelle des Typs Auto Union 1000 S. Die Bundeswehr setzte damals auch auf den berühmten T1-Kleinbus von Volkswagen, liebevoll Bulli genannt, der ab Mitte der 50er Jahre und bis 1970 unter anderem als Personentransporter und Funk-Führungsfahrzeug verwendet wurde.

Um in Munster Nachwuchs auszubilden, der künftig die Flotte der Streitkräfte in Schuss halten kann, wurde nach entsprechenden Vorbereitungen eine Lehrwerkstatt eingerichtet. Erster Ausbildungsleiter war Kfz-Mechaniker Herbert von Bloh, der im März 1961 eingestellt wurde. Ihm zur Seite stand damals Lehrgeselle Werner Renken. Gemeinsam richteten die beiden Männer die Lehrwerkstatt in der Halle 67 ein. Die Rahmenbedingungen waren freilich mit heutigen Standards nicht zu vergleichen: So dienten zwei mit Ölöfen beheizte Feldhäuser als Geschäftszimmer sowie Lehrsaal und Aufenthaltsraum für die angehenden „Schrauber“. Los ging es am 1. April 1961, als die Ausbilder 13 Lehrlinge unter ihre Fittiche nahmen. Anlass für Ullrich Spannuth, Kommandeur der Panzertruppenschule Munster, auf die vergangenen sechs Jahrzehnte zurückzublicken: „Wir können stolz auf 60 Jahre hervorragende Ausbildung in der Kaserne Panzertruppenschule sein. Mit der Ausbildungswerkstatt überzeugen wir in der Region auch als Ausbildungsbetrieb. Dabei spielt es keine Rolle, ob sich die Auszubildenden nach ihren Lehrjahren mit ihrem Gesellenbrief für die Bundeswehr oder für einen zivilen Betrieb entscheiden.“ Die Ausbildungswerkstatt sei ein Paradebeispiel dafür, so Spannuth, wie gut Bundeswehr und ziviles Umfeld in der Örtzestadt harmonierten.

„Wir freuen uns sehr und sind stolz, dass wir nunmehr auf 60 Jahre Ausbildungswerkstatt Munster zurückblicken können. Wir hätten uns natürlich gewünscht, dieses Ereignis gemeinsam mit ehemaligen Ausbildern und Auszubildenden feiern zu können. Wir werden versuchen, diese Feier sobald wie möglich nachzuholen“, unterstrich Barton. Insgesamt wurden bislang 932 junge Menschen zu Kfz-Mechanikern und nach heutiger Ausbildung zu Kfz-Mechatronikern ausgebildet. Im aktuellen „Durchgang“ sind derzeit auch vier junge Frauen dabei, die sich dieser fordernden Ausbildung stellen. Die erste Frau in der Ausbildungswerkstatt war übrigens Tanja Hellwig, die ihre Lehre am 1. August 1988 begann und in der damaligen Männerdomäne auf ganzer Linie überzeugte: im Juni 1991 schloss sie ihre Prüfung mit der Note „Sehr gut“ ab. Hellwig ist noch heute in Munster tätig und vertritt im Personalrat der Panzertruppenschule als Gruppensprecherin die Belange der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Mit der Entscheidung, eine zivilberufliche Ausbildung innerhalb der Bundeswehr zu etablieren, ging es seinerzeit nicht nur darum, Nachwuchs zu gewinnen, sondern auch darum, Kindern von Soldaten und zivilen Beschäftigten eine aussichtsreiche Zukunft zu bieten. Und so muss die Ausbildungswerkstatt in Sachen Technik und Ausstattung - wie Betriebe in der freien Wirtschaft - stets auf dem neuesten Stand sein. Deshalb hat sie jeweils Fahrzeuge der neuesten Generation „auf dem Hof“. Die Berufsbezeichnung „Kraftfahrzeugmechatroniker/-mechatronikerin“ gibt es seit 2003. Damit wurde auf die veränderten Anforderungen in diesem Handwerk reagiert. Auch in Munster wurden die Ausbildungsinhalte auf die neuesten Kfz-Techniken angepasst und entsprechende Werkzeuge und Testgeräte beschafft. Dazu Barton: „Mittlerweile beschäftigen sich die Auszubildenden im dritten und vierten Lehrjahr mit der Hochvolt-Technologie für die E-Mobilität oder mit Alternativantrieben wie Wasserstoff, Brennstoffzellen oder Erdgas. So stehen dann auch die Wartung und Reparatur elektronischer Bauteile und Assistenzsysteme auf dem Lehrplan.“

Logo