Was war früher lästig und wird in der Corona-Krise schmerzlich vermisst?

Künstlerin Verena Issel plant Installation am Springhornhof Neuenkirchen und bittet um Mitwirkung

Was war früher lästig und wird in der Corona-Krise schmerzlich vermisst?

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie mit ihren Folgen auf die Gesellschaft aus? Welche Spuren hinterlassen die Auflagen und Einschränkungen? Was fehlt Jung und Alt am meisten? Die norwegisch-deutsche Künstlerin Verena Issel plant eine Kunst-Installation am Springhornhof Neuenkirchen zum Thema und bittet Bürgerinnen und Bürger um Mitwirkung beziehungsweise Antworten auf ihre Frage: „Was sind lästige Dinge oder Situationen, die durch Corona nun nicht mehr möglich sind, die auf einmal schmerzlicher vermisst werden, als gedacht?“ Dazu nennt die Künstlerin Beispiele: „Eine Freundin ist beispielsweise erstaunt, dass sie die maulfaulen Freunde ihres Teenager-Sohnes vermisst, die nun nicht mehr ständig bei ihr in der Küche herumlungern und den Kühlschrank leer futtern.“ Anderen fehle vielleicht ihr regelmäßiger Sportkurs, obwohl sie sich jedes Mal zur Teilnahme hätten aufraffen müssen. Die Künstlerin bittet in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Springhornhof um Antworten, die Interessierte per E-Mail an die Adresse info@springhornhof.de senden können. Ziel von Verena Issel ist es, die Beiträge in ihr Kunstprojekt einfließen zu lassen.

Dazu schreibt sie in ihrem Ausstellungskonzept für den Springhornhof: „Wir alle wünschen uns den Alltag, wie er vor der Pandemie war, zurück. Selbstverständlich sehnt man sich während eines Lockdowns nach Feiern mit vielen Menschen, nach Restaurantbesuchen, nach Fernreisen - man vermisst aber auch viele Dinge, von denen man selbst nie gedacht hätte, dass man sie jemals vermissen würde. Viele, die früher über ihre Arbeitskollegen geschimpft haben, vermissen diese jetzt im Home-Office. Kinder in Quarantäne wünschen sich dringend den Matheunterricht zurück. Das ‚nervige‘ Fitness-Studio oder die langweilige Arbeit in Omas Gemüsebeeten wird herbeigesehnt“, so die Künstlerin, die 1982 in München geboren wurde und in Berlin arbeitet. „Nun wird es hoffentlich bald eine Zeit nach der Pandemie geben“, hofft auch Issel: „Aber vielleicht ist es eine schöne Idee, sich diesen Gedanken mitzunehmen, als eine Aufwertung und Wertschätzung der kleinen und großen Dinge, die wir immer für selbstverständlich gehalten haben, die ein normaler Teil des Alltags waren und die uns jetzt so besonders und weit entfernt und exotisch erscheinen.“

Die Künstlerin möchte für ihre Installation einige dieser Dinge aus verschiedenen Materialien nachbauen. „Es soll leuchtende Geräte des Alltags geben, weiche Styropornachbildungen von Sehnsuchtsobjekten, schaumige Träume von Sachen, die uns sonst kalt gelassen haben. Ich möchte ein Wandbild schaffen, das teilweise abstrakt ist und teilweise aus Gegenständen zusammengesetzt“, erläutert Issel. Und weiter: „Es wird Elemente aus Schaumstoff geben, aus Styropor, aus Holz, aber auch aus gebogenen Neonröhren in Form meiner Zeichnungen. Diese Sachen sollen schön sein, merkwürdig, aber auch ein bisschen lustig: Das Gemüse von der Oma könnte eine Sonnenbrille tragen und auf dem Fitness-Gerät sitzen, die Matheaufgaben können ein Relief im Hintergrund bilden und so weiter. Irgendwas braucht der Mensch ja zum Lachen, auch in dieser merkwürdigen Zeit.“

Verena Issel lässt mit ihren Arbeiten sonderbar, verspielt oder humorvoll anmutende, raumgreifende Szenarien entstehen, deren gesellschaftliche Bezüge große Ernsthaftigkeit entfalten können. Für ihre Wandbilder und begehbaren Rauminstallationen verwendet sie meist kurzlebige Materialien wie Schaumstoff, Styropor sowie Plastik und Filz aus dem Heimwerker- und Bastelbedarf. Die kunterbunten Ansammlungen von Objekten und Motiven leben von der Vielheit der Einzelteile, die wirken, als könnten sie immer wieder neu kombiniert werden. Durch die Wahl der Motive, die verwendeten Materialien und die Gestaltung reagiert Issel stets präzise auf das jeweilige Ausstellungsumfeld und die verschiedenen Themen.

Die Künstlerin hat freie Kunst an der HfbK Hamburg sowie klassische Philologie an der Universität Hamburg studiert. Zahlreiche Reisestipendien und „Artist in Residency“-Programme führten sie unter anderem nach Russland, Taiwan, Südkorea, Japan, Litauen und Papua-Neuguinea. In den vergangenen Jahren widmeten ihr die Volksbühne Berlin (DE), das ZARYA Center for Contemporary Art (RU), die Trafo Kunsthall (NOR) sowie der Westfälische Kunstverein / LWL-Museum Münster Einzelpräsentationen. Im Jahr 2020 waren ihre Arbeiten unter anderem bei „Studio Berlin“ im Berghain in Berlin zu sehen. Seit 2019 hat Verena Issel eine Gastprofessur an der HfbK Hamburg.

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