„Keizoku wa chikara nari“ – das ist ein japanisches Sprichwort und bedeutet übersetzt „Kontinuität ist Kraft“ oder auch „Beständigkeit zahlt sich aus“. Weise Worte, die der 66-jährige Michael Müller aus der Schneverdinger Ortschaft Insel in den vergangenen Jahrzehnten beherzigt hat. Der frühere IT-Experte, geboren in Essen, lebt mit seiner Ehefrau Dagmar sowie Hund und Kater in der ländlichen Idylle am Rande der Heideblütenstadt und hat ein Instrument erlernt, mit dem wohl nur die wenigsten Europäer etwas anfangen können. Er beherrscht die schwer zu spielende traditionelle japanische Bambusflöte, die im Land der aufgehenden Sonne Shakuhachi heißt. Es soll schon Menschen gegeben haben, die selbst nach halbjährigem Üben keinen vernünftigen Ton aus dem Instrument, das von Meistern ihres Fachs aus dem Wurzelende des Madake-Bambus gefertigt wird, herausbekommen haben. Müller indes zaubert nach jahrelangem Üben eingängige und berührende Klänge aus der Flöte. Das Spielen der Shakuhachi hat er sich auf aufwendige Art und Weise teils selbst, insbesondere aber mit der Hilfe von Mentoren beigebracht. Kostproben seines Könnens präsentiert Müller am 16. August in der Peter-und-Paul-Kirche in Schneverdingen, wenn er in dieser gemeinsam mit der gebürtigen Japanerin Hiroko Tsutsui-Fitschen an der Orgel ab 17 Uhr ein Konzert geben wird. Bereits ab 16.45 Uhr wird der Inseler Interessierte in einem kurzen Vortrag über die Besonderheiten des Instruments und dessen Geschichte informieren. Der Eintritt zum Konzert ist frei, um eine Spende wird am Ausgang gebeten.
Müller hat zwar lange Jahre am Rande Essens, der Stadt im Zentrum des Ruhrgebiets und der Metropolregion Rhein-Ruhr, gelebt, weint dem Großstadttrubel wegen steigender Kriminalitätsrate und zunehmender Vermüllung aber keine Träne nach. Im Jahr 2023 hat er dem Ruhrpott den Rücken gekehrt und ist mit seiner Frau in der Idylle der Schneverdinger Ortschaft Insel angekommen, wie sich jüngst beim Besuch des Ehepaares zeigt.
Nach einer stürmischen und überaus freundlichen Begrüßung durch die Familienhündin geht es in den tollen Garten, in dem es auf einer bewusst der Wildnis überlassenen und nur sanft gestalteten Fläche summt und brummt. Pfauenaugen, Zitronenfalter und Schwalbenschwänze rüsseln flatternd an den Blüten eines Flieders, Wespenspinnen mit leuchtenden Querstreifen in Schwarz, Gelb und Weiß warten auf Beute. Still ist es in dieser Oase, dann jedoch erklingen plötzlich Töne, die an Kirschblüten, Tempel und dichte Bambuswälder in Fernost erinnern: Der 66-jährige hat auf einer blauen Bank Platz genommen und entlockt seiner Shakuhachi meditative Klänge. „Das ist ein Lied aus einer Anime-Serie“, erklärt der Wahl-Heidjer und lächelt tiefenentspannt.
Doch wie kommt man als Ruhrpottler dazu, ein traditionelles Instrument aus einem fernen Land zu erlernen? „Musik hat mich schon immer fasziniert“, erzählt Müller. Sein neun Jahre älterer Bruder habe ihn in den 60-er und 70er-Jahren Platten vorgespielt, zudem in einer Band getrommelt und ihm später auch das geliebte Schlagzeug überlassen. „Mit 14 habe ich dann meine erste Gitarre von meiner Mutter bekommen. Irgendwann konnte ich dann Schlagzeug, Gitarre und Piano spielen. Das meiste habe ich mir selbst beigebracht“, so der 66-Jährige.
Später jedoch verschoben sich seine Interessen in eine andere Richtung, „denn ich habe so eine Art asiatische Macke bekommen“, lacht Müller. Er widmete sich fortan der traditionellen chinesischen Kampfkunst und Bewegungslehre Tai Chi, betrieb den Kampfsport Taekwondo und entwickelte ein Faible für Reiki, eine Art von Energietherapie, die ihren Ursprung in Japan hat. Der damalige Essener tauchte tief in die Materie ein und brachte es zu zwei Reiki-Meistertiteln. Weil er beim Praktizieren der Energiearbeit entspannte asiatische Musik im Hintergrund laufen ließ, waren auch immer wieder Shakuhachi-Klänge zu hören. „Ich wollte wissen, was das für eine Flöte ist und habe mir eine im Internet bestellt. Sie war jedoch verstimmt, dieser Versuch war eine Katastrophe“, erinnert sich Müller.
So schnell aber wollte er nicht aufgeben und begab sich auf die Suche nach Lehrern, die in Deutschland rar gesät waren und nach wie vor sind. So nahm er damals schließlich – Internationalität ist Trumpf – mit einem in Nürnberg lebenden Australier Kontakt auf. Zudem kaufte er sich eine Flöte aus Ahorn, „die glücklicherweise richtig gebaut und gestimmt war.“ Und damit fing er an, das Spielen des Instruments zu erlernen. Auch wenn die Anfänge mühsam waren, warf er die Flöte nicht voreilig ins Korn.
Von der Neugier beflügelt, ging ihm nicht die Puste aus. Und tatsächlich gelang es ihm, eine Koryphäe auf diesem Gebiet zu finden, die ihm mit Gelassenheit und Weisheit nach und nach die Flötentöne beibrachte: Ronnie Nyogetsu Reishin Seldin, einer der seinerzeit weltweit besten und anerkanntesten Shakuhachi-Lehrer, der damals in der Nähe von New York City in den Vereinigten Staaten von Amerika lebte. „Ein sehr lieber Mensch und von der Form her ein Buddha“, sagt Müller augenzwinkernd: „Er hat mir zunächst Unterlagen und Noten geschickt. Das erste Lied, das ich einzustudieren hatte, war die japanische Nationalhymne. Dann folgten japanische Volkslieder, die sehr gut dazu geeignet sind, das nötige Handwerkszeug zu erlernen. Später wurde es anspruchsvoller mit Stücken japanischer Kammermusik.“
Wegen der Entfernung war die Unterrichtsmethode durchaus ungewöhnlich, wie Müller berichtet: „Ronnie hat mir jedes Stück geklatscht und gesungen und das Ganze aufgenommen. Die Aufnahmen habe ich mir dann heruntergeladen und ein- bis zwei Wochen an den jeweiligen Sequenzen gearbeitet.“ Sein „Nachspielen“ nahm er dann selbst auf und schickte die Musik via Datenautobahn als MP3-Dateien über den großen Teich. Sein Lehrer hörte sie sich an, bewertete die Fortschritte und machte Verbesserungsvorschläge. „So ging das immer weiter und ich habe mich offenbar nicht dumm angestellt“, so der Inseler.
Sein „Meister“ Nyogetsu, inzwischen verstorben, unterrichtete weit mehr als 30 Jahre Shakuhachi und wurde im April 2001 mit der Großmeisterlizenz des 9. Grades „Koku-an Dai-Shihan, Kyu-Dan“ von Japans „lebendem Nationalschatz“, Aoki Reibo, ausgezeichnet. Dazu erhielt er den zweiten Beinamen „Reishin“, was soviel wie Herz oder Geist der Glocke bedeutet. „Er war der erste und bisher einzige Nicht-Japaner, dem diese höchste Auszeichnung verliehen wurde“, sagt Müller. Er lobt seinen Lehrer in höchsten Tönen, und es ist ihm anzumerken, dass er seinen Mentor vermisst. Gern erinnert er sich an vergangene Zeiten. Im Verlauf seines „Bambuspfades“, wie Müller den Lernprozess beschreibt, wurde ihm nämlich eine besondere Ehre zuteil. Er durfte seinen Lehrer, der Japanisch konnte und im Land der aufgehenden Sonne hohes Ansehen genoss, im Jahr 2007 erstmalig nach Japan begleiten. Im Zuge dieser Reise wurde Müller auch Schüler von Kurahashi Yodo II, dessen Vater einst auch der Lehrer von Ronnie Nyogetsu Reishin Seldinn war. So schloss sich quasi der Kreis, als der Deutsche auf der Tatami-Matte dem Meister ehrfürchtig gegenübersaß und mit ihm gemeinsam musizierte.
Über seinen Schüler Müller schrieb wiederum sein Lehrer aus New York City: „Michael ist eine Rarität. Aus den über 30 Jahren in denen ich unterrichtet habe, und von den Hunderten von Studenten, die auf die gleiche Weise Shakuhachi gelernt haben, gibt es nur ein oder zwei andere, die zu diesem Niveau der Kunstfertigkeit aufgestiegen sind wie Michael. Er hat die Ästhetik und die Emotionen Japans in wunderbarer Weise erfasst. Zu sagen, dass Michael weiter gekommen ist als jeder Student, den ich jemals in Europa hatte, ist natürlich wahr, aber ich glaube, für Michael nur ein Anfang. Ich habe große Hoffnungen, dass er in Lage sein wird, die Shakuhachi in ganz Deutschland zu verbreiten, vielleicht sogar in der gesamten Hemisphäre.“
Diese anerkennenden Worte legen nahe, dass Müller wohl nicht nur beim Musizieren stets den richtigen Ton getroffen hat. Im Jahr 2013 war er dann auch der erste Europäer, der eine offizielle Lehrlizenz der Kinko-Schule der Shakuhachi in der Tradition von Jin Nyodo erhielt. Sein Lehrer verlieh ihm den Künstlernamen „Reigetsu“, was er als „Elegant scheinender Mond“ übersetzt wissen wollte und was sich damit auf die Art des Flötenspiels seines Schülers beziehen sollte.
Der „Meisterbrief“ mit japanischen Schriftzeichen, der von rechts nach links gelesen wird, hat einen Ehrenplatz im Haus in Insel bekommen. Öffentliche Auftritte, zum Beispiel beim Japan-Tag in Düsseldorf, in Kirchen, bei Vernissagen, Meditationsgottesdiensten oder im japanischen Kulturinstitut in Köln folgten. Zudem unterrichtete Müller mehrere Schüler.
Vor schweren Rückschlägen sind indes sind auch Meister ihres Fachs nicht gefeit. Das ging auch Müller so, er hatte aufgrund persönlicher Schicksalsschläge zwischenzeitlich keine Muße, die Shakuhachi zur Hand zu nehmen. „Man kann diese Flöte nur mit reinem Herzen spielen“, unterstreicht er: „Bei Stress oder Schicksalsschlägen kommt da nur Luft raus. Seit zehn Jahren ist in meinem Leben zwar alles wieder auf Schiene, aber meinen Stand vor 2013 werde ich wohl nicht mehr erreichen“, so der Inseler.
Das, was Müller in seinem Garten erklingen lässt, geht allerdings sofort ins Ohr. Beim Konzert in der Peter-und-Paul-Kirche mit Kantorin Hiroko Tsutsui-Fitschen werden am 16. August klassische japanische Stücke zu hören sein, aber auch die Arie Ombra mai fu von Georg Friedrich Händel und Pie Jesu von Gabriel Fauré. Zum anstehenden Konzert passen die folgenden Worte seines Lehrers Ronnie Nyogetsu: „Wenn Du den perfekten Klang findest, kannst Du Schönheit, Gelassenheit und Erleuchtung verbreiten, damit die Menschen ihren eigenen Ort der Stille finden können.“
Vier Grifflöcher, ein Daumenloch und eine Anblaskante
Bei der Shakuhachi handelt es sich um eine traditionelle japanische Bambusflöte. Sie wird in der jetzigen Form aus dem Wurzelende des an Hängen wachsenden Madake-Bambus gefertigt. Das Standard-Instrument ist genau 54,5 Zentimeter lang. Die Flöte ist an beiden Enden offen und hat lediglich vier Grifflöcher, ein Daumenloch und eine Anblaskante. Um die Shakuhachi recken sich viele Legenden und Spekulationen. Es scheint zumindest gesichert, dass die Flöte etwa zu Beginn des 7. Jahrhunderts aus China nach Japan kam und bis zum 9. Jahrhundert in der höfischen Ensemble-Musik gespielt wurde. In Erzählungen, Gedichten und vielen historischen Dokumenten wird die Bambus-Flöte bis zum 16. Jahrhundert immer wieder erwähnt. Seit Beginn des 17. Jahrhunderts war die Shakuhachi offenbar das Instrument bettelnder buddhistischer Mönche, seinerzeit „komosô“ genannt, die einem religiösen Orden angehörten, der sogenannten Fuke-Sekte. Der Gebrauch der Shakuhachi war dort, wie überliefert, streng begrenzt. Sie durfte weder in Konzerten gespielt werden, noch war es Außenstehenden erlaubt, sich die Klänge des Instruments anzuhören.