Elektrozäune und „Bodyguards“

Projekt „Herdenschutz Niedersachsen“: NABU zieht in Schneverdingen Bilanz

Elektrozäune und „Bodyguards“

Es gibt wohl kaum ein Thema, das derart stark polarisiert wie die Rückkehr des Wolfes. Befürworter und Gegner stehen sich mit ihren Argumenten anscheinend unvereinbar gegenüber, der Ton ist nach wie vor rauh. Das möchte der Naturschutzbund (NABU) Niedersachsen ändern und mit seinem Projekt „Herdenschutz Niedersachsen“ dazu beitragen, mehr Akzeptanz für die Anwesenheit von Wölfen zu schaffen. Nach nunmehr dreieinhalb Jahren endet die Förderung dieses Projektes durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) und die Niedersächsische Bingo-Umweltstiftung (NBU). Und das nahmen Dr. Holger Buschmann, Landesvorsitzender des NABU Niedersachsen, NABU-Projektleiter Peter Schütte sowie weitere Beteiligte zum Anlass, am vergangenen Freitag im Rahmen einer mehrstündigen Veranstaltung in der Alfred-Toepfer-Akademie (NNA) im Camp Reinsehlen von den bisherigen Erfahrungen zu berichten und Bilanz zu ziehen.

In einem praktischen Teil am Nachmittag informierte Nicole Benning vom Verein für arbeitende Herdenschutzhunde über den Einsatz der vierbeinigen „Bodyguards“ und hatte dazu die neunmonatige Kangal-Hündin „Luzie“ mitgebracht. Außerdem stellte ein Fachmann wolfsabweisende Zaunarten vor. Zuvor hatte Dr. Holger Buschmann vor den interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern, darunter auch Hans-Jörg Schrader vom niedersächsischen Umweltministerium, Dr. Volker Wachendörfer (DBU) und Karsten Behr (NBU), den „herausragenden Einsatz“ der Aktiven des NABU gewürdigt, die im Projektzeitraum mehr als 5.500 Stunden ehrenamtliche Arbeit in den Bau wolfsabweisender Zäune als praktische Unterstützung von Weidetierhalterinnen und -haltern investiert hätten. Buschmann: „So wird die Weidetierhaltung sowie die Natur- und Landschaftspflege nachhaltig unterstützt und zukunftsfähig aufgestellt.“

Ähnlich äußerte sich DBU-Experte Wachendörfer: „Das NABU-Projekt ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie die wichtige Symbiose zwischen Naturschutz und Weidetierhaltung gelingen kann. Vor allem: Es ist der richtige Weg, um die berechtigten Interessen verschiedener Akteure miteinander zu versöhnen.“ Die finanziellen Fördermöglichkeiten des Landes Niedersachsen werden durch das NABU-Projekt und sein Beratungsangebot, die helfenden Hände der Ehrenamtlichen im Gelände sowie auch umfangreiche Netzwerkarbeit ergänzt und unterstützt. Durch die Arbeit der Freiwilligen in Kooperation mit Tierhaltern sollen nicht nur Weidetiere vor Wolfsübergriffen geschützt werden, sondern auch gegenseitiger Respekt und Verständnis zwischen den Beteiligten entstehen. So könne der Herdenschutz, unterstrich der Landesvorsitzende, schrittweise flächendeckend umgesetzt werden: „Damit trägt der NABU wesentlich dazu bei, Akzeptanz für die Anwesenheit von Wölfen und darüber hinaus noch viel mehr, nämlich eine persönliche Verbindung zwischen Weidetierhaltung und Naturschutz, zu schaffen.“

Die Verbreitung der Wölfe bedeute für Weidetierhalter „höhere Kosten, zum Beispiel für wolfsabweisende Zäunungen, die Anschaffung von Herdenschutzhunden oder erforderlich gewordene Betriebsumstellungen sowie einen Mehraufwand an Arbeitsleistung“, erläuterte Peter Schütte: „An diesen Stellen können wir ansetzen, um Wissen zu schaffen und anfallende Kosten zu minimieren“, so der NABU-Projektleiter, der auch Zahlen nannte: Im Rahmen des Projekts hätten die Beteiligten mehr als 130 Weidetierhalter vor Ort zur Umsetzung von Herdenschutzmaßnahmen beraten. Dabei habe es sich bei etwa der Hälfte um Schaf-/Ziegenhaltungen, einem Viertel um Rinder-, einem Fünftel um Pferde- sowie um zwei Gatterwildhaltungen gehandelt. „Bei insgesamt 50 Tierhaltungen wurden fast 100 Weideflächen wolfsabweisend fest eingezäunt. Das sind zirka 530 Hektar und 82 Kilometer neue Zäune, die alte marode, nicht wolfsabweisende Umzäunungen ersetzt haben - und zwar vom Nordseedeich bis hin zum Harz“, erläuterte Schütte vor. Wichtig sei, „dass jede Weidefläche individuell unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet werden muss, so zum Beispiel Tiergattung, Betriebsabläufe, Gelände oder sonstige Einschränkungen.“ Und genau deshalb sei eine einzelbetriebliche Vor-Ort-Beratung das A und O. Durch vom Projekt empfohlene Elektrozäune werde die Hütesicherheit für Weidetiere deutlich verbessert. Während Wolf und Wildschwein „draußen“ blieben, könnten andere Tiere „durchschlüpfen“: „Unsere Erfahrungen zeigen, dass Kleintiere und Rehwild die von uns favorisierten fünfreihigen Elektro-Festzäune queren“, berichtete der Projektleiter.

Nach weiteren Vorträgen von Dr. Torsten Richter von der Universität Hildesheim sowie Elke Steinbach von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen ging es dann am Nachmittag hinaus ins Freie. Auf einer Fläche hinter der NNA hatten Weidezaunexperte Sven Zwirner als Vertreter einer Herstellerfirma und Helfer mehrere wolfsabweisende Zaunarten aufgestellt, wobei ein für Schaf- und Rinderweiden geeigneter „fünfreihiger Glattdrahtzaun“ und eine Festzaunlösung für Pferdehalter als dauerhafte Anschauungsobjekte vor Ort stehenbleiben. Auch mobile Varianten wie den „Litzenzaun“ stellte der Fachmann vor. „Mit Elektrozäunen haben wir den größten Erfolg“, betonte Zwirner. Das Unternehmen, für das er tätig sei, habe inzwischen rund 1.000 Hektar Weidefläche umzäunt, davon 530 Hektar im Rahmen des NABU-Projekts. „Und meines Wissens hat es auf diesen Flächen bislang keinen Wolfsriss gegeben“, unterstrich der „Zaun-Gast“.

„Der Schlüssel für eine wolfsabweisende Wirkung ist die korrekte Elektrifizierung und Erdung“, hob Zwirner hervor: „Wir stellen immer wieder fest, dass es in diesem Bereich große Defizite gibt.“ Ferner sei die Einhaltung der entsprechenden Abstände der elektrischen Leiter bei Fest- und Litzenzäunen zueinander und vor allem zum Boden wichtig. „Weil Wölfe in der Regel Hindernisse untergraben, darf der Abstand des untersten elektrischen Leiters zum Boden 20 Zentimeter nicht überschreiten“, erläuterte der Fachmann.

Dass auch Herdenschutzhunde ein probates Mittel gegen Wolfsübergriffe sei können, berichtete Nicole Benning von der Schäferei Wümmeniederung in Scheeßel. Ihr Mann Holger und sie sind Mitbegründer und Vorstandsmitglieder des eingetragenen Vereins für arbeitende Herdenschutzhunde in Deutschland und gelten als Experten auf diesem Gebiet.

„Herdenschutzhunde sind nichts für jedermann und auch kein Allheilmittel“, erklärte die 51jährige: „Man muss mit den Hunden arbeiten wollen - und dann funktioniert es auch.“ Familie Benning setzt Kangals als Herdenschutzhunde ein und züchtet diese inzwischen auch erfolgreich. Diese Vierbeiner betrachteten die zu schützenden Herden als ihr Rudel und verteidigten dieses rigoros gegen Angreifer. „Obwohl wir Wolfsspuren bei unseren Herden gefunden haben und auch Sichtungen hatten, hat es bei uns bislang noch keinen Wolfsriss gegeben“, berichtete Benning. Zwei der Kangals hätten es einmal mit einem ausgewachsenen Keiler aufgenommen - und die Oberhand behalten. Kangals seien mental starke und intelligente Hunde, „die eine hohe Canidenschärfe aufweisen und bislang alle Situationen hervorragend gemeistert haben.“ In einem Fall sei der Hund eines Jagdpächters auf eine der Schafherden der Familie zugelaufen, zwei Herdenschutzhunde hätten diesen jedoch sofort in die Schranken gewiesen, ohne dem Eindringling dabei auch nur ein Haar zu krümmen. „Weil sich der Jagdhund defensiv verhalten hat, nachdem er gemerkt hatte, chancenlos zu sein, haben ihm unsere Hunde klar und deutlich gezeigt: da ist die Tür“, berichtete Benning. Von dieser Aktion sei selbst der Jagdpächter, der die Szene beobachtet habe, beeindruckt gewesen.

Die neun Monate alte Hündin „Luzie“, die Benning aufgrund ihres Charakters nach der gleichnamigen Comicfigur so genannt hat, darf allerdings noch nicht als „Bodyguard“ auf die Weide. „Sie ist gerade in der Pubertät und noch zu verspielt“, schmunzelte die Scheeßelerin. Kangals hätten, so Benning, „mit spätestens zwei Jahren ihre innere Mitte gefunden. Dann haben sie auch endgültig verstanden, dass man nicht mit Schafen spielt.“

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