„So viele ‚letzte Male‘“

Auch Thea Terjung musste Freiwilligendienst in Brasilien abbrechen

„So viele ‚letzte Male‘“

Mit „kulturweit“, dem internationalen Freiwilligendienst der Deutschen UNESCO-Kommission, war Thea Terjung unterwegs, um sich ein Jahr lang in Brasilien zu engagieren. Dort, in Florianópolis (Floripa), unterstützte sie Kinder vorrangig im Deutschunterricht. Über ihre Erfahrungen hat sie regelmäßig im Heide-Kurier berichtet. Doch jetzt fand auch dieses Engagement ein vorzeitiges, abruptes Ende: Wegen der Corona-Pandemie musste die 20jährige Schneverdingerin Brasilien verlassen und nach Deutschland zurückkehren.

Am Montag, dem 16. März, bekam ich die E-Mail. Wir wurden zu sofortiger Rückkehr aufgerufen. Ich wusste, dass an diesem Tag die entscheidende E-Mail kommen würde. Ich bin aufgewacht, habe auf mein Handy geschaut. Meine Mails geöffnet: „Aufforderung zur unmittelbaren Rückkehr nach Deutschland”.

Ich hatte es schon seit Sonntag im Gefühl, zu viele internationale Programme hatten den Abbruch bereits bekanntgegeben. Sie hatten gar keine andere Wahl, als uns zurückzuholen. Mir schossen die Tränen in die Augen. Ich wusste, dass es nicht anders ging. Und trotzdem brach augenblicklich eine Welt für mich zusammen.

Bereits die letzten zwei bis drei Wochen erreichten mich regelmäßig E-Mails zum internen Umgang mit Corona. Trotzdem erschien mir dies alles viel zu weit weg. Uns wurde freigestellt, unseren Freiwilligendienst frühzeitig zu beenden und nach Hause zurückzukehren. Ich entschied mich dagegen. In Brasilien war doch noch alles in Ordnung, das einzige was mich beunruhigte, waren die Nachrichten aus Deutschland. Wo die Welt auf dem Kopf zu stehen schien. Ich bemerkte, wie sich die Lage zu Hause stetig veränderte. Genauso wie meine Eltern langsam nervös wurden. Und meine Eltern werden eigentlich nahezu nie nervös. Ich wollte unter allen Umständen bleiben.

Am Sonntag, dem 15. März, wurde bekannt gegeben, dass die Uni und die Schule aufgrund der Corona-Pandemie morgen geschlossen bleiben würden. Das war der Wendepunkt, langsam bemerkte ich, wie sich auch in Floripa alles veränderte. Es schien, als war es der Tag, an dem es auf einmal alle realisierten. Es ist ernst. Am Montag kam dann die offizielle E-Mail. Ich verbrachte den Tag damit meine Rückreise zu organisieren, Flüge zu finden, zu buchen und zu hoffen und nicht durchzudrehen.

Es war wie in einem schlechten Traum, es fühlte sich so an, als wäre etwas in mir gestorben, eine unglaublich Leere, die sich breit machte. Ich war so glücklich, meine Projekte, die Sprache, meine Freunde, meine WG. Es sollte von heute auf morgen alles vorbei sein.

Am Dienstag wurde der Notstand im Bundesstaat Santa Catarina ausgerufen, die Menschen dazu angehalten, zu Hause zu bleiben. Mein letzter Tag in Floripa. Am Mittwoch ging bereits mein Flieger nach Sao Paulo. Eineinhalb Tage hatte ich Zeit, Abschied zu nehmen. Auf dem Weg zum Flughafen wusste ich nicht, ob der Flieger überhaupt noch abheben würde. Zu viele Flüge wurden gecancelt.

Meine Schüler und Schülerinnen schickten mir Abschiedsbriefe und Videos über Whatsapp, ich hatte keine Zeit, mich persönlich zu verabschieden.

In Sao Paulo übernachtete ich für eine Nacht und stieg am Donnerstagabend in einen Flieger nach Frankfurt.

Zu diesem Zeitpunkt wollte ich einfach nur noch nach Hause. Das Gefühl nach Hause zu müssen, nicht zu wollen, dann nicht zu wissen, ob es möglich ist, nach Hause zu kommen, hatte dazu geführt, dass ich zumindest erleichtert in den Flieger stieg.

So viele „letzte Male“, die mir genommen wurden. So viele „letzte Male“, die zu „letzten Malen“ wurden, ohne geplant zu sein. Viele „letzte Male“, die ich gerade erst realisiere.

So viel Traurigkeit wie in den letzten eineinhalb Wochen habe ich lange nicht gespürt, so viele Tränen, die geflossen sind. Pure Verzweiflung, Überforderung, Ungewissheit und trotzdem Dankbarkeit. Für die Menschen, die mich in diesen letzten Tagen so unterstützt haben und mich aufgefangen haben, als auf einmal alles für mich zusammengebrochen ist. Trotzdem bin ich so unendlich dankbar. Es ist ein gutes Zeichen, dass es mir so schwergefallen ist, Brasilien zu verlassen, ein Zeichen, wie unglaublich schön diese Zeit gewesen ist. Dankbarkeit dafür, dass ich sicher zu Hause gelandet bin, und dafür, dass meine Familie und Freunde gesund sind.

Realisieren kann ich das Ganze noch nicht, wieder hier zu sein. Aber trotzdem geht es mir gut. Es tröstet zu wissen, dass ich nicht allein mit dieser Situation bin, sondern wir alle gerade in dieser Situation gemeinsam stecken.

Das für mich Wichtigste, was ich realisiert habe, ist, einfach zu machen. Wie viele Pläne ich noch hatte, Ausflüge, Abenteuer, die ich noch erleben wollte. Die ich aufgeschoben habe, weil ich dachte, dass ich ja noch Zeit habe. Alles kann so schnell vorbei sein, weshalb es sich lohnt, manche Sachen einfach sofort zu machen.

Trotzdem trage ich das Erlebte in mir und bin dankbar für all das, was passiert ist!

Brasilien fehlt mir jedoch sehr!

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