Zwischenbilanz, mal anders

Thea Terjung berichtet von ihren Eindrücken aus Brasilien

Zwischenbilanz, mal anders

Mit „kulturweit“, dem internationalen Freiwilligendienst der Deutschen UNESCO-Kommission, ist Thea Terjung unterwegs, um sich ein Jahr lang in Brasilien zu engagieren. Dort, in Florianópolis, unterstützt sie Kinder vorrangig im Deutschunterricht (HK berichtete). Welche Erfahrungen die 19jährige Schneverdingerin während ihres Aufenthaltes macht, können unsere Leserinnen und Leser in den kommenden Monaten mitverfolgen, denn sie wird den HK regelmäßig mit Eindrücken von der anderen Seite der Welt versorgen.

Zwei Monate auf einem anderen Kontinent. Zwei Monate Brasilien. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, dass ich Deutschland verlassen habe und in den Flieger nach Sao Paulo gestiegen bin. Ich fühle mich mittlerweile so wohl hier, dass ich manchmal vergesse, dass ich eigentlich erst zwei Monate hier bin.

Aber was heißt „eigentlich“? In den zwei Monaten habe ich so viel erlebt, dass ich es eigentlich nicht in Worte fassen kann. Keine Worte würden es schaffen, dem Erlebten Ausdruck zu verleihen. Manchmal ist es richtig schwer, Erlebnisse so zu erzählen, dass der andere am anderen Ende der Welt nachvollziehen kann, wie es „eigentlich“ wirklich ist.

Dabei möchte ich es so gern teilen. Ich wünschte manchmal, es wäre möglich, Menschen an einen Ort zu beamen. Dann wäre es möglich, all das Erlebte, die Orte, die Situationen, die Stimmungen und sogar das Wetter nachfühlen zu können.

Aber vielleicht ist es genau das, was es so einzigartig macht. Das man das Erlebte nicht teilen kann. Auf jeden Fall nicht so, wie man es sich gern wünscht. Man erlebt es allein.

Die zwischenmenschlichen Beziehungen: Menschen, die ich noch vor zwei Monaten nicht kannte. Menschen die mir fremd waren. Menschen, die mir bereits jetzt unglaublich doll ans Herz gewachsen sind. Menschen, die ich kennenlernen durfte und in der nächsten Zeit noch weiter kennenlernen darf. Ich glaube, das, was mir diese zwei Monate bis jetzt gezeigt haben, ist, dass man niemals irgendwo auf dieser Welt allein ist.

Seien es die kleinen Momente im Supermarkt, im Bus oder auf der Straße. Ein Lächeln, ein Hallo oder ein kurzes Gespräch. Was für den einen belanglos erscheint, was der andere gar nicht erst wahrnimmt und der nächste nicht für wichtig erachtet, ist genau das, was den anderen glücklich macht.

Zwei Monate laufe ich nicht jeden Abend, aber mehrmals die Woche denselben Weg zu meinem Gastvater in Richtung Büro. Auf diesem Weg treffe ich jedes Mal einen Mann, an einem kleinen Imbisswagen. Am Anfang haben wir uns zugelächelt. Mittlerweile, nach vielen wiederholten Malen, sagen wir uns „Hallo“. Ich muss jedesmal schon richtig lachen, wenn ich ihn sehe. Es ist wie ein Gefühl von Vertrautheit, ihn auf meinem (fast) täglichen Weg zu treffen. Ich wundere mich mittlerweile, wenn er mal nicht dort ist. Frage mich innerlich, warum er nicht, wie gewohnt, dort steht.

Und das ist eine der schönsten Erkenntnisse bis jetzt. Es ist ein schönes Gefühl, wie Ungewohntes zur Gewohnheit wird. Wie Fremdes vertraut wird und neue Umstände uns so viel aufmerksamer machen, wie man dem sonst Unbemerkten Aufmerksamkeit schenkt. Und man dadurch soviel zurückbekommt. Es ist schon verrückt, wieviel das menschliche Miteinander ausmacht.

Man sollte das Zwischenmenschliche nicht unterschätzen, denn es ist das, was das Leben ausmacht und uns täglich, wenn auch unterbewusst entweder gute oder schlechte Laune bereitet. Wenn man also dem vermeintlich Gewohnten mehr Aufmerksamkeit schenkt, sind es so viele kleine Dinge, die den Alltag viel schöner machen. Dann ist es genau dass, was einen dankbar macht und den Alltag und die Gewohnheiten in einem neuen Licht erscheinen lässt.

Zwei Monate Brasilien über die ich unglaublich glücklich bin. Fremde Menschen, die mich willkommen geheißen haben, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. So viel Neues, was ich erfahren durfte. Eine Kultur, die ich kennenlernen durfte.

Diese zwei Monate haben mir vor allem bewusst gemacht, wie wichtig es ist, tolerant zu sein. Sich auf Neues einzulassen, unvoreingenommen an Situationen heranzugehen, auch wenn es einem selbst unglaublich schwerfallen kann. Menschen mit anderen Meinungen, mit anderen Einstellungen, das ist das, was Diversität und damit Gesellschaft ausmacht.

Logo