Heidjer erleben das Wirtschaftswunder

Neues Heidekreis-Jahrbuch beleuchtet die Jahre 1949 bis 1969

Heidjer erleben das Wirtschaftswunder

Ein edler Mercedes fährt in Dorfmark vor, in ihm steht Hans-Joachim Walde, sein Oberkörper ragt durchs Schiebedach, Passanten am Straßenrand jubeln dem Olympiamedaillengewinner zu. Wer denkt sich nicht gern zurück ins Jahr 1964? Oder ins Jahr 1951, als in Schneverdingen Margret Höppner zur Heidekönigin gekrönt wird? Erstgenanntes Fotomotiv ziert das Cover des frisch erschienenen Jahrbuchs des Heidekreises 2021/22, letzteres dessen Rückseite. In der Kulturstellmacherei in Schneverdingen stellte Autor Dr. Stephan Heinemann das neue Werk jetzt vor, auch Landrat Jens Grote war zugegen.

In dem Buch beleuchtet Dr. Heinemann den Heidekreis in den Wirtschaftswunderjahren, also in der Zeit zwischen 1949 bis 1969. Die Pandemie habe die Erstellung des Werks zwar erschwert, doch dank ausreichend zeitlichen Vorlaufs und guter Kontakte sei es ihm dennoch gelungen, an genügend Informationen und Bilder für das neue Jahrbuch zu gelangen, sagte der Historiker und Archivar, der in Berlin und Walsrode beheimatet ist.

Das Jahrbuch kann sich sehen lassen: 164 Seiten umfassend, enthält es eine Fülle an Informationen und dazu passend mehrere hundert Fotos, darunter auch Farbmotive. Gegliedert hat Dr. Heinemann das Werk in drei große Abschnitte: Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, jeweils von der Ära Adenauer bis zur Ära Brandt, wobei der lokale Bezug klar im Vordergrund steht.

Politisch, so Dr. Heinemann, hätten in der genannten Zeit der Wiederaufbau und Neubau von Wohnungen und Infrastruktur im Fokus gestanden, außerdem sei es zu ersten Bestrebungen gekommen, durch Gemeinde-Zusammenschlüsse größere Verwaltungseinheiten zu bilden.

Die blühende Wirtschaft habe zur Ansiedlung neuer Unternehmen im Kreisgebiet geführt, während bestehende Betriebe sich erfolgreich weiterentwickelt hätten. Mit dem Wirtschaftswunder einhergegangen sei die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte. Der Autobahnbau habe das Verkehrswegenetz erweitert und verbessert. In vielen Bereichen sei es zur Technisierung beziehungsweise Mechanisierung gekommen, in der Landwirtschaft zum Beispiel hätten Traktoren und andere Maschinen Einzug gehalten. Das gesellschaftliche Leben habe so manche Veränderung erfahren: Konservativ geprägten älteren Generationen stand eine Jugend gegenüber, die in immer stärkerem Maße Teilhabe einforderte. Mehr Freizeit und steigende Einkommen hätten allgemein dazu geführt, dass Menschen stärker konsumierten und feierten, auch das Vereinsleben sei aufgeblüht. Das Auto habe die Gesellschaft mobiler gemacht, man sei mit dem Pkw nach Italien gefahren, und Flugunternehmen hätten erste Pauschalreisen nach Mallorca offeriert, erinnerte Dr. Heinemann.

Hauptsächliche Quellen für das Jahrbuch, so berichtete der Autor, seien verschiedene Orts- und Schulchroniken gewesen. Aber auch teilweise noch unbekannte Akten aus regionalen und überregionalen Archiven sowie bisher unveröffentlichte Fotos und weitere Dokumente aus Privatbesitz hätten Eingang in die Publikation gefunden. Ergänzt werde diese durch Interviews mit Zeitzeugen oder deren Nachfahren.

Die Fülle an Text macht das neue Jahrbuch zu einem hochinformativen und gleichermaßen unterhaltsamen Werk, letzteres wird durch die Vielzahl an Bildern noch einmal verstärkt. Kinder mit Schultüten, das „Fräulein vom Amt“ in der Telefonvermittlungsstelle oder der Landwirt, der stolz seinen ersten Trecker präsentiert, dazu auf weiteren Motiven feiernde Menschen in Lokalen – wer das Jahrbuch des Heidekreises 2021/22 durchblättert, kommt ins Schmunzeln und schwelgt genüsslich in alten Erinnerungen. Die bevorstehenden Tage um Weihnachten und Silvester herum laden dazu ein, sich dem Buch noch intensiver hinzugeben und nach und nach die einzelnen Kapitel durchzulesen – ein Tipp übrigens auch für jüngere Menschen und Zuzügler, die etwas über die Historie des Kreises lernen möchten.

Die Entstehung des Jahrbuchs wurde wieder durch den Landkreis Heidekreis unterstützt, sie wurde zudem durch den Lüneburgischen Landschaftsverband, die Kreissparkasse Soltau und die Kreissparkasse Walsrode gefördert. Gestaltet hat das Werk der Grafiker Jørge Bartling. Während der Landkreis die Verteilung übernimmt, kümmert sich der Kulturverein Schneverdingen um die Abwicklung. Der Kulturverein möchte mit diesem Projekt seine gute Zusammenarbeit mit dem Landkreis fortführen und sich für die historische Aufarbeitung überregionaler Kultur einsetzen.

Landrat Jens Grote zeigte sich während der Präsentation des neuen Jahrbuchs sichtlich begeistert: Dr. Heinemann gelinge es, die Geschichte des Heidekreises tiefgründig zu beleuchten, lobte er.

Das Jahrbuch des Heidekreises 2021/22 mit dem Titel „Zwischen Restauration und Rebellion“ ist in örtlichen Buchhandlungen sowie beim Kulturverein Schneverdingen zum Preis von 19,95 Euro erhältlich.

Text und Foto: Marcel Maack

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