Im lichtdurchfluteten Schiffscontainer arbeiten: „Besser geht's nicht“

Kreislandfrauenverband Soltau holt „Coworking-Space“ in Walter-Peters-Park

Im lichtdurchfluteten Schiffscontainer arbeiten: „Besser geht's nicht“

„Besser geht’s nicht“, betonte Richard Leggett am vergangenen Freitag im Walter-Peters-Park in Schneverdingen und meinte damit nicht die gleichnamige Filmkomödie aus dem Jahr 1997 mit Jack Nicholson und Helen Hunt, sondern seinen Arbeitsplatz, den er sich an diesem Tag für ein paar Stunden kostenlos reserviert hatte. Der Logistiker, der für die „Tom Tailor Holding SE“ mit Sitz in Hamburg-Niendorf tätig ist, saß nämlich mitten im Grünen in einem lichtdurchfluteten umgebauten Schiffscontainer, der aufgrund seiner Aufmachung an eine urige Strandbar erinnert. Tiefenentspannt konnte Leggett an seinem Laptop sein Tageswerk erledigen. „So etwas müsste ich in unserem Garten aufstellen. Die Kinder spielen draußen - und ich habe meine Ruhe“, scherzte er. „Und dann habe ich hier heute auch noch unseren Wirtschaftsminister kennengelernt. Das hat doch was“, schmunzelte Leggett, um sich sogleich wieder seiner Arbeit zu widmen.

Seit dem 14. Mai und bis zum heutigen Mittwoch steht der sogenannte „Coworking-Space“-Container in der Nähe des Gemeindehauses Mitte und der Schafstallkirche im Walter-Peters-Park. Er ist rustikal und liebevoll eingerichtet und ausgestattet mit allem, was zum Arbeiten am Rechner benötigt wird, schnelles Internet und Drucker inklusive. Auch für Kaffee und Tee ist gesorgt. Hier können Interessierte mit Blick in den Park arbeiten, bei Vogelgezwitscher im Grünen. Das schont nicht nur das Nervenkostüm, sondern dürfte auch für Motivation und Inspiration sorgen.

Das außergewöhnliche, transportable Büro war für Schneverdingen im wahrsten Sinne des Wortes ein Gewinn: Der Kreislandfrauenverband Soltau hatte sich nämlich an einem Wettbewerb des Niedersächsischen Landfrauenverbandes Hannover (NLV) und der „CoWorkLand eG“ beteiligt und um einen Container als „Coworking-Space“ beworben - mit Erfolg. Behalten darf er die transportablen Büroräume nicht, denn diese werden jeweils für vier Wochen an einem besonderen Ort in den Gewinnerregionen aufgebaut, dann geht es weiter. Auf diese Weise soll auf das Thema „Coworking“ aufmerksam gemacht werden.

In der modernen Arbeitswelt scheint es hierzulande schon seit langem nicht mehr ohne Begriffe aus dem Englischen zu gehen. Und so steht „Coworking“ für „zusammenarbeiten“ und ist eine Entwicklung im Bereich „neue Arbeitsformen“. Ziel ist es, dass diejenigen, die über das Internet arbeiten können, in offenen Räumen zusammenkommen - und so im besten Fall auch voneinander profitieren. Gerade in der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass sich der oder die eine oder andere bei der Arbeit im Homeoffice allein und isoliert fühlt. Auf der anderen Seite kostet ein langer Anfahrtsweg zur Arbeit nicht nur Geld, sondern vor allem auch Zeit und Energie. Deshalb haben die Kreislandfrauen ihr Projekt „Heidjer:innen Cowork“ auch mit „... fährst Du noch oder arbeitest Du schon?“ überschrieben.

Eine aus acht Frauen bestehende Gruppe des Kreislandfrauenverbandes Soltau hatte den Stein ins Rollen gebracht. Zur Teilnahme am Wettbewerb, der vom Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung gefördert wird, erarbeitete sie ein stimmiges Konzept. Wo gibt es einen passenden Standort mit geeigneter Infrastruktur? Wer kann als Kooperationspartner ins Boot geholt werden? Was für ein Rahmenprogramm kann angeboten werden? Im Zuge der Planung rannten die Initiatorinnen in Schneverdingen offene Türen ein, wie Edith Schröder, 1. Vorsitzende des Kreislandfrauenverbandes Soltau, berichtete. „Die Kirchengemeinde Peter und Paul hat uns die Fläche zur Verfügung gestellt, die Heidjers Stadtwerke sorgten für schnelles Internet. Auch die Stadt, der Handels- und Gewerbeverein und der Naturpark Lüneburger Heide haben uns unterstützt, ebenso die Kreissparkasse Soltau und die Volksbank Lüneburger Heide“, so Schröder weiter. Die Niedersächsische Landjugend habe in ihren Reihen Werbung gemacht, ebenso der „Verein deutscher IFYE‘s“. „Unsere gesamte Vorbereitung lief über Videokonferenzen“, betonte Schröder. Auch das weitere Prozedere stand im Zeichen der Pandemie und der damit verbundenen Auflagen. So war es natürlich schwierig, öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen auf die Beine zu stellen. „Die Inzidenz war vor vier Wochen hoch, deshalb konnten wir auch keine große Eröffnungsfeier machen. Unser Motto lautete daher ‚Klein, aber fein‘“, so die 1. Vorsitzende. Vorträge und Gesprächsrunden habe es dann im überschaubaren Rahmen gegeben, was jedoch einen intensiveren Austausch ermöglicht habe. Das unterstrich auch Community-Manager Niklas Krüger.

Weil die Zahl der Plätze im Container pandemiebedingt reduziert werden musste, wurde zusätzlich ein Bauwagen aufgestellt. Außerdem gab es diverse Sitzmöglichkeiten und Tische im Außenbereich, die bei gutem Wetter großen Anklang fanden. Interessierte konnten sich über Tickets montags bis freitags von 10 bis 13 Uhr und 13 bis 17 Uhr kostenlos einen Platz buchen, bei Bedarf wurde aber auch flexibel reagiert, wie Krüger erklärte: „Wenn jemand um 8.30 Uhr anfangen wollte, haben wir auch früher aufgemacht und auf Wunsch auch schon mal samstags.“ Und wer hat das Angebot genutzt? „Es sind die unterschiedlichsten Leute hergekommen - Frauen und Männer, von Jung bis Alt“, so Krüger. Unter anderem habe eine Studentin an ihrer Masterarbeit gearbeitet, „passenderweise zum Thema Coworking im ländlichen Raum.“

Neben den Nutzern gab es auch zahlreiche Interessierte, die sich vor Ort über das Projekt informierten, darunter auch verschiedene Gruppen der Landfrauen und der Landjugend. Aber auch lokale und überregionale Prominenz wollte sich ein Bild machen: Schneverdingens Bürgermeisterin Meike Moog-Steffens und Landrat Manfred Ostermann, Dr. Bernd Althusmann (CDU), Niedersächsischer Minister für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung, sowie SPD-Bundestagsabgeordneter und Generalsekretär Lars Klingbeil. Auch das ZDF war mit einem Team zu Gast und drehte einen Beitrag für seine Sendung „Aspekte“, die am 11. Juni ausgestrahlt wird.

„Das Thema Coworking ist brandaktuell“, unterstrich Schröder. Gerade, weil es in der Heide viele Pendlerinnen und Pendler gebe, könnten „Coworking-Spaces“ eine Lösung sein, um modernes Leben und Arbeiten auf dem Land zu ermöglichen, Ressourcen und Klima zu schonen und zugleich einen Beitrag zu mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu leisten, hob sie hervor. Das Interesse sei da, derartige Möglichkeiten dauerhaft in der Region zu etablieren: „Wir werden hier sicher noch viele Gespräche führen.“

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