Immer mehr Jugendliche betroffen: Aktionswoche gegen Cybermobbing

Kooperationsprojekt des FZB-Jugendbereichs und der KGS Schneverdingen

Immer mehr Jugendliche betroffen: Aktionswoche gegen Cybermobbing

Beleidigung, Bedrohung, Bloßstellung oder Belästigung von Menschen mithilfe von Kommunikationsmedien, zum Beispiel über Smartphones, E-Mails, Internetseiten, Foren, Chats und Communities, werden als Cybermobbing oder auch Cyberbullying bezeichnet. Wer Opfer solcher Auswüchse wird, leidet mitunter massiv. Ängste, Schlafstörungen und Depressionen können die Folge sein. Gerade Kinder und Jugendliche sind emotional besonders verletzlich. Nicht selten leiden die Betroffenen noch jahrelang an den Spätfolgen. Der Jugendbereich der Schneverdinger Freizeitbegegnungsstätte (FZB) nimmt sich des Themas an und hat eine Aktionswoche organisiert, die speziell für Schülerinnen und Schüler der Kooperativen Gesamtschule (KGS) Schneverdingen sowie pädagogische Fachkräfte geplant und konzipiert wurde. Im kommenden Monat wird es ein Theaterstück zum Thema geben, außerdem steht eine Fachtagung auf dem Plan.

Als Leiterin des FZB-Jugendbereichs wird Bettina Allzeit immer wieder mit dem Problem Cybermobbing konfrontiert. „Ich höre nahezu monatlich von solchen Fällen. Da werden Gerüchte verbreitet und kompromittierende Bilder geteilt. Da gibt es Mobbing durch die Ex-Freundin oder den Ex-Freund, oft gehen Freundschaften kaputt. Immer wieder geht es dabei um Treue, Freundschaft und Liebe“, so Allzeit. Und weiter: „In der Jugendphase ist man supersensibel. Viele Jugendliche haben kein Gefühl dafür, was sie den anderen mit dem Mobbing emotional antun.“ Durch die fehlenden Kontakte in Corona-Zeiten und die damit einhergehende verstärkte Nutzung moderner Kommunikationsmedien habe sich die Lage verschärft: „Es wird ja nichts mehr persönlich geklärt. Das findet nicht mehr statt, alles läuft über das Internet.“ Immer wieder führe sie wegen Cybermobbing Beratungsgespräche. Es sei schon schlimm, wenn solche Fälle dazu führten, dass die Betroffenen mit psychischen Problemen zu kämpfen hätten, betont die staatlich anerkannte Diplom-Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin, Mediatorin und Kinderschutzfachkraft, die den FZB-Jugendbereich seit April 2015 leitet.

„Die Ausgrenzung von Einzelnen oder ganzen Personengruppen durch Spott, Häme und Schikane ist unter Jugendlichen kein neues Phänomen. Während die Antriebe, andere zu beleidigen oder zu bedrohen, die gleichen geblieben sind, haben sich Formen und Wege des Mobbings in den vergangenen Jahren stark verändert: Konflikte werden zunehmend über Kommunikationsmedien ausgetragen“, teilt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit. Mobbing habe es früher häufig in der Schule oder auf dem Schulweg gegeben, Kinder und Jugendliche hätten somit die Möglichkeit gehabt, „entkommen“ zu können. Online jedoch verfolge Mobbing die Betroffenen bis in ihr Zuhause, was ihr Leid erheblich verstärke. Das Internet mache Beleidigungen und Diffamierungen außerdem - und das sei der gravierendste Unterschied - einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. „Während Mobbing in der Schule meist nur Täter und Opfer sowie das nähere Umfeld betrifft und zeitlich auf den Schultag begrenzt ist, sind Beleidigungen im Internet von Fremden einsehbar und können jederzeit abgerufen werden. Noch dazu erfahren Opfer nicht immer davon, dass Fotos oder Unwahrheiten im Netz verbreitet werden“, heißt es vonseiten des Ministeriums. Und es gebe ein weiteres Problem: Was einmal im Internet stehe, lasse sich nicht mehr so leicht löschen. „Selbst wenn es gelingt, Fotos und Beleidigungen entfernen zu lassen, sind Opfer nicht davor geschützt, dass andere Nutzer die Inhalte gespeichert haben und diese wieder einstellen. Veröffentlicht ein Täter Kontaktdaten des Opfers, zum Beispiel Handynummer oder E-Mail-Adresse, kann das Opfer noch lange nach der Löschung der Daten unerwünschte SMS oder Mails bekommen.“

In Corona-Zeiten hat sich das Cybermobbing-Problem noch verstärkt, zumal Schülerinnen und Schüler aufgrund der Situation noch mehr Zeit am PC oder Tablet verbringen. Grund genug für den FZB-Jugendbereich, das Thema in den Fokus zu nehmen, um Schüler wie auch pädagogische Fachkräfte zu sensibilisieren. So wird es am 23. und 24. März Aufführungen des Schauspielkollektivs Lüneburg für 8. und 9. Klassen der KGS, insgesamt rund 400 Schülerinnen und Schüler, geben. Präsentiert wird jeweils „Nolife“ von Marzena Rylko, ein Theaterstück zum Thema Internet-Sucht. Es verdeutlicht, wie schnell exzessive Internetnutzung und Online-Spiele dazu führen können, sich selbst und sein reales Leben zu verlieren. Im Anschluss daran wird es unter Regie von Gewaltpräventionsfachkräften gemeinsam mit den Schülern eine Nachbereitung geben.

Ein weiterer Bestandteil der Aktionswoche sind Anti-Mobbing-Teamtrainings des Schauspielkollektivs Lüneburg für 8. und 9. Schulklassen der Schule - und zwar in Kooperation mit dem FZB-Jugendbereich und der Schulsozialarbeit der KGS.

Last but not least wird es eine Fachtagung geben, die am Freitag, dem 25. März, im Saal des FZB-Jugendbereichs auf dem Plan steht. Dazu wurden fachkundige Referentinnen und Referenten eingeladen: Sandra Wendt aus Soltau, Beauftragte für Jugendsachen der Polizeiinspektion Heidekreis, Andrea Buskotte von der Landesstelle Jugendschutz Hannover (LJS), Fachfrau in Sachen Cybermobbing und Jugendschutz, Medienmanager Christopher Trost aus Hannover, der Ergebnisse von „Fake News“-Studien vorstellen wird, sowie Julia v. Thoen und Thomas Flocken aus Lüneburg, Fachberater für Opferhilfe und Gewaltprävention. Den Teilnehmern wird zudem das Theaterstück „Erste Stunde“ vorgestellt, ferner wird es Raum für Diskussionen und Gespräche geben. Kooperationspartner des Projekts ist die KGS Schneverdingen. Finanziell gefördert wird das Ganze vom Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung.

Studie des Vereins Bündnis gegen Cybermobbing

Im Jahr 2011 hat sich das Bündnis gegen Cybermobbing gegründet. Der eingetragene Verein mit Sitz in Karlsruhe ist ein Netzwerk von engagierten Eltern, Pädagogen, Juristen, Medizinern, Forschern, Unternehmern und Politikern und sieht seine primären Ziele in der Aufklärung, der Prävention, der Forschung und als Ratgeber für alle gesellschaftlichen Gruppierungen. Das Bündnis versucht die Gesellschaft zu sensibilisiert und fördert die Medienkompetenz in Schulen mit Hilfe von Schüler- und Lehrerseminaren, Elternabenden, Infoveranstaltungen und einem Hilfeportal im Internet. Um das Problem auch länderübergreifend zu diskutieren und Lösungsstrategien zu finden, ist der Verein auf EU-Ebene vernetzt. Die Problematik von Ausgrenzung, Mobbing und Cybermobbing unter Jugendlichen habe durch die Kommunikationstechnologien in den vergangenen Jahren eine neue Dimension erreicht. Aktuell sei das Thema Home-Schooling als Einflussfaktor hinzu gekommen. Umso wichtiger seien Forschung, Aufklärung und Präventionsarbeit, um diese Problemfelder in Grenzen zu halten. Deshalb hat das Bündnis in Kooperation mit der Techniker Krankenkasse die dritte Studie zum Thema Cyberlife/Cybermobbing durchgeführt.

Laut Studie seien immer mehr Schülerinnen und Schüler von Cybermobbing betroffen. Die Zahl der Betroffenen sei seit 2017 um 36 Prozent angestiegen, von 12,7 Prozent in 2017 auf 17,3 Prozent in 2020. Fast zwei Millionen Schülerinnen und Schüler seien von Cybermobbing betroffen. Die Corona-Pandemie habe zur Verstärkung des Problems beigetragen. Zudem habe Cybermobbing immer gravierendere Folgen: „Die Zahl der Betroffenen, die Suizidgedanken äußerten, ist seit 2017 um 20 Prozent und der Anteil derjenigen, die Alkohol und Tabletten nahmen, um fast 30 Prozent angestiegen“, heißt es in der Auswertung der Studienergebnisse. Nach Aussagen der Eltern sei bereits an Grundschulen jedes zehnte Kind schon einmal von Cybermobbing betroffen gewesen. Unter anderem durch den immer höheren Stellenwert der neuen Medien im Leben ihrer Kinder, fühlten sich Eltern zunehmend überfordert. Im Vergleich zur Studie 2017 sei der auf den Eltern lastende Druck nochmals angestiegen.

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