In der Gemeinschaft gegen die Alkoholsucht: Seit 30 Jahren „trocken“

Anonyme Alkoholiker Schneverdingen treffen sich donnerstags ab 19.30 Uhr im Gemeindehaus der Eine-Welt-Kirche

In der Gemeinschaft gegen die Alkoholsucht: Seit 30 Jahren „trocken“

„Anonyme Alkoholiker sind eine Gemeinschaft von Männern und Frauen, die miteinander ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen, um ihr gemeinsames Problem zu lösen und anderen zur Genesung vom Alkoholismus zu verhelfen. Die einzige Voraussetzung für die Zugehörigkeit ist der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören“ - so lauten die ersten Sätze der Präambel der Gemeinschaft Anonyme Alkoholiker, kurz AA. Auch in Schneverdingen gibt es eine Selbsthilfegruppe, die sich nach achtwöchiger Corona-Pause seit kurzem wieder donnerstags abends von 19.30 bis 21 Uhr im Gemeindehaus der Eine-Welt-Kirche trifft. Der HK hat mit einem der Teilnehmer gesprochen. Weil der Name Anonyme Alkoholiker Programm und Diskretion oberstes Gebot ist, hat er darum gebeten, ihn „Reina“ zu nennen. Er ist Mitte 60, wohnt nicht in Schneverdingen und hat seit rund 30 Jahren keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt.

Vor mehr als drei Jahrzehnten war das ganz anders. Da waren Bier und Hochprozentiges noch sein „Sanitäter in der Not“, sein „Fallschirm“ und sein „Rettungsboot“, wie Herbert Grönemeyer die Suchtproblematik in seinem Lied „Alkohol“ beschrieben hat. Auch wenn es schon lange her ist, so kann sich Reina, wenn auch sicherlich ungern, an die alles andere als guten alten Zeiten erinnern: „Manchmal war ich dreimal am Tag in der Gaststätte, um nachzutanken.“ Seine heftigen Abstürze als Folge der „Sauferei“ hätten seinerzeit auch die Nachbarn mitbekommen, doch im Rausch sei ihm das völlig egal gewesen. Irgendwann aber habe es bei ihm „Klick“ gemacht - und er mit dem Kampf gegen die Sucht begonnen, der - wie bei vielen anderen Betroffenen - kein leichter gewesen sei. „Ein bisschen schon“, antwortet Reina auf die Frage, ob er stolz darauf sei, vom Alkohol losgekommen und seit so langer Zeit abstinent zu sein. Doch etwas anderes sei ihm noch viel wichtiger: „Die meisten Familien in unseren Reihen sind kaputtgegangen. Es ist nicht einfach, das Ganze. Deshalb bin ich sehr froh, dass meine Frau das alles mitgemacht hat.“

Wer Hilfe sucht, um mit dem Trinken aufzuhören und dann auch „trocken“ zu bleiben, der kann sich vertrauensvoll an die Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker wenden. In den Gruppen, die es weltweit gibt, werden Vertrauen und Diskretion großgeschrieben. Dabei geht es um Hilfe zur Selbsthilfe - und ein wichtiges, wenn nicht gar das wichtigste Instrument sind Gespräche. Dazu gibt es regelmäßige Treffen, die bei den AA „Meetings“ genannt werden. Darüber hinaus leistet das Telefon außerordentlich wichtige Dienste, etwa wenn mal jemand besonders dunkle Gedanken hat und ein Rückfall droht. In solchen Fällen ist es wichtig, schnell mit jemandem sprechen zu können, der weiß, wie sich das anfühlt und wie man aus diesem Tief herauskommt.

„Rückfälle gibt es natürlich, das ging mir damals auch so“, gibt Reina unumwunden zu: „Aber wer ausrutscht, der kriegt in unserer Gruppe nichts auf die Finger, sondern wird wieder aufgenommen.“ Die Gruppe in Schneverdingen existiert bereits seit mehr als 25 Jahren. „Bei uns ist jeder willkommen, der ein Problem mit dem Trinken hat. Er oder sie muss aber den Wunsch haben, damit aufzuhören. Das ist die Voraussetzung“, verweist Reina auf die AA-Präambel. Und weiter: „Ob alkoholsüchtiger Uni-Professor oder der Dosenbiertrinker von der Straße - unsere Tür steht donnerstags immer ab 19.20 Uhr für alle offen. Jeder, der neu dazukommt, hat das Recht, etwas zu sagen, muss das aber nicht. Manche sind anfangs so fertig, dass sie erst einmal nur zuhören möchten.“ In diesem Zusammenhang betont der Mittsechziger: „Alles, was im Raum besprochen wird, dringt niemals nach außen und geht nicht an andere Leute. Das findet bei uns nicht statt.“ Ein Kreis von Menschen mit ähnlichen Erfahrungen sei im Kampf gegen die Sucht auf jeden Fall hilfreich, wenn nicht sogar unverzichtbar: „Es allein zu schaffen, das ist fast nicht möglich. Wer zum Beispiel einsam ist, kann schnell in Selbstmitleid verfallen und sagt sich dann, dass sowieso alles egal ist.“ Genau das aber wollen die AA-Gruppen mit ihrem Angebot verhindern. „Hauptzweck ist es, nüchtern zu bleiben und anderen Alkoholikern zur Nüchternheit zu verhelfen“, heißt es dazu auf der AA-Internetseite: „Jeder muss seine Genesung - ein Leben ohne Alkohol - selbst in Angriff nehmen.“ Aufgabe der Gruppen der AA-Gemeinschaft sei es, die Lösungswege aufzuzeigen.

Dabei legen die Mitglieder der Gemeinschaft auch Wert darauf, dass in den Gruppen kein „Chef“ beziehungsweise keine „Chefin“ den Ton angibt. „Obrigkeitsdenken gibt es bei uns nicht“, sagt Reina. Um die zehn Teilnehmerinnen und Teilnehmer besuchen donnerstags abends die Treffen der AA in Schneverdingen. Jetzt, in der Ferienzeit, sind es weniger. In den „Meetings“ sitzen Frauen und Männer, wobei sich deren jeweilige Anzahl in etwa die Waage hält. Das Altersspektrum reicht von 20 bis hin zu 70 Jahren. „Junge Leute unter 20 Jahren haben wir hier eher selten“, berichtet Reina. Er habe den Eindruck, dass es Frauen schwerer falle, den ersten Schritt zu machen, „während Männer oft von ihren Frauen dazu angeschubst werden, etwas gegen ihre Sucht zu unternehmen. Außerdem gelingt es Frauen oft besser, ihre Abhängigkeit zu vertuschen, zum Beispiel wenn nur der Mann berufstätig ist und sie tagsüber allein zu Hause sind.“

In den Gruppentreffen beschränken sich die Gespräche auf die Suchtgeschichten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Es sind aber auch Freundschaften entstanden, so dass es durchaus auch private Verabredungen zum Kaffeetrinken gibt. Apropos: Vor der Corona-Pandemie gab es in den Schneverdinger Gruppentreffen stets eine Tasse Kaffee, darauf wird derzeit wegen der Auflagen verzichtet. Im Gemeindehaus gibt es aber ausreichend Platz, so dass die Abstandsregel dort eingehalten werden kann. Übrigens: Neben den in sich völlig selbständigen AA-Gruppen, von denen es mehrere in der Region gibt, laden auch „Al-Anon“-Familiengruppen für Partnerinnen und Partner sowie Familienangehörige von Alkoholkranken zum regelmäßigen Austausch ein, laut Reina zwar nicht in Schneverdingen, „aber in Soltau und in Munster.“ Er steht gern als Ansprechpartner zur Verfügung und ist unter der Telefonnummer (04269) 5613 sowie per E-Mail an die Adresse yinks@onlinde.de zu erreichen.

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