KGS Schneverdingen ist „Europaschule“ - Martin Schulz übernimmt Patenschaft

Titelvergabe im feierlichen Rahmen / Buntes Programm im Forum

KGS Schneverdingen ist „Europaschule“ - Martin Schulz übernimmt Patenschaft

Manchmal sind es die kleinen Dinge, etwa nette Gesten, die sich in der Erinnerung festsetzen. Das kann Martin Schulz, von 2012 bis 2017 Präsident des Europäischen Parlaments und früherer Vorsitzender und Kanzlerkandidat der SPD, nur bestätigen: Als er im Jahr 2017 im Zuge seines Wahlkampfs der Kooperativen Gesamtschule (KGS) Schneverdingen auf Einladung von Lars Klingbeil einen Besuch abstattete, drängte sein Team während eines Gespräches mit Schülern zum Aufbruch, um pünktlich beim Anschlusstermin in Bremen zu sein. In der Aufbruchstimmung äußerte der prominente Gast auch für andere deutlich hörbar, den ganzen Tag über noch nichts gegessen zu haben. Kurzerhand organisierte KGS-Lehrer Roger Wieneke Kuchen, den er dem Sozialdemokraten, passenderweise in roten Servietten „verpackt“, mit auf den Weg in die Hansestadt gab. Und an dieses improvisierte „Lunch-Paket“ kann sich Schulz auch heute noch gut erinnern, wie er am vergangenen Dienstag in der KGS berichtete. Anlass seines Besuchs: Die KGS ist als erste allgemeinbildende Schule im Heidekreis als „Europaschule in Niedersachsen“ ausgezeichnet worden. Und Schulz hat sich gern dazu bereit erklärt, die Patenschaft zu übernehmen.

Zur Feier des Tages hatten die Lehrkräfte Joana Graue, Roger Wieneke und Sven-Ole Schoch mit Unterstützung der Schulleitungsmitglieder Uwe Herrmann, Axel Witt sowie von Schulleiter Mani Taghi-Khani das Forum der Schule mit viel Liebe zum Detail dekoriert. Flaggen verschiedener Länder hingen von der Decke und zierten die Wände, blau-gelbe Blumensträuße und Luftballons sowie mit Strahlern ins rechte Licht gerückte Europaflaggen rundeten die perfekt auf den Anlass abgestimmte „Deko“ ab. Auch in musikalischer Hinsicht war die Schule bestens auf das Thema des Nachmittags vorbereitet. Zum Auftakt präsentierte das Schulorchester die Eurovisonshymne, dann begrüßte Schülersprecherin Lea Cordes auch schon „den bekanntesten Europäer Deutschlands - Martin Schulz.“

Schulleiter Mani Taghi-Khani betonte in seiner Rede, dass es im Landkreis seit bereits fast einem Jahrzehnt eine Berufsbildende Schule mit dem „Europaschule“-Siegel gebe, nämlich die BBS Soltau. Das Engagement der Schulleiterin Gaby Tinnemeier in diesem Bereich sei für die KGS „Inspiration und Anregung zugleich“ gewesen, „uns ebenfalls auf den Weg zu machen.“ Taghi-Khani weiter: „Unsere Schule hat in den vergangenen Jahren eine Reihe von regionalen, landesweiten und bundesweiten Auszeichnungen erhalten. Aber die heutige ist uns als Schule besonders wichtig.“ In einer Zeit, in der zunehmend Populisten und Demagogen das Wort ergriffen, in der immer wieder versucht werde, „komplexe Sachverhalte mit Schuldzuweisungen zu simplifizieren“, in der Fake News allgegenwärtig seien, „ist es gerade auch die Aufgabe von Schulen, den Kindern und Jugendlichen die Realität vor Augen zu führen. Und die Realität beim Thema Europa ist, dass es uns mitten in Europa verdammt gut geht.“

Deshalb habe sich die KGS insbesondere seit 2018 auf den Weg gemacht, das Thema im Schulalltag mit vielfältigen Angeboten mit Leben zu füllen. „Es braucht aber vor allem Personen, die für Themen brennen. Die in der Lage sind, ein so großes Schiff wie die KGS in Bewegung zu setzen und Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen und Schüler mitzunehmen“, betonte der Schulleiter. In diesem Zusammenhang hob er insbesondere des Engagement der Lehrkräfte Henrieke Meyer und Britta Schmaler hervor. Letztere ist die Europabeauftragte der Schule. Per Videobotschaft gratulierte anschließend SPD-Bundestagsabgeordneter und -Generalsekretär Lars Klingbeil, derzeit in Berlin in die Sondierungsgespräche in Sachen Koalitionsbildung involviert. Klingbeil lobte die KGS als „Schule mit Haltung, die sich einmischt in gesellschaftspolitische Themen.“

Auch danach waren die Blicke des Publikums auf die Großleinwand gerichtet. Mit einem Film zeigten Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte auf, wie der europäische Gedanke in der Kooperativen Gesamtschule gelebt wird. Bilingualer Unterricht, Schüleraustausche, Kooperationen mit Schulen in Spanien, Frankreich, Schweden, Irland und Polen, regelmäßige Teilnahme an EU-Förderprojekten - das sind nur einige Beispiele.

Schulz zeigte sich beeindruckt und ließ sich anschließend von Schülersprecherin Lea Cordes auf den Zahn fühlen, die das Interview mit ihm routiniert wie ein Profi der Medienbranche führte. In diesem ging Scholz auch auf seine damalige Wahlniederlage gegen Amtsinhaberin Angela Merkel ein, gegen die er „auf dem Höhepunkt ihrer Macht“ angetreten sei. „Wahlniederlagen sind bitter, das muss man erst mal wegstecken“, so Schulz. Dabei verändere sich auch die Sicht auf das Umfeld: „Freunde sind die, die kommen, wenn andere gehen. Und das erlebt man in so einer Situation“, betonte der 65-Jährige. Ungern erinnert er sich an das Gefühl, als Spitzenpolitiker fremdbestimmt zu sein. „Man wird entprivatisiert. Nichts ist mehr privat. Und der Termindruck ist hoch. Man bewegt sich wie durch einen Tunnel und hat keine freie Entscheidungskompetenz mehr“. Als Vorsitzender der Friedrich-Ebert-Stiftung sei er froh, nun wieder ohne gepanzertes Fahrzeug und ohne Personenschützer unterwegs sein zu können. „Das macht man ja nicht, weil es cool aussieht, sondern wegen der Gefährdungslage“, sagte Schulz.

Im weiteren Verlauf der durch Musik- und Tanzeinlagen aufgelockerten Verleihung beantwortete er umfassend Fragen von Schülerinnen und Schülern aus den Politik-Leistungskursen. Und diese hatten sich gut vorbereitet, so dass es unter anderem um Themen wie „Euro-Bonds“, den Brexit, Nationalismus in Ungarn und Polen, Klima- und Landwirtschaftspolitik, eine „europäische Armee“ und die Idee der „Vereinigten Staaten von Europa“ ging. Dabei nahm der Sozialdemokrat kein Blatt vor den Mund. Die Wahl von Ursula von der Leyen zur Präsidentin der Europäischen Kommission bezeichnete er als „Skandal“ und „Deal, der hinter verschlossenen Türen gemacht worden ist.“ Schulz: „Ich glaube, die EU hat Demokratiedefizite, die gefährdend für sie sind.“

Zwar zieren goldene Sterne die Europaflagge, aber in der internationalen Gemeinschaft ist längst nicht alles Gold, was glänzt: Schulz machte deutlich, dass die Landwirtschaftspolitik der Europäischen Union seiner Meinung nach „gescheitert“ sei. Trotz hoher Agrar-Subventionen drohten immer mehr Landwirte „zu verarmen“, litten unter dem Preisdruck der großen Lebensmittelkonzerne. „Wir brauchen eine Rückbesinnung auf regionale Produktion und regionale Vermarktung“, unterstrich der prominente Gast. Die Schüler forderte er dazu auf, sich für Demokratie, für ein vereintes Europa einzusetzen. „Demokratie ist die Staatsform, in der es nicht die eine Meinung gibt. Man muss die Fähigkeit haben, Kompromisse zu entwickeln. Politik leidet darunter, stets recht haben und alles durchsetzen zu wollen“, betonte der „Europaschule-Pate“ der KGS: „Demokratie braucht Leidenschaft, aber auch den Respekt vor der anderen Meinung. Nur mit Toleranz für die andere Meinung kann man in Würde leben.“ Nachdem Grußbotschaften der Partnerschulen über die Leinwand geflimmert waren, bot Schulz der KGS sehr zur Freude der Schulleitung an, einmal im Jahr wiederzukommen, jeweils mit einem anderen Gast aus verschiedenen Ländern der EU, um mit den Schülerinnen und Schülern über das Thema zu diskutieren

Die Frage einer Schülerin, ob es möglich sei, bürokratische Hürden in der Europapolitik abzubauen, nahm auch Schneverdingens Bürgermeisterin Meike Moog-Steffens in ihrem Grußwort auf. „Die Verwaltungen der Kommunen sind derzeit Getriebene der vielen EU-Förderprogramme“, so die Bürgermeisterin, um sich dann aber sogleich dem eigentlichen Anlass der Veranstaltung zu widmen. Die Ernennung der „Europaschule“ mache deutlich, dass sich Schulleitung, Kollegium, Schülerinnen und Schüler sowie Eltern dem Europagedanken verpflichtet fühlten. Frieden stehe im Zentrum des europäischen Zusammenlebens. „Unsere Jugend stellt unsere Zukunft und die Zukunft Europas dar“, betonte Moog-Steffens. Umso mehr sei es zu begrüßen, dass die KGS „den Europagedanken und das Demokratieverständnis gleichermaßen stärkt.“ Die Bürgermeisterin würdigte das „herausragende Engagement“ aller Beteiligten und nutzte die Gelegenheit, KGS-Schülerin Minou Taghi-Khani zum 2. Platz beim Bundesfinale des Vorlesewettbewerbs in Berlin zu gratulieren.

Glückwünsche gab es auch vom Schuldezernenten Stefan Weinreich, der die Titelverleihung vornahm. Bei der Bewertung der Kriterien zur Vergabe der Bezeichnung „Europaschule“ habe die KGS 110 von 140 möglichen Scoring-Punkten erreicht und dabei in einigen Kategorien „mit Spitzenwerten“ geglänzt. „Ein tolles Ergebnis“, betonte er, bevor er die Auszeichnung in Form einer Europaflagge und eines Schildes an Britta Schmaler und Lea Cordes überreichte. Zum krönenden Abschluss intonierte das Schulorchester die Europahymne. Und wie es sich für eine Schule gehört, hatten die Schneverdinger auch in der rund zweistündigen Veranstaltung etwas gelernt: Mäuse mag man mit Speck fangen, prominente Unterstützer aber gewinnt man mit Kuchen.

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