Kunst aus der Dose - vom Profi und legal

Elektrisierendes Projekt in Schneverdingen: Graffiti auf Verteilerkästen

Kunst aus der Dose  - vom Profi und legal

„Bunt statt Braun“ heißt das Bürgerbündnis in Schneverdingen, das sich gegen rechtsradikale Tendenzen in der Heideblütenstadt stellt. „Bunt statt Grau“ könnte der Titel einer Aktion mit einer völlig anderen Intention lauten, die nichts mit Politik zu tun hat, sondern mit Kunst. Es ist ein elektrisierendes Projekt, das die Heidjers Stadtwerke in Kooperation mit dem Kulturverein der Heideblütenstadt und dem Jugendbereich der Freizeitbegegnungsstätte (FZB) aus der Taufe gehoben haben, um Schneverdingen ein wenig bunter zu machen. Dabei half und hilft ein Profi, nämlich der Graffiti-Künstler „Saém“ alias Andreas Litzba. Er hat sechs Verteilerkästen in der Stadt mit Graffiti versehen. Das Besondere: Die Arbeiten haben einen lokalen Bezug, denn Litzba sprühte Motivvorlagen, die von Schneverdinger Künstlerinnen und Künstlern stammen, auf die Kästen. Und somit sind die Kabelverteilerschränke, wie sie im Fachjargon heißen, zu „Kunstverteilerschränken“ avanciert.

Wenn Wände mit Sprüchen, Botschaften beziehungsweise sogenannten „Tags“ illegal besprüht oder beschmiert werden, dann ist das keine Kunst, sondern eine Straftat. Weil die Beseitigung solcher Schmierereien schwierig und damit auch richtig teuer werden kann, ist „Graffiti“ für viele Bürgerinnen und Bürger ein Reizwort. Dass es auch anders und vor allem ganz legal geht, zeigt das Gemeinschaftsprojekt von Kulturverein, Stadtwerken und FZB-Jugendbereich. Am vergangenen Mittwoch präsentierten die Verantwortlichen sowie die beiden Künstler Andreas Litzba und Patrik Wolters das Projekt und versprühten angesichts der Kunst aus der Dose und des prächtigen Sommerwetters beim Orts-termin an einem der Kästen in der Stadtmitte gute Laune.

Initiator des Ganzen sind die Heiders Stadtwerke, die einen Großteil der Kosten tragen. Laut Geschäftsführer Lars Weber hat der Energieversorger rund 300 Verteilerkästen unter seinen Fittichen. „Einige waren verschandelt und beschmiert. Und so hatten wir die Idee, sie ansprechend zu gestalten, so dass sie möglichst nicht wieder verunstaltet, sondern zum Hingucker werden.“ Um die Kästen zu verschönern, sollten regionale Künstlerinnen und Künstler Motive beisteuern, um diese schließlich auf die Schränke zu übertragen. Elf kreative Heidjer ließen sich nicht lange bitten und reichten jeweils fünf bis sechs Bildmotive ein. Die Initiatoren wählten schließlich sechs davon aus: „Drei Kühe“ von Marlitt Audehm, „Kontraste“ von Ulrike Bosselmann, „Wahrhaftigkeit II“ von Gerit Grube, „Ikarus I“ von Anne Schwabe, „Alle Farben“ von Christiane Spandau sowie „Glückskäfer“ von Doris Thom. Doch wie sollte die Kunst auf die Kästen gelangen? Hier kam der gebürtige Hamburger Andreas Litzba ins Spiel. Der 43jährige mit Künstlernamen „Saém“ ist ein alter Hase in der Graffitiszene, lebt sich bereits seit 1992 kreativ mit Sprühdosen aus. Er hat sich international einen Namen gemacht, unter anderem schon in Australien, in den USA und auch im asiatischen Raum gearbeitet. Er kann von seiner Kunst leben, ist als „Auftrags-Sprayer“ im In- und Ausland gefragt.

„Ich mag es generell, mit Farben zu spielen und die eigenen Ideen auf riesigen Flächen umzusetzen“, so Litzba. Dabei geht es ihm, wie er sagt, nicht unbedingt um Anerkennung und Ruhm in der Szene: „Das ist mir nicht so wichtig. Ich mache das, weil es mich persönlich glücklich macht. Ich hatte keine glückliche Kindheit. So habe ich schon früh die Kunst als Ventil genutzt, um meine Gefühle und Eindrücke zu verarbeiten und zu verpacken. Die Kunst hat mich geprägt und mir geholfen. Sie ist ein großer Teil von mir.“ Besondere Freude macht es ihm, besonders große Flächen künstlerisch zu gestalten: „Das geht von 800 bis zu 2.000 Quadratmeter und aufwärts.“

Litzba arbeitet vor allem für gewerbliche Kunden, verziert unter anderem Industriegebäude und Werks-hallen mit farbenfrohen Motiven. Auf einen Stil hat er sich nicht festgelegt. Ob Fotorealismus, Comic-Kunst, abstrakte Arbeiten oder sogar in 3D - der Künstler sprüht alles, was gewünscht wird. Zunehmend wird er damit beauftragt, Schwarzlicht-Sportanlagen zu gestalten, zum Beispiel Minigolf- oder Laser-Tag-Hallen, in denen UV-Licht verwendet wird. „Das ist eine besondere Herausforderung, denn dann stehen mir nur sieben verschiedene Farben zur Auswahl, sonst sind es rund 270“, so der Künstler. Am Projekt in Schneverdingen hat ihn gereizt, dass er mit den Kabelverteilerkästen relativ kleine Fächen verschönert und sich dabei mit den Werken der Motivgeber auseinandersetzen muss. „Das ist schon spannend“, so der 43jährige.

Bei der Arbeit haben ihm natürlich viele Schneverdinger und Gäste über die Schulter geschaut. Den ersten „Besuch“ hatte er bereits beim Grundieren eines Kastens. Als er graue Farbe aufbrachte, sah er recht schnell blaue Uniformen: Aus dem Nichts tauchten Polizeibeamte auf, die kritisch hinterfragten, ob die Aktion denn auch ihre Richtigkeit habe. Ansonsten habe er „enormen Zuspruch“ erhalten: „Die Leute finden das cool.“ Geschützt werden die Graffitis von einer speziellen Flüssigwachsschicht. Die Initiatoren und der Künstler hoffen sehr, dass Schmierfinken und Vandalen die Finger von den Bildern lassen. Litzba verweist in diesem Zusammenhang auf den Ehrenkodex in der Graffiti-Szene: „Ein ‚echter‘ Sprayer sprüht über so etwas niemals drüber. Das machen nur Schmierer.“ Zweieinhalb bis drei Stunden hat Litzba pro Kasten benötigt. Sechs Exemplare sind nun also mit Motiven heimischer Kunstschaffender verziert, einen weiteren kann der Profi-Sprayer nach eigenem Gusto gestalten, so dass sich die Stadt dann auch über ein „Saém-Original“ freuen kann.

Die Kabelverteilerschränke sollen nun noch jeweils mit einem QR-Code versehen werden, über den eine Plattform auf der Internetseite der Heidjers Stadtwerke-Homepage zu finden sein wird. Auf dieser gibt es dann Informationen zum Projekt und zu den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern. Zudem soll laut Dorothee Schröder, Geschäftsführerin des Kulturvereins, eine Broschüre für Touristen erstellt werden, damit Interessierte die Verteilerkästen nicht lange suchen müssen, um sie sich anzuschauen.

All dies ist aber nur ein Teil des Projekts. Hinzu kommen fünf weitere Kabelverteilerkästen rund um die Freizeitbegegnungsstätte, die Jugendliche unter Anleitung des Hannoveraner Graffiti-Künstlers Patrik Wolters alias „BeNeR1“ mit farbenfrohen Motiven verziert haben. Der 34jährige sprüht seit 1998 und kann ebenfalls von seiner Kunst leben. Er betreibt ein eigenes Atelier samt Galerie in Garbsen und arbeitet, wie auch Litzba, gern und viel mit Jugendlichen, auch im Rahmen von Schulprojekten und Arbeitsgemeinschaften. Wolters hat im FZB-Jugendbereich einen Graffiti-Workshop geleitet, an dem acht Jugendliche teilgenommen haben. „Man muss den Jugendlichen eine legale Möglichkeit geben, sich auszutoben und besser zu werden. Im Workshop ist es wichtig, dass sie Rücksicht aufeinander nehmen, im Team arbeiten und ein Bewußtsein für das Eigentum anderer sowie die Arbeit anderer Künstler entwickeln“, so Wolters.

Das haben die jungen Teilnehmer in Schneverdingen offenbar gut hinbekommen. „Es galt, die Stärken der einzelnen Jugendlichen zu nutzen, Ideen zusammenzuführen und Kompromisse einzugehen. Das war Teamwork. Jeder hat etwas beigetragen - und ab dem zweiten Kasten war das Ganze schon ein Selbstläufer.“ Mitgemacht hat auch der 21jährige Leon Peleikis, der betonte: „Ich finde es gut, dass man die Kreativität von Jugendlichen wecken kann, die ohne solche Workshops nicht zu so etwas kommen würden.“

Die Heidjers Stadtwerke wollen nun erst einmal abwarten, wie die Aktion ankommt. Sollten die Kunstwerke an den Kästen unversehrt bleiben, dann sei eine Fortsetzung des Projekts durchaus denkbar, so Geschäftsführer Weber. Platz für weitere Kunstwerke gebe es schließlich mehr als genug. Sicher sei allerdings, dass demnächst das Trafo-Häuschen hinter dem Rathaus im Rahmen des Projektes „Kommune inklusiv“ mit farbenfrohen Motiven aufgehübscht werde.

Am vergangenen Mittwoch zeigte sich allerdings auch, dass sich über Geschmack eben doch streiten lässt. Eine Anwohnerin ist nicht gerade begeistert vom Motiv auf dem Kasten vor ihrem Haus - und hielt damit auch nicht hinter dem Berg. „Die Nachbarn finden das auch nicht schön“, so die Dame. Aber so ist es nunmal: Kunst liegt immer im Auge des Betrachters. Wer sich selbst ein Bild machen möchte, findet hier eine Bildergalerie mit zahlreichen Fotos.

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