Mit Mittelradantrieb in den Bürgerbus

Menschen mit schweren Handicaps und ihre Probleme im ÖPNV

Mit Mittelradantrieb in den Bürgerbus

Durchdrehende Räder gehören gemeinhin zum Repertoire von „PS-Protzern“ beziehungsweise ins Programm von Auto- und Tuningshows. Dass Wolfgang Schubert, geschäftsführender Vorstand des Schneverdinger Bürgerbusvereins, am heutigen Freitag mit seinem Gefährt auf dem Hof der Technischen Orthopädie Schneverdingen (TOS) GmbH für „quietschende Reifen“ sorgte, hatte allerdings nichts mit aufgemotzten Boliden zu tun. Zu Demonstrationszwecken hatte sich der Schneverdinger vielmehr in einen Elektrorollstuhl gesetzt, um damit vorwärts in den Bürgerbus des Vereins hineinzufahren. Das per Joystick zu steuernde Hilfsmittel mit Heckantrieb indes gelangte nicht über die Rampe, sondern blieb schon am Ansatz hängen - und die Räder drehten durch. Die Verantwortlichen des Bürgerbusvereins hatten zum Termin eingeladen, um auf die Herausforderungen hinzuweisen, die auf Menschen mit schweren Behinderungen zukommen, die auf den öffentlichen Personennahverkehr angewiesen sind.

Dazu gehört auch Bärbel Heinrich aus Lauenbrück. Seit vergangenem Jahr ist sie gehandicapt, denn nach einer misslungenen Bypass-Operation mußte ihr der Unterschenkel des linken Beins amputiert werden. Seitdem trägt sie eine Prothese und macht sich des öfteren als Patientin beziehungsweise Kundin der Technischen Orthopädie Schneverdingen auf den Weg in die Heideblütenstadt. Sie erhalte zwar Unterstützung durch Freunde und Bekannte, so Heinrich, nichtsdestotrotz liege es ihr am Herzen, mobil zu sein. „Es ist mir wichtig, dass ich herkommen kann. Seit März vergangenen Jahres habe ich fast nur in meiner Wohnung gesessen, da kriegt man ja einen Rappel. Viele liebe und nette Leute helfen mir und kaufen auch für mich ein - aber ich will ja auch mal raus“, so die Lauenbrückerin. Zudem shoppe sie sehr gern in Schneverdingen.

Und hier kommen die Bürgerbusse ins Spiel. „Mit der Bahn müsste ich erst nach Buchholz fahren, dort umsteigen - und wieder zurückfahren“, berichtete Heinrich. Deshalb nutzt sie das Angebot der Bürgerbusvereine. Sie kann den Finteler Bürgerbus nehmen und umsteigen, gelangt so sowohl in die Heideblütenstadt als auch nach Neuenkirchen. „Es ist bedauerlich, dass im öffentlichen Personennahverkehr so wenig Rücksicht auf Menschen mit Schwerbehinderung genommen wird“, betonte Heinrich Mahnken, Vorsitzender des Schneverdinger Bürgerbusvereins. Die aktuell insgesamt 25 Fahrerinnen und Fahrer chauffierten etwa 600 Schwerbehinderte pro Jahr. „Pro Monat fahren zirka zehn Rollstuhlfahrer mit - und sehr viele unserer Fahrgäste sind mit Rollatoren unterwegs“, berichtete Mahnken. Problematisch sei dabei die unterschiedliche Beschaffenheit der Haltestellen. „Die Kantsteine sind nicht auf gleicher Höhe und manchmal ist da auch einfach nur Matsch“, erläuterte der Vorsitzende.

Barrierefreiheit ist gerade in Schneverdingen ein wichtiges Thema, zumal sich die Heideblütenstadt als eine von fünf Modellkommunen des Projekts „Kommune Inklusiv“ der „Aktion Mensch“ die Umsetzung von Inklusion vor Ort auf die Fahnen geschrieben hat. Schubert verwies in diesem Zusammenhang auch auf den Nahverkehrsplan, laut dem für die Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs bis zum 1. Januar 2022 eine vollständige Barrierefreiheit erreicht werden solle. Wichtig sei aber auch, dass sowohl die Hersteller von Kleinbussen als auch die von Rollstühlen dieses Thema auf der Agenda hätten. „Der Knickpunkt der Rampe ist zum Beispiel entscheidend, zudem muss der Platz für Rollstuhlfahrer ausreichend groß sein, damit sie sich drehen können. Wir haben uns für unser Busmodell entschieden, weil es die größte Stellfläche hat“, erklärte Mahnken. Und so diente der Termin am heutigen Freitag auch zum Austausch und zum Praxistest. Bärbel Heinrich probierte einen Elektrorollstuhl eines renommierten Herstellers mit Mittelradantrieb aus, den sie nach kurzer Einweisung sicher manövrieren konnte. Anders als Schubert mit dem heckangetriebenen Modell konnte sie ohne Probleme die Rampe hinauffahren und so selbstständig in den Bus gelangen. Auch das Drehen im Fahrzeug mit dem in der Grundausstattung rund 110 Kilogramm schweren Rollstuhl gelang ohne Schwierigkeiten.

„Mit seinem Mittelradantrieb hat dieser Rollstuhl einen sehr kleinen Wendekreis“, erläuterte André Illgen, Versorgungsmanager der Firma „Otto Bock Healthcare Deutschland GmbH“. „Testfahrerin“ Bärbel Heinrich kam mit dem Gerät im Handumdrehen zurecht, will aber möglichst auf technische Hilfsmittel verzichten, trainiert daher mit großem Elan das Gehen mit dem Rollator und inzwischen auch schon mit Gehhilfen. „Ich habe einen eisernen Willen - und ich will mich bewegen“, so die Lauenbrückerin. Auch die Verantwortlichen des Bürgerbusvereins wollen sich nicht auf dem Erreichten ausruhen. Angedacht ist aktuell eine Erweiterung des Fahrplans, um über Heber das Heidekreis-Klinikum in Soltau anzusteuern. Erste Gespräche mit dem Verkehrsverbund Heidekreis und Kommunalpolitikern habe es bereits gegeben, so Mahnken, es seien allerdings diverse Hürden zu nehmen. „Wir arbeiten daran“, sagte er, um sogleich auf ein anderes Thema einzugehen: „Probleme haben wir mit der Änderung der Förderrichtlinie des Heidekreises“, unterstrich der Vorsitzende und beklagte, dass die gewährten Finanzmittel zu knapp bemessen seien, etwa wenn Reparaturen am Bus anstünden: „Wenn wir die Schneverdinger Wirtschaft nicht als Sponsoren hätten, dann gäbe es den Bürgerbus nicht mehr. Das ist die Wahrheit“, konstatierte Mahnken.

Derzeit leide - wie viele andere - auch der Schneverdinger Bürgerbusverein unter den Auswirkungen der Coronakrise. „Bei den Fahrgastzahlen haben wir einen Einbruch von rund 50 Prozent“, berichtete der „Chef“. Zwischenzeitlich hätten coronabedingt nur drei bis vier Fahrgäste gleichzeitig im Bus Platz nehmen dürfen, seit Juli aber gebe es diese Einschränkung nicht mehr. Für die Sicherheit der Insassen werde jedoch das Bestmögliche getan: „Im Bus herrscht Maskenpflicht, der Fahrer sitzt hinter einer Trennscheibe und das Fahrzeug wird zwei- bis dreimal pro Tag gereinigt.“

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