Nachdenken, Nachfragen, Verstehen

In der KGS Schneverdingen wurde heute morgen die Ausstellung „Geschichte des Gedenkens“ eröffnet.

Nachdenken, Nachfragen, Verstehen

„Wenn sie jetzt ganz unverholen / wieder Nazi-Lieder johlen / über Juden Witze machen / über Menschenrechte lachen / wenn sie denn in lauten Tönen / saufend ihrer Dummheit frönen / denn am Deutschen hinterm Tresen / muß nun mal die Welt genesen / dann steh‘ auf und sage Nein!“ - mit diesen Zeilen aus dem Lied „Sage Nein!“ von Konstantin Wecker, der als einer der bedeutendsten deutschen Liedermacher gilt, eröffnete Ratsvorsitzender Dieter Möhrmann (SPD) am vergangenen Montagmorgen im Forum der Kooperativen Gesamtschule (KGS) Schneverdingen die Ausstellung „Geschichte des Gedenkens“. Stellvertretend für alle KGS-Schüler saßen neben weiteren Gästen überwiegend Jugendliche der zehnten Klassen des Gymnasialzweiges im Publikum. Für den musikalischen Rahmen sorgten Lehrer Roland Aubel und Schüler Fabian Peter.

Möhrmann hat diese Ausstellung initiiert und bei der Gestaltung Unterstützung von Uwe Nordhoff und Adolf Staack erhalten, zwei der Autoren des Buches „Nur Gott der Herr kennt ihre Namen“, das jüngst in einer überarbeiteten Version in dritter Auflage erschienen ist und bekanntlich die schrecklichen Ereignisse rund um die Transporte von KZ-Häftlingen auf der Heidebahn zum Thema hat. Anlaß für die Präsentation ist aber auch das neue Denkmal an den Gleisen vor dem Schneverdinger Bahnhof zur Erinnerung an die Opfer aus den KZ-Zügen auf der Heidebahn, das im März dieses Jahres feierlich eingeweiht worden ist (HK berichtete).

„Mit dieser kleinen Ausstellung wollen wir über die Hintergründe des tatsächlichen Geschehens bei uns in Schneverdingen informieren. Ihr könnt Euch anhand der Informationstafeln mit Kopien historischer Originaldokumente selbst ein Bild vom damaligen Geschehen und seiner langwierigen und schwierigen Aufarbeitung machen“, so Möhrmann zu den Schülerinnen und Schülern. „Wir wollen das nicht vergessen“, zitierte er die Worte auf der Gedenktafel auf dem „Neuen Friedhof“, die an die dort bestatteten 62 Toten eines KZ-Zuges auf der Heidebahn erinnert.

Diese Tafel gebe es allerdings erst seit 2004, berichtete Möhrmann. „Noch 1988 hielt eine Mehrheit des Stadtrates die zusätzlichen Erläuterungen zu den KZ-Toten nicht für notwendig. Ja, wir taten uns schwer mit diesem Teil unserer Geschichte“, erinnerte der Ratsvorsitzende. Sein Appell: „Wir müssen dazu stehen, daß nicht nur ein ‚anonymes verbrecherisches Regime‘ verantwortlich war. Viele Menschen auch in Schneverdingen haben vieles gewußt und ‚mitgetan‘ oder stillschweigend akzeptiert.“ Möhrmann weiter: „Es bleiben offene Fragen: Warum kam es zu diesem Ausmaß an Unmenschlichkeit? Warum widersprachen und widerstanden nur wenige? Was müssen wir heute tun, damit sich Geschichte nicht wiederholt?“

Derselbe Tenor auch bei KGS-Leiter Mani Taghi-Khani: „Nationale und nationalistische Tendenzen nehmen nicht nur in Deutschland weiter zu, sie sind in vielen Ländern - auch weit über die europäischen Grenzen hinaus - festzustellen. Umso wichtiger ist es, daß immer wieder an das erinnert wird, was aus extremem Nationalismus vor gut 80 Jahren von deutschem Boden aus entstanden ist. Und es ist selbstverständlich Aufgabe einer jeden Bildungseinrichtung in Deutschland, dafür Sorge zu tragen, daß diese Erinnerungen präsent bleiben“, unterstrich Taghi-Khani. Für eine Schule wie die KGS Schneverdingen, seit 2007 „Schule ohne Rassismus“ und „Schule mit Courage“, gelte dies um so mehr. „Ich wünsche mir, daß diese Ausstellung Euch zum Nachdenken, zum Nachfragen und im Idealfall zum Verstehen von mitunter nicht immer leichten Zusammenhängen animiert“, sagte der Schulleiter mit Blick auf die Zehntkläßler. Bürgermeistern Meike Moog-Steffens ließ noch einmal den Entstehungsprozeß des Denkmals Revue passieren - von der ersten Idee bis hin zur Einweihung. Sie erinnerte daran, daß der Vorschlag zum Bau eines Mahnmals vom Bürgerbündnis „Bunt statt Braun“ gekommen sei und sich die Jury im ausgeschriebenen Ideenwettbewerb für den Entwurf der frühreren KGS-Schülerin Tamara Deuter entschieden habe, der letztlich auch umgesetzt worden sei. 100.000 Euro habe der Stadtrat zur Realisierung des Projekts freigegeben, weitere 34.000 Euro seien durch Spenden zusammengekommen. „Gerade in der heutigen Zeit brauchen wir mehr außerschulische Lernorte“, so die Bürgermeisterin. Das Denkmal am Bahnhof sei ein „Ort der Erinnerung, der Mahnung und des Austauschs“ und „ein wichtiger Ort zur historisch fundierten Demokratieerziehung.“

Lehrer Thomas Sandkühler betonte, daß die KGS Plaketten wie „Schule ohne Rassismus“ nicht nur an die Wand schraube, „sondern die Inhalte lebt.“ Dies zeigten etliche weitere Projekte der Schule. „Ziel ist die Menschlichkeit“, unterstrich der Pädagoge. Es gehe darum, „den Mitmenschen zu sehen, sich Gedanken zu machen, nicht gleichgültig zu sein.“

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