Neues Konzept für „Alte Schlachterei“: „Chance für Schneverdingen“?

2,1-Millionen-Euro-Projekt: Kulturverein rechnet mit Belebung der Innenstadt

Neues Konzept für „Alte Schlachterei“: „Chance für Schneverdingen“?

Nach dem Bürgerforum im Schneverdinger „Funhouse“ im Januar dieses Jahres, in dem es um die Zukunft der „Alten Schlachterei“ in der Straße Am Markt 2 ging, war es ruhig um das Projekt geworden. Doch nun kommt wieder Bewegung in die Sache. Der Schneverdinger Kulturverein hat ein neues Konzept erarbeitet, das entscheidende Punkte des Bürgerforums aufgreift. Die Verantwortlichen des Vereins haben ihre Ideen zunächst mit Bürgermeisterin Meike Moog-Steffens, Erstem Stadtrat Mark Söhnholz und Fachbereichsleiter Detlef Lerch beraten und diese inzwischen auch den Ratsfraktionen vorgestellt. Nun gehen sie damit an die Öffentlichkeit. Unter dem Titel „Chance für Schneverdingen“ ist nach wie vor ein Kulturzentrum vorgesehen, das unter Federführung des Kulturvereins allen Schneverdinger Vereinen und Institutionen offen stehen soll. Angedacht ist, dass der Kulturverein formal als Bauherr fungiert, wenn die Stadt für das 2,1-Millionen-Euro-Projekt eine Bürgschaft zum Defizitausgleich beziehungsweise einen langfristigen Zuschuss garantiert. Über Einzelheiten informierten Kulturvereinsvorsitzender Dr. Carsten Bargmann, stellvertretender Vorsitzender Christian Wildtraut sowie Geschäftsführerin Dorothee Schröder am vergangenen Montag in der Kulturstellmacherei.

Zur Erinnerung: Beim Bürgerforum im Januar wurden rund 250 interessierten Bürgerinnen und Bürgern vier Konzepte vorgestellt. Die Teilnehmer erhielten damals Gelegenheit, mit Hilfe von Klebepunkten an Stellwänden darüber abzustimmen, welches Konzept sie favorisieren und welche Bestandteile der Konzepte ihnen besonders wichtig sind. Die meisten Stimmen erhielten die Vorschläge des inzwischen aufgelösten Bürgerbündnisses Alte Schlachterei Schneverdingen (BASS) und der Schneverdinger Wählergemeinschaft (SWG), die in Zusammenarbeit mit einem Hamburger Architekturbüro einen eigenen Entwurf (SNAP-Konzept) präsentiert hatte. Beide Konzepte sahen den Kulturverein als Nutzer vor. Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger sprach sich bei der Veranstaltung für eine Bebauung in historischer Anmutung aus, wünschte sich eine Wegeverbindung beziehungsweise Sichtachse zur Kirche und möglichst einen Platz vor dem Gebäude zum Verweilen, um die Innenstadt zu beleben. „Wir haben diese Anforderungen berücksichtigt und darauf basierend ein neues Konzept entwickelt“, so Wildtraut, der als Architekt unentgeltlich die Planung übernommen hat. Stadt und Kulturverein sind sich einig, dass in Schneverdingen keine Doppelstrukturen entstehen sollten. Eine grosse Veranstaltungshalle in der Innenstadt komme daher nicht in Frage. Was laut Kulturverein jedoch fehle, sei ein „Veranstaltungsraum mit Atmosphäre“ für bis zu 150 Gäste und insbesondere für soziokulturelle Aktivitäten, so zum Beispiel Chortreffen, Literaturkreise oder Improvisationstheater. „Dafür ist die Kulturstellmacherei schon jetzt viel zu klein“, betonte Bargmann: „Und ab März 2023 haben die Vermieter Eigenbedarf angemeldet, dann ist hier nur noch Platz für das Kino und einen weiteren Raum. Wir suchen daher sowieso ein neues Gebäude.“

Um ein Betreiber- und Betriebskonzept für die „Alte Schlachterei“ zu entwickeln, hat der Kulturverein zunächst sein umfangreiches Veranstaltungsprogramm analysiert. Im vergangenen Jahr hatte er gemeinsam mt seinen Kooperationspartnern 116 Veranstaltungen mit jeweils bis zu 200 Besuchern organsiert, die Großveranstaltungen wie „KulturNacht“, „Heidezauber“, „Blues, Roots & Song“-Festival und „Supergute Tage“ nicht eingerechnet. Hinzu kamen 168 Termine aus dem soziokulturellen Bereich wie Chor-, Band- und Theaterproben sowie Workshops. Weiterhin gab es 50 Besprechungstermine der verschiedenen Gruppen des Kulturvereins. Zwar will der Verein auch künftig Orte wie den Theeshof oder den Bürgersaal der FZB nutzen, um Doppestrukturen zu vermeiden, jedoch mangele es an einem „Veranstaltungsraum mittlerer Größe“. Die Kulturschaffenden gehen angesichts der bisherigen Entwicklung davon aus, dass es mit ihrer Beteiligung künftig jährlich 40 Veranstaltungen mit 150 bis 200 Besuchern sowie rund 35 Veranstaltungen mit 80 bis 150 und weitere 35 mit bis zu 80 Besuchern geben wird.

Das neue Kulturzentrum soll daher laut Planung im Erdgeschoss einen Veranstaltungssaal mit rund 130 Quadratmetern Nutzfläche erhalten, der Raum für 120 Sitz- beziehungsweise bis zu 175 Stehplätzen bietet und in zwei kleinere Einheiten abgeteilt werden kann. Zusätzlich soll er über eine 40 Quadratmeter große Bühnenpodestfläche samt Hinterbühnenbereich verfügen, in dem sich ein Lager für Requisiten und Kulissen befinden soll. Geplant ist zudem ein Foyer. Im Obergeschoss soll ein Galeriebereich entstehen, wobei gegenüber der Bühne der Platz für Regie- und Technik zu finden sein soll. Weiterhin sollen im Obergeschoss das Büro der Geschäftsstelle des Kulturvereins, ein Besprechungsraum für bis zu 40 Personen, ein rund 30 Quadratmeter großer Multifunktionsraum, ein Empfang für den Kartenvorverkauf, ein Abstellraum und die WC-Räume untergebracht werden. Im Untergeschoss des Eckgebäudes ist ein Lokal geplant, das vermietet werden soll, um kontinuierlich Einnahmen zu generieren. Barrierefreiheit soll durch einen Aufzug gewährleistet werden. Laut neuer Planung soll die historische Fassade des Eckgebäudes aufgenommen, oder, falls möglich, sogar erhalten werden. Auch die Backsteinoptik der alten Schachtereihalle soll sich am neuen Kulturzentrum wiederfinden. Geplant ist eine Kombination aus Putzbaukörper und Backsteinbau, verbunden durch einen Glasteil. Im Vergleich zum früheren BASS-Konzept ist das Bauvolumen deutlich geringer, das Objekt fügt sich harmonischer in die Umgebung ein.

Das Konzept sieht vor, dass die Stadt dem Kulturverein das Grundstück auf Erbpachtbasis zu einem symbolischen Pachtzins überlässt. Abriss und Entsorgung der zu beseitigenden Gebäudeteile übernimmt die Stadt. Der Kulturverein rechnet mit Baukosten in Höhe von insgesamt 2.132.000 Euro.

In Sachen Planungskosten und Statik könnte der Verein nach eigenen Aussagen Eigenleistungen in Höhe von rund 200.000 Euro erbringen. Durch Sach-, Material- und Geldspenden sowie Crowdfundig könnten laut Wildtraut etwa 150.000 Euro beigesteuert werden. Und weitere 150.000 Euro wolle der Verein durch zusätzliche Eigenleistungen sowie Benefizveranstaltungen und ähnliches zusammenbekommen.

Der Kulturverein geht also davon aus, die Gesamtinvestitionssumme in Höhe von rund 2,1 Millionen um 500.000 Euro auf 1.632.000 reduzieren zu können. Und sollte der Kulturverein formal als Bauherr fungieren, dann könnten gegebenenfalls Fördermittel vom Land Niedersachsen eingeworben werden, die laut Wildtraut „bei 200.000 Euro und auch darüber liegen könnten.“ Bei einem Investitionskostenzuschuss der Stadt Schneverdingen in Höhe von 100.000 Euro bleibe dann unter dem Strich eine erforderliche Kreditaufnahme in Höhe von 1.332.000 Euro. Was die jährlichen Kosten angeht, so rechnet der Kulturverein mit 66.600 Euro pro Jahr zur Tilgung des Darlehens. Die Gebäude-Nebenkosten beliefen sich im „sehr konservativ gerechneten Betriebskonzept“ auf 21.983 Euro, zusätzliche Personalkosten auf 22.800 Euro pro Jahr. Demgegenüber stünden Einnahmen, unter anderem durch Vermietung des Ladenlokals, in Höhe von etwa 44.000 Euro jährlich. Das ergebe letztlich einen benötigten Zuschuss zur Defizitabdeckung von 67.383 Euro pro Jahr. Mit diesem Modell wären die jährlichen Aufwendungen der Stadt Schneverdingen laut Kulturverein jeweils deutlich geringer im Vergleich zur eigenen Bauherrenfunktion der Stadt (jährlich 106.600 Euro) oder zur Anmietung von Räumen in einem investorfinanzierten Neubau (mindestens 88.992 Euro pro Jahr).

Das Ganze ließe sich freilich nur dann realisieren, wenn die Mehrheit der rund 1.000 Mitglieder des Kulturvereins bei einer Mitgliederbefragung grünes Licht gebe. Dies werde aber wohl der Fall sein, so Bargmann, „denn unsere Mitglieder warten schon darauf, dass etwas passiert.“ Bleibt abzuwarten, wie die Ratsfraktionen das Konzept aufnehmen. Laut Bargmann habe es „positive Signale gegeben“, aber mit Blick auf die Finanzierung auch kritische Töne. Weil der Mietvertrag der Kulturstellmacherei im März 2023 auslaufe, sollte allerdings nicht allzuviel Zeit ins Land gehen, zumal sich das Einwerben von Fördergeldern nicht von heute auf morgen realisieren lasse. Realistischer Baubeginn wäre im Frühjahr 2021, also vor den Kommunalwahlen. Mit der Fertigstellung und Eröffnung könne dann im Herbst 2021 gerechnet werden.

Probleme mit Lärmemissionen sieht der Kulturverein übrigens nicht, da es entsprechende Schallschutzmaßnahmen gebe. Zudem werde sich die Geräuschkulisse im Freien nicht von der des Gastronomiebetriebes in der Nachbarschaft unterscheiden. Außerdem werde es im Kulturzentrum keine Discoveranstaltungen oder Partys geben. Auch befürchtete Probleme in Sachen Parkplatzbedarf teilt der Kulturverein nicht. Die Stellplätze der Kreissparkasse dürften bei Abendveranstaltungen genutzt werden, „außerdem stehen“, so Wildtraut, „im näheren Umfeld ausreichend öffentliche Parkplätze zur Verfügung. Der Rathausparkplatz ist nicht weit entfernt - und viele unserer Besucher kommen erfahrungsgemäß sowieso nicht mit dem Auto.“ Dies sehe im Übrigen auch der zuständige Fachbereich der Stadtverwaltung so.

Und wie geht es nun weiter? Sein Konzept will der Kulturverein im Januar kommenden Jahres im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung in Kooperation mit der Mehrheitsgruppe SPD/Grüne des Stadtrates der Öffentlichkeit präsentieren, ebenso seinen Mitgliedern in der Versammlung am 31. Januar 2020.

Bargmann jedenfalls spricht von einem „Leuchtturmprojekt für Schneverdingen“: „Es wird ein Ort der Begegnung, ein Treffpunkt für jung und alt. Ein Ort für alle Bürger und für alle Vereine. Wir erwarten eine Steigerung der Attraktivität der Stadt und eine deutliche Belebung der Innenstadt.“

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