Schäfer, Botschafter und „Torero“ in den Ruhestand verabschiedet

Bürgermeisterin Meike Moog-Steffens würdigt in Schneverdinger Ratssitzung die langjährige Arbeit von Schäfer Günther Beuße

Schäfer, Botschafter und „Torero“ in den Ruhestand verabschiedet

In den Schneverdinger Ratssitzungen kommt es nicht oft vor, dass das Publikumsinteresse so groß ist, dass zusätzliche Stühle aufgestellt werden müssen. Und dass sich Lokalpolitiker, Verwaltungsmitarbeiter und Gäste gemeinsam einen Film anschauen, hat ebenso Seltenheitswert. Grund dafür war gestern Abend im Ratssaal die Verabschiedung eines Mannes, der als „Botschafter der Heide“ weit über die Grenzen Schneverdingens hinaus bekannt geworden ist: Heideschäfer Günther Beuße. Bürgermeisterin Meike Moog-Steffens und Ratsvorsitzender Dieter Möhrmann stellten erfreut fest, dass der 76jährige zahlreiche „Fans“ in den Ratssaal mitgebracht hatte. Einen Einblick in die langjährige Arbeit des Schäfers gab ein Ausschnitt aus einem NDR-Filmbeitrag, danach würdigte die Bürgermeisterin in einer mit netten Anekdoten gespickten Rede die langjährige Tätigkeit des Heidjers und seine Verdienste um die Region.

„Günther Beuße hat wie kaum ein anderer seines Berufstandes die Tätigkeiten eines Schäfers und die eines Botschafters miteinander verbunden, verkörpert und gelebt“, lobte Moog-Steffens. „Wanderschäferei“ - das klinge zwar sehr nach Idylle, sei aber in erster Linie harte Arbeit bei Wind und Wetter.

Bereits im Jahr 1969 hatte Beuße eine aus 140 Tieren bestehende Herde in Timmerloh, wo er lange wohnte, übernommen. „Um sie satt zu bekommen, wechselte die Herde regelmäßig zwischen den Schneverdinger und Timmerloher Flächen“, so die Bürgermeisterin. Als zusätzliches Standbein sei dann, um den Betrieb zu sichern, eine weitere große Herde in Amelinghausen hinzugekommen. „Per Handschlag mit dem damaligen Gemeindedirektor Walter Peters wurde 1976 ein Vertrag geschlossen, der ab 1982 verschriftlicht wurde und der auch die Flächen im Höpen und des Schafstalls am Heidegarten beinhaltete. Der Schaftstall von Peter Inselmann im Höpen, den die Stadt gepachtet hat, und der heute noch die ‚Schauherde‘ beherbergt, sollte ebenfalls ‚bespielt‘ werden“, berichtete Moog-Steffens.

Nach dem Ende des Soltau-Lüneburg-Abkommens im Jahr 1994 seien die „Roten Flächen“ an den Verein Naturschutzpark übergeben und renaturiert worden. „Die Schäferei Beuße pachtete vom Verein Naturschutzpark ab Oktober 2004 die nördlich der alten Landesstraße liegenden Flächen der Osterheide. Jetzt sind die Beweidungsflächen im Naturschutzgebiet gut mit den Flächen im Höpen und dem Camp Reinsehlen arrondiert“, so die Bürgermeisterin. Sie betonte dabei, dass die Schafhaltung „ohne Förderung und Prämien nicht möglich ist.“

Im Laufe der Jahre habe Beuße im touristischen Bereich in Eigeninitiative sowie in Kooperation mit Touristikern unterschiedliche Angebote kreiert, so zum Beispiel die gastronomische Nutzung des Schaftstalls am Heidegarten. „Der damalige Leiter der Touristik, Bernd Pleiser, und Günther Beuße hatten die Idee, Schäferabende im Schafstall am Heidegarten azubieten. Während der Saison war und ist dies bis heute ein wunderbarer Programmpunkt für unsere Gäste und gleichzeitig eine gute Möglichkeit, den Besuchern das schmackhafte Heidschnuckenfleisch näherzubringen“, unterstrich die Bürgermeisterin. Seit 2008 gebe es jeweils zehn Schäferabende pro Jahr. Weitere touristische Highlights seien unter anderem das Lämmerzählen zu Ostern, der Schafschurtag und seit 2001 die Pauschale „Unter Schafen“ als buchbares Angebot mit Übernachtung. Zum „Renner“ habe sich der im Jahr 2015 ins Leben gerufene „Tag mit dem Schäfer“ entwickelt. Allein im Jahr 2018 hätten 180 Gäste dieses Angebot genutzt. „Günther Beuße und sein Mitarbeiter Walter Helms waren stets flexibel bei der Terminanfrage - und die Gäste freuten sich über das Engagement und darüber, Wissenswertes aus dem Schäferleben zu erfahren“, betonte Moog-Steffens.

Eine wichtige Rolle habe im Berufsleben des Schäfers die Öffentlichkeitsarbeit gespielt, wobei er vor der Kamera oder am Mikrophon stets „eine außerordentlich gute Figur abgegeben hat“, lobte die Bürgermeisterin. Als „großer Förderer und Unterstützer des Tourismus“ habe Beuße unzählige Interviews gegeben und in diversen TV-Reportagen über die Lüneburger Heide mitgewirkt, unter anderem in Sendungen wie dem ZDF-Sonntagskonzert „Auf der Lüneburger Heide“, der „Schaubude“ und der NDR-1-Sommertour mit Stadtwette.

Zudem sei Beuße als „Botschafter der Heide“ mit seinen Schnucken auf Reisen gegangen und habe auf Messen wie zum Beispiel der „Grünen Woche“ und der „ITB“ in Berlin die Werbetrommel für die Heide gerührt. Neben der Teilnahme an einigen Heideblütenfestumzügen habe sich der Schäfer seit 2004 auch an der Veranstaltungsreihe „Musik am Mittwoch“ beteiligt. Großen Spaß hätten alljährlich die Fototermine mit den Heideköniginnen gemacht, „da die Schnucken gerne mal unter das Kleid der Heidekönigin krabbelten“, schmunzelte Moog-Steffens. In besonderer Erinnerung bleibe dabei die Zeit mit Esel „Pinta“: „Pinta ließ es sich oftmals nicht nehmen, den heidefarbenen Mantel der Heidekönigin anzuknabbern. Das ging manchmal bis zum Ausziehen des Mantels - und Günther Beuße musste dann oftmals wie ein kleiner Torero agieren, damit Pinta den Mantel wieder hergab.“

„Günther Beuße hat es zum Glück geschafft, seine Schäferei seit 1976 betreiben zu können. Dazu gehörte viel Durchhaltevermögen, gepaart mit der Bereitschaft, sehr viel zu arbeiten, Motivation, Enthusiasmus und einer positiven Lebenseinstellung“, unterstrich Moog-Steffens. Beuße selbst richtete noch einige Abschiedsworte an seine „Fans“. Als er im Jahr 1969 seinen Chef bei seinem damaligen Arbeitgeber, der Keksfabrik Gottena, über seine Pläne zur beruflichen Veränderung informiert habe, habe dieser ihm nicht abgekauft, dass er wirklich Schäfer werden wolle. „Nachdem ich ein Dreivierteljahr Schnucken gehütet habe, habe ich mich auch zurückgesehnt. Da draußen ist mir die Decke auf den Kopf gefallen. Das muss man erst lernen“, so Beuße. Sein Chef, für den er damals als Schäfer tätig gewesen sei, habe ihn jedoch bekniet, zu bleiben. „Nicht weil ich so nett war, sondern weil er keinen anderen Schäfer hatte“, so der 76jährige - und hatte die Lacher auf seiner Seite.

Sehr zur Freude der Bürgermeisterin konnte sie in der Ratssitzung bereits einen Nachfolger präsentieren. Schäfermeister Steffen Schmidt tritt in die großen Fußstapfen seines Vorgängers. Der 44jährige stammt aus Hartmannsdorf bei Chemnitz in Sachsen und ist mit seiner Frau Wiebke Schmidt-Kochan, die er erst vor kurzem geheiratet hat, sowie den sieben und zehn Jahre alten Söhnen vor einigen Wochen in die Heideblütenstadt gezogen. In Hartmannsdorf, die bereits erwachsenen Kinder sind dort geblieben, betrieb Schmidt eine Wanderschäferei. „Dort waren die Schafe größer“, so der Schäfermeister. Wie die neugierigen Heidjer im Ratssaal feststellen konnten, spricht der „Neuzugang“ aus Mittelsachsen sehr gut Hochdeutsch. „Meine Frau stammt aus Hannover“, so die plausible Erklärung.

Schmidt hatte in einer Fachzeitschrift einen Artikel über Beuße gelesen, in dem in einem Nebensatz stand, dass ein Nachfolger gesucht wird. „Das ist genau unser Ding, das müssen wir machen, habe ich zu meiner Frau gesagt. Die feste Überzeugung war sofort da“, so der 44jährige. Gesagt, getan: Inzwischen hat sich die Familie schon ganz gut in „Snevern“ eingelebt. Schmidt hütet die Schnuckenherde bereits, die Söhne besuchen die Grundschule am Osterwald. Ihm sei klar, dass er in sehr große Fußstapfen trete, machte der Schäfermeister deutlich. Ziel sei es, „die Dinge sowohl im touristischen Bereich als auch in Sachen Direktvermarktung weiterzuführen. Deshalb werden wir uns mit Hotels und Gastronomen in Verbindung setzen“, so Schmidt: „Wir werden uns bemühen, den Ansprüchen annähernd gerecht zu werden.“

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