Schneverdingen zeigt Flagge

Die Stadt Schneverdingen erwartet Gäste zur Cittaslow-Frühjahrstagung im Camp Reinsehen.

Schneverdingen zeigt Flagge

Wenn demnächst an den Schneverdinger Ortseingängen Flaggen mit Schneckenmotiv wehen, dann hat das einen guten Grund. Es handelt sich aber nicht um einen außergewöhnlichen Appell an die Autofahrer, den Fuß vom Gaspedal zu nehmen. Vielmehr steht am 21. März in der Heideblütenstadt eine Frühjahrstagung der deutschen Cittaslow-Vereinigung auf dem Programm, zu der Vertreter aus den 21 Städten und Gemeinden anreisen, die dem nationalen Netzwerk angehören. Und das Logo der Vereinigung ist bekanntlich die Schnecke. Die Stadt Schneverdingen gehört dem Netzwerk seit 2017 an und zählt damit quasi zu den Neuzugängen.

„Langsame Stadt“ - dies bedeutet kurz und knapp die Übersetzung der italienisch-englischen Wortkombination Cittaslow (citta = Stadt; slow = langsam). Dahinter verbirgt sich eine internationale Bewegung, die den bewußten und entschleunigten Umgang mit den wichtigen kommunalpolitischen Themen und Entscheidungen zur konkreten Philosophie macht. Der Fokus liegt dabei auf kleineren Städten mit unter 50.000 Einwohnern. Das Gros der deutschen Cittaslow-Städte ist im Süden der Republik zu finden, im hohen Norden halten Schneverdingen sowie Penzlin und Meldorf die Cittaslow-Flagge hoch. Alle dem Netzwerk angehörenden Städte und Gemeinden haben sich auf die Fahne geschrieben, durch eine nachhaltige und behutsame Stadtentwicklung mehr Lebensqualität für ihre Bürgerinnen und Bürger zu erreichen.

In Zeiten zunehmender Schnelllebigkeit, Komplexität der Arbeitswelt und steigender Belastung der Umwelt sehnen sich Menschen nach nachhaltigen Gegenentwürfen, nach Lebensqualtität, nach Entschleunigung. Es geht darum, Hast und Hektik etwas entgegenzusetzen. Deshalb ist eine orangefarbene Schnecke, die auf ihrem Haus die Silhouette einer Stadt trägt, das Symbol der nicht nur deutschlandweit, sondern international verbreiteten Bewegung. Gemeinsam befassen sich die angeschlossenden Städte und Gemeinden mit Konzepten zum regionalen Umweltschutz, zur Förderung des lokalen und regionalen Charakters der Kommunen und zum Schutz und zur Stärkung lokaler Wurzeln, ihrer Kultur und ihrer Tradition. Zudem geht es um gelebte und authentische Gastfreundschaft sowie die Einbindung aller Menschen durch größtmögliche Barrierefreiheit.

Die im Netzwerk zusammengeschlossenen Kommunen schicken zweimal im Jahr Vertreter zu „Cittaslow“-Tagungen, einmal im Frühjahr und einmal im Herbst. Wenn es die jeweiligen Terminkalender zulassen, sind dies in der Regel die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, teils sind auch Verwaltungsmitarbeiter und Touristiker mit von der Partie. Und so waren auch Schneverdingens Bürgermeisterin Meike Moog-Steffens und Resa Domurathvon der Stabsstelle Stadtmarketing, Wirtschaftsförderung, Tourismus in Sachen Cittaslow auf Reisen. Domurath vertrat die Heideblütenstadt zuletzt vom 24. bis 26. Oktober 2018 bei der Herbsttagung in Maikammer an der südlichen Weinstraße. Nun fungieren die Heidjerinnen als Gastgeberinnen. Sie erwarten rund 25 Gäste aus Städten wie Hersbruck, Waldkirch, Wirsberg oder Penzlin sowie den Präsidenten von Cittaslow Deutschland, Manfred Dörr, Bürgermeister der Stadt Deidesheim.

„Weil viele Teilnehmer aus dem Süden Deutschlands anreisen, erwarten wir die ersten Gäste bereits am Mittwoch, dem 20. März“, so Domurath: „Einige werden - umweltfreundlich und entschleunigt - mit dem Zug anreisen.“ Abends werde es dann ein erstes Treffen im Hotel Camp Reinsehlen geben, wo alle Teilnehmer übernachteten. Dort stehe am nächsten Tag auch die Tagung auf dem Programm. Neben den Regularien werde es unter anderem um Themen wie „Artenschutz als Cittaslow-Projekt“, „Slow Traveling“, „Weiterentwicklung des Netzwerks“ und „Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen dem deutschen, belgischen und niederländischen Cittaslow-Netzwerk“ gehen.

Natürlich wollen sich die Vertreter der anderen Städte und Gemeinden auch ein Bild von der Stadt Schneverdingen machen. Deshalb steht eine Stadtführung auf dem Programm, wobei Highlights wie das Pietzmoor und der Heidegarten am Höpen sowie die Eine-Welt-Kirche natürlich nicht fehlen dürfen. Die Geschichte des Camps wird ebenso Thema sein wie die Renaturierungsmaßnahmen in der Heide nach dem Abzug der britischen Streitkräfte. Gerade Gäste, die mit der Geschichte nicht vertraut seien, „können sich kaum vorstellen, daß hier bis Mitte der 90er Jahre große Flächen noch Wüste waren“, so Domurath.

Nachdem die Sehenswürdigkeiten der Heideblütenstadt erkundet worden sind, gibt es ein gemeinsames Abendessen in der Hofschänke des Hotels Tütsberg. Die Gäste dürfen sich auf Heidespezialitäten freuen - wobei der Fokus, der Cittaslow-Philosophie folgend, auf Slow Food liegt. Nach der Übernachtung im Camp Reinsehlen werden die Teilnehmer dann am Freitag individuell abreisen.

Apropos individuell. „Jede dem Netzwerk angehörende Kommune hat ihren eigenen Schwerpunkt und ist einzigartig“, so Domurath. „Moderne trifft Tradition“ heißt es zum Beispiel in Meldorf, „Gartenstadt mit Tradition“ in Überlingen. Schneverdingen trägt im Netzwerk und in einer Cittaslow-Imagebroschüre den Titel „Stadt im Heide-Paradies“. Der Begriff „Cittaslow“ ist in der Heideblütenstadt inzwischen bekannt, nicht zuletzt, weil das Stadtmarketing unter diesem Namen läuft. „Wenn man hier Bürgerinnen und Bürger auf dem Markt befragen würde, brächten viele sicher den Begriff mit der Slow-Food-Bewegung in Verbindung. Der Bekanntheitsgrad von Cittaslow könnte allgemein noch deutlich gesteigert werden. Das bedarf einer intensiveren Öffentlichkeitsarbeit des gesamten Netzwerkes“, so Moog-Steffens.

Was die Bekanntheit und Akzeptanz der Cittaslow-Bewegung angeht, so wird die Stadt Schneverdingen schon bald über detaillierte Kenntnisse verfügen: Dr. Urszula Kaczmarek von der Adam-Mickiewicz-Universität im polnischen Posen hat vor kurzem Kontakt mit der Stadtverwaltung aufgenommen. Weil es in Polen die höchste Dichte an Cittaslow-Städten gibt, arbeitet sie auf ihrem Weg zur Professur an diesem Thema und macht daher in Schneverdingen eine Umfrage. In Kooperation mit der Stadt wurden Fragebögen an Vereine und im Stadtmarketing engagierte Einwohnerinnen und Einwohner verschickt. Diese sollen Gegebenheiten wie Radwege, Schulen und Kitas, natürliche Umwelt, öffentliche Sicherheit und öffentliche Räume bewerten. „Das finden wir spannend und haben das Projekt daher unterstützt. Das ist auch für das Netzwerk interessant und beantwortet die Frage, wo wir stehen“, betont Moog-Steffens. Rund 100 ausgefüllte Fragebögen seien bereits abgegeben worden.

Um den Bekanntheitsgrad der Cit-taslow-Vereinigung und der dahinter stehenden Philosophie weiter zu steigern, zeigt die Stadt Schneverdingen künftig nicht nur Flagge, sondern setzt demnächst vielleicht auch eine „brandheiße“ Idee in die Tat um. Dazu Domurath: „Wir überlegen uns, ein Brandeisen mit Schneckenlogo zu beschaffen, damit wir es zum Beispiel in Holzbänke einbrennen können.“

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