Viele Dinge sind zu berücksichtigen

Um die Nachfolgenutzung des Grundstücks der „Alten Schlachterei“ in Schneverdingen ging es am vergangenen Mittwochabend beim Bürgerforum in der Veranstaltungshalle „Funhouse“, zu der die Stadt eingeladen hatte. 250 Interessierte informierten sich.

Viele Dinge sind zu berücksichtigen

Es ist eines der Themen, das den Schneverdingerinnen und Schneverdingern ganz besonders auf den Nägeln brennt: die Zukunft der „Alten Schlachterei“ auf dem Grundstück Am Markt 2. Die marode Immobilie an exponierter Stelle in der Stadtmitte ist alles andere als eine Visitenkarte, sondern ein optischer Störfaktor im Herzen der Heideblütenstadt. Was die Nachfolgenutzung angeht, sind Bürgerinnen und Bürger dazu aufgerufen, sich mit Ideen einzubringen. Dazu diente am vergangenen Mittwochenabend auch das Forum „Alte Schlachterei“, zu dem Bürgermeisterin Meike Moog-Steffens in die Veranstaltungshalle „Funhouse“ eingeladen hatte. Die Resonanz war beeindruckend: 250 Interessierte füllten die Halle, um sich zu informieren, mitzureden und dem Stadtrat, der letztlich die Entscheidung zu treffen hat, ein Votum mit auf den Weg zu geben. Insgesamt wurden den Besuchern vier Konzepte präsentiert, zwei davon kamen neu auf den Tisch.

Was im Jahr 2005 mit der Zukunftskonferenz in Schneverdingen begonnen und zum Stadtmarketingprozeß geführt hatte, wird inzwischen unter dem Dach der Cittaslow-Bewegung fortgesetzt. In verschiedenen Arbeitsgruppen setzen sich Einwohner für ihre Stadt und das Gemeinwohl ein, erarbeiten Ideen und schieben Projekte an, die sukzessive umgesetzt werden. Auf diese Weise ist eine Art „Wir-Gefühl“ entstanden. Bürger fühlen sich von Politik und Verwaltung ernst genommen und engagieren sich, weil sie merken, etwas bewegen zu können. „Viele Leute in Schneverdingen interessieren sich für Themen in ihrer Stadt. Sie meckern nicht nur, sondern bringen Vorschläge ein. Ich nenne das eine Glückspilzsituation“, konstatierte denn auch der Moderator des Forums, Frank Heinze, der bereits den Stadtmarketing- und Cittaslowprozeß begleitet hat.

Zum Auftakt des Abends ging Moog-Steffens noch einmal auf die Entwicklung der „Alten Schlachterei“ in den vergangenen Jahren ein. Die Stadt habe das Gebäudeensemble im Jahr 2009 erworben. Nachdem es auf die ersten Interessenbekundungsverfahren „wenig bis keine Resonanz“ gegeben habe, sei schließlich Ende 2013 ein Kaufvertrag mit einem Interessenten aufgesetzt worden. Es habe dann aber Widrigkeiten in der Abwicklung gegeben, so daß die Stadt im Jahr 2016 vom Kaufvertrag zurückgetreten sei. „Die Interessenten sind nie ins Grundbuch eingetragen worden, der Kaufvertrag wurde nicht durchgeführt“, betonte die Bürgermeisterin. Seitdem hätten sich Rat und Verwaltung intensiv mit der Immobilie befaßt. Auf Antrag der CDU-Fraktion habe die Verwaltung eine Wirtschaftlichkeitsberechnung erstellt und Kosten kalkuliert. In einen Neubau müßten voraussichtlich um die 1,5 Millionen Euro investiert werden. Moog-Steffens stellte zudem die verschiedenen Möglichkeiten vor. Die Stadt könne das Grundstück behalten und selbst „bespielen“, das Grundstück behalten und im Rahmen eines Erbbaurechtsvertrages von Interessenten bebauen lassen, oder aber das Areal über ein Interessenbekundungsverfahren an einen privaten Investor verkaufen. Denkbar sei auch ein Genossenschaftsmodell, wie vom Bürgerbundnis Alte Schlachterei Schneverdingen (BASS) vorgeschlagen. Ähnlich vielfältig seien die Finanzierungsmöglichkeiten. Im Haushalt 2019 seien 80.000 Euro für den Abriß und die vorübergehende Wiederherstellung der Fläche eingestellt, erläuterte die Bürgermeisterin.

Anschließend präsentierten die Ideengeber ihre Vorschläge zur Folgenutzung. Die vier Konzepte präsentierten sie an Stellwänden in der Halle sowie per Bildpräsentation auf der Großleinwand. Als Privatperson schlägt Ratsmitglied Michael Schirmer vor, die rund 1.100 Quadratmeter große Fläche nach einem Abriß nicht wieder zu bebauen, sondern eine „entsiegelte, grüne Freifläche“ zu schaffen, die einen freien Blick auf die Peter-und-Paul-Kirche ermögliche „und ein Platz der Begegnung“ werden soll. In die Gestaltung dieses öffentlich nutzbaren Raumes sollten sich die Schneverdinger mit ihren Vorschlägen einbringen, um das Ganze mit Hilfe von Fachleuten im Sinne der Bevölkerung in die Tat umzusetzen. Vorstellbar seien zum beispiel Sitzmöglichkeiten, Anpflanzungen, Springbrunnen und andere gestalterische Elemente. „Grün dient der Streßreduktion und führt zu Wohlbefinden“, so Schirmer: „Der Platz muß attraktiv sein und mit Leben erfüllt werden.“ Er rechnet mit einem Investitionsvolumen in Höhe von 150.000 bis 200.000 Euro sowie jährlichen Kosten für die Pflege und Instandhaltung des Platzes in Höhe von etwa 15.000 Euro.

Ein eigenes Konzept hatte die Schneverdinger Wählergemeinschaft (SWG) vor dem Forum angekündigt. Bereits im Herbst vergangenen Jahres hatte sie Kontakt mit einem Hamburger Architekturbüro aufgenommen. Dieses erarbeitete einen Entwurf, den SWG-Ratsherr und -sprecher Jürgen Schulz gemeinsam mit Architekt Uldis Stoeppler und Architektin Sandra Berlinghoff vorstellte. Es handelt sich um eine Art Bürgerhaus mit integrierter Gastronomie oder Bäckerei. Angedacht ist eine zweigeschossige Bebauung mit Dachgeschoß, wobei zwei Gebäude durch einen Glaskörper verbunden werden, in dem sich das Treppenhaus befindet. Das an der Verdener Straße liegende Gebäude soll verputzt werden und mit Elementen wie hohen Fenstern mit Kreuzteilung und geneigtem Satteldach die Optik des historischen Hauses aufnehmen. Im Erdgeschoß könnte ein Café oder kleines Restaurant mit Außenterrasse entstehen.Zwischen dem Neubau und dem Nachbarhaus mit der Hausnummer 2a soll eine Sichtachse zur Kirche geschaffen und ein neuer Fußweg angelegt werden, der zur Peter-und-Paul-Kirche führt. Das zweite Gebäude soll in Backsteinbauweise errichtet werden und könnte, so Berlinghoff, „bürgerschaftlich oder alternativ gewerblich genutzt werden.“ Von Räumlichkeiten für Vereine bis hin zu Praxis-, Kanzlei- oder Büroräumen im Obergeschoß seien die verschiedensten Nutzungsmöglichkeiten denkbar. Im Dachgeschoß könnten Zwei- bis Drei-Zimmer-Wohnungen entstehen.

Holger Dierking, Betreiber der Veranstaltungshalle „Funhouse“, hat sich ebenfalls Gedanken gemacht und Ende 2016 mit dem Architekten Eckhard Weseloh ein Konzept erarbeitet. Ihm schwebt eine 600 Quadratmeter große Markthalle mit großer Lichtkuppel vor. Als vergleichbares Beispiel nannte Dierking die Markthalle Bienenbüttel. Sein Vorschlag ist ein Bau mit zwei Vollgeschossen und einem Sattelgeschoß. Im Erdgeschoß könnten sich Gastronomie und kleine Läden oder Boutiquen ansiedeln. Im Obergeschoß seien elf Wohneinheiten vorgesehen. „Es gibt großen Bedarf an bezahlbaren, kleinen Wohnungen. Gerade junge Leute und Auszubildende suchen günstige Wohnungen“, so Dierking. Über eine Mietpreisbremse könnten bezahlbare Mieten langfristig garantiert werden. Unter dem Gebäude könnte eine Tiefgarage mit bis zu 30 Stellplätzen entstehen. Anders als die anderen Ideengeber hat Dierking allerdings das Gebäude Nr. 2a mit in seine Planung einbezogen, das der Stadt nicht gehört. Laut Dierking habe er aber bereits „positive Gespräche“ mit dem Besitzer geführt.

Christian Wildtraut vom Bürgerbündnis Alte Schlacjterei Schneverdingen (BASS) stellte die vierte Idee vor. Eine Gruppe von derzeit sieben Schneverdingern hat sich bereits seit Anfang 2016 mit der Immobilie und einer möglichen Folgenutzung befaßt. Sie hat ebenfalls einen Neubau konzipiert. Die historische Optik eines wesentlichen Teils des Gebäudeensembles solle wiederhergestellt werden. Angedacht sei die Schaffung eines Kulturzentrums mit Veranstaltungsraum in Kombination mit einem Hofladen oder Café (HK berichtete). „Wir wollen das Gelände der Öffentlichkeit zugänglich machen. Ein weiteres Ziel ist die Belebung der Innenstadt und eine Stärkung der touristischen Attraktivität des Ortskerns“, so Wildtraut. In Schneverdingen fehle es an Räumen für Band- und Theaterproben sowie kulturelle Veranstaltungen wie Lesungen oder Theateraufführungen. Die eine oder andere Theateraufführung beziehungsweise Kleinkunstveranstaltung sei nicht zustande gekommen, weil ein entsprechender Raum mit der erforderlichen Technik und dem passendem Ambiente fehle, betonte Wildtraut.

Alle Ideengeber waren sich einig, daß an einer solch exponierten Stelle keine „Bausünde“ entstehen dürfe. Um ein erstes Stimmungsbild zu erhalten, konnten die Forumsteilnehmer gegen Ende der Veranstaltung mit Hilfe einer gelben und einer grünen Karte signalisieren, wohin die Reise ihrer Meinung nach gehen solle. Bei dieser Abstimmung war eindeutig zu sehen, daß die große Mehrheit des Publikums für eine Bebauung und gegen eine Freifläche votierte. Ebenso sprach sich das Gros der Forumsteilnehmer für eine Bebauung „in historischer Anmutung“ aus, plädiert also für einen Neubau, der die Optik der „Alten Schlachterei“ aufgreift. Mit jeweils einem Klebepunkt konnten die Besucher an Stellwänden am Ausgang deutlich machen, welches der vorgestellten Projekte sie favorisieren. Als Sieger gingen dabei eindeutig die Ideen der SWG und des Bürgerbündnisses BASS hervor, während Markthalle und Freifläche kaum „punkten“ konnten.

„Das heutige Meinungsbild fließt in die weitere politische Beratung ein“, betonte Moog-Steffens. Nun gelte es, zu prüfen, ob die Vorschläge aus finanzieller, bauplanerischer und städtebaulicher Sicht realisierbar seien. Vom Lärmschutz über die Parkplatzsituation bis hin zur Finanzierung „gibt es viele Dinge, die zu berücksichtigen sind“, so die Bürgermeisterin. Rat und Verwaltung hätten sich in den kommenden Monaten intensiv mit dem Thema zu beschäftigen. Gegebenenfalls werde es auch ein weiteres Bürgerforum zum Thema geben. Moog-Steffens: „Hier muß das große Ganze gesehen werden.“

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