„Weil Ihr unsere Zukunft klaut“

Im Zuge der „Fridays for future“-Bewegung organisierten Schüler der KGS Schneverdingen eine Demonstration in der Heideblütenstadt.

„Weil Ihr unsere Zukunft klaut“

„Wir sind hier, wir sind laut, weil Ihr unsere Zukunft klaut“. „Mehr, mehr Wald - weniger Asphalt.“ „Hopp, hopp, hopp. Kohle Stopp“. Mit diesen Sprechchören zogen am Freitag, dem 24. Mai, hunderte Schülerinnen und Schüler durch Schneverdingen. Auf selbstgemalten Schildern und Transparenten prangten ihre Botschaften. „Die Welt braucht uns!“, „Save the earth“, „Die Erde hat Fieber - Wir können helfen“ und „Stoppt den Klimawandel“ waren nur einige der Slogans, mit denen die lautstark demonstrierenden Kinder und Jugendlichen auf den Straßen unterwegs waren, um gegen den Klimawandel mobilzumachen. Initiiert und organisiert hatte die Demonstration im Zuge der „Fridays for future“-Bewegung die Schülervertretung der Kooperativen Gesamtschule (KGS) Schneverdingen.

Zunächst versammelten sich die jungen Demonstranten vor dem Hauptgebäude der KGS. Dort griff Schüler Sebastian Mech zum Megaphon und erläuterte den Mitschülern die bei der angemeldeten Demonstration einzuhaltenden Regeln. Er nannte das Waffen- und Gewaltverbot ebenso wie das Vermummungsverbot. „Wir haben rund 40 Ordner - und denen ist Folge zu leisten“, so der Schüler. Und weiter: „Den Müll, den Ihr natürlich nicht produziert, müßt Ihr mitnehmen.“ Nachdem die Sprechgesänge kurz eingeübt waren, machten sich die Schüler, laut Schätzung der Polizei rund 800, auf den Weg.

Vorneweg trug eine Gruppe einen Holzsarg mit der Aufschrift „Bitte Herr, vergib Ihnen nicht, denn sie wissen, was sie tun.“ „Der Sarg soll symbolisch dafür stehen, was den Menschen blüht, wenn wir so weitermachen. Dann müssen wir die Erde zu Grabe tragen“, erläuterte Jasmin Arnold vom Organisationsteam der Demonstration. Hinter den Sargträgern liefen Schülerinnen und Schüler mit einem großen Transparent in den Händen, auf dem das Demo-Motto zu lesen war: „Ich sehe was, was Du nicht siehst.“ Von der Schule aus ging es über den Masurenweg und die Harburger Straße zur Schulstraße. Vorneweg fuhr Polizeibeamter Christian Quoos zur Absicherung in einem Streifenwagen, den die Polizei passend zum Thema ausgewählt hatte: ein Elektrofahrzeug. Am Rathaus gab es dann eine große Abschlußkundgebung. „Es ist der Hammer, daß so viele hier sind“, sagte Jasmin Arnold mit Blick von der Rathaustreppe auf hunderte von Schülern ins Mikrophon. Im Kampf gegen den Klimawandel seien die Ziele „nur als Gemeinschaft zu erreichen.“ Sie forderte die Demonstrationsteilnehmer dazu auf, im Anschluß an die Kundgebung ihre Wünsche und Anregungen zum Thema Klimawandel, oder aber auch ihre Wut auf den Sarg zu schreiben: „Es geht um die Erde. Und wer will, der darf der Erde etwas mitgeben.“

Auch einen in Schneverdingen bestens bekannten Gastredner hatten die Organisatoren gewonnen, einen Mann vom Fach: Professor Dr. Johann Schreiner, der 25 Jahre die Alfred Toepfer Akademie für Naturschutz (NNA) geleitet hatte. Er zeigte sich erfreut, daß sich die Jugend für den Klimaschutz einsetzt und lieferte den Demo-Teilnehmern einige Informationen zum Thema. In der Antarktis hätten Wissenschaftler rund 800.000 Jahre altes Eis gefunden und die darin eingeschlossene Luft analysiert. Sie hätten eine Kohlendioxidkonzentration von 200 bis 300 Parts per million (ppm) festgestellt. Aktuell sei in der Luft ein Wert von 414,89 ppm gemessen worden. Schreiner: „Das ist ein Wert, den die Erde seit nachweislich 800.000 Jahren nicht gesehen hat. Der Weltklimarat macht die Menschen dafür verantwortlich.“ Zudem sei in Deutschland seit Beginn regelmäßiger Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881 ein Temperaturanstieg zu verzeichnen: „Neun der elf wärmsten Jahre waren in den 2000er Jahren, 2018 war das wärmste Jahr“, so der frühere NNA-Direktor. Er ging auf die weltweit abschmelzenden Gletscher ein, ebenso auf den kontinuierlich steigenden Meeresspiegel. Es sei also höchste Eisenbahn, gegenzusteuern: „Wir müssen erneuerbare Rohstoffe nutzen, Strom durch Sonne und Wind erzeugen. Wir müssen mit Holz bauen und nicht mit Zement“, so Schreiner. Torf aus den Mooren dürfe nicht im heimischen Garten vergraben werden, da Torfbildung der Atmosphäre dauerhaft Kohlendioxid entziehe. Was Essen und Trinken angehe, so müßten Produkte konsumiert werden, bei deren Herstellung möglichst wenig Ressourcen verbraucht werden: „Und wir müssen Papier statt Plastik verwenden, Einwegprodukte vermeiden und Energiesparen.“ Weitere Redebeiträge, unter anderem von Ben Beuße (Gymnasium Soltau) als Sprecher des Kreisschülerrats, rundeten die Kundgebung ab.

Was die „Fridays for future“-Demonstrationen angeht, so gibt es auf seiten Erwachsener durchaus geteilte Meinungen. Die einen begrüßen das Engagement der jungen Generation, zumal es um deren Zukunft gehe, andere wiederum bezeichnen derartige Aktionen als „Schuleschwänzen“. Was sagt die „Chefetage“ der KGS dazu? „Die Schulleitung steht unter Abwägung aller Aspekte komplett dahinter“, so KGS-Schulleiter Mani Taghi-Khani. „Schließlich wollen wir mündige Schüler. Wir wollen Schüler, die sich einsetzen.“ Zwar gebe es einerseits die Schulpflicht, andererseits aber auch den Bildungsauftrag. Er zitiert in diesem Zusammenhang aus dem Niedersächsischen Schulgesetz, in dem es unter Paragraph 2 unter anderem heißt: „Die Schülerinnen und Schüler sollen fähig werden, die Grundrechte für sich und jeden anderen wirksam werden zu lassen, die sich daraus ergebende staatsbürgerliche Verantwortung zu verstehen und zur demokratischen Gestaltung der Gesellschaft beizutragen.“

„Außerdem“, so Taghi-Khani weiter, „sollen Schülerinnen und Schüler dazu befähigt werden, ökonomische und ökologische Zusammenhänge zu erfassen sowie für die Erhaltung der Umwelt Verantwortung zu tragen und gesundheitsbewußt zu leben.“ Der Schulleiter spricht den Organisatoren der Demonstration ein großes Lob aus. „Sie haben den Termin bereits vor rund acht Wochen bekanntgegeben und auf alles Rücksicht genommen: die Abiturprüfungen ebenso wie auf die Abschlußprüfungen der Hauptschule und der Realschule.“

Lobende Worte für die jungen Veranstalter gab es nach der „Fridays for future“-Demonstration aber auch von der Polizei: „Es gab keine Vorfälle, die Organisatoren haben alles gut vorbereitet“, so Christian Quoos.

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