Wenn ein Landwirt Gas gibt

Bad Heidjers Wohl übernimmt mit neuem Wärmespeicher Vorreiterrolle

Wenn ein Landwirt Gas gibt

„Manche mögen’s heiß“ - das ist nicht nur der Titel eines Hollywood-Klassikers mit Marilyn Monroe, sondern auch die Maxime der rund 25.000 Sauna-Besucher pro Jahr, die im Schneverdinger Bad Heidjers Wohl unbedingt ins Schwitzen kommen wollen. Aber auch die insgesamt rund 150.000 Badegäste per annum erwarten in den verschiedenen Becken eine Wassertemperatur fernab des Gefrierpunkts. Da ist es gut, dass es bei der Biogasanlage des Landwirts Burkhardt Meyer aus Reinsehlen heißt: „Manche mögen Mais“. Diese nämlich versorgt das Blockheizkraftwerk (BHKW) des Heidjers Wohl mit Strom und Wärme, so dass die Heidjers Stadtwerke als Betreiber den Betrieb auch in diesen schwierigen Zeiten nicht einschränken müssen. Und mit dem Projekt, das die Stadtwerke jetzt gerade in Kooperation mit dem Landwirt umsetzen, nimmt das Unternehmen sogar bundesweit eine Vorreiterrolle ein. Es wird nämlich ein neuer Wärmespeicher installiert, der es laut Lars Weber ermöglicht, „mit geringem finanziellen Aufwand das Heidjers Wohl physikalisch und bilanziell auf 100 Prozent nachhaltige Energieversorgung umzustellen, ohne die Betriebskosten zu erhöhen.“ Der Stadtwerke-Geschäftsführer: „Besser geht es nicht.“

Möglich soll dies besagter Wärmespeicher machen, der, so hoffen die Verantwortlichen Heidjers Stadtwerke, bis Ende des Jahres draußen am Bad aufgebaut werden soll. Es handelt sich um einen 14 Meter hohen Tank mit einer 20 Zentimeter dicken Isolierung, der 84.000 Liter Wasser fasst, bereits bestellt ist und mit einem Sattelschlepper angeliefert wird. Mit Hilfe von zwei Kranen wird der „Wasserturm“ im Außenbereich nahe der Wasserrutsche aufgestellt.

Das 1974 zunächst als reines Hallenbad gebaute Gebäude für Wasserratten und Badenixen wurde zunächst ausschließlich mit Gasthermen beheizt. „Später wurde ein Blockheizkraftwerk errichtet, um Strom und Wärme gleichzeitig zu erzeugen“, so Weber. Während der Strom fortan ins Netz ging, unter anderem für die Straßenbeleuchtung, sorgt die Wärme laut Badebetriebsleiter Jens Schröder „als Abfallprodukt“ dafür, dass das Heidjers Wohl seinem Namen in Sachen Temperaturen alle Ehre macht. Die Heidjers Stadtwerke haben rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkannt und vor einigen Jahren ein neues Biogas-Blockheizkraftwerk gebaut - in Kooperation mit Landwirt Burkhard Meyer aus Reinsehlen. Der Energieversorger zeichnete damals zunächst für die Verlegung der rund acht Kilometer langen Gasleitung verantwortlich, während Meyer mit seiner Anlage fortan „Gas gab“. „Gefüttert“ wird diese mit um die 50 Prozent mit Mais sowie Grassilage, Rindermist und gegebenenfalls Zweitfrüchten. Rund die Hälfte der Biomasse zur Energieerzeugung stammt, wie der Landwirt sagt, vom eigenen Betrieb, zudem gebe es eine Zusammenarbeit mit anderen Landwirten.

Die Kosten für den neuen Wärmespeicher, rund 100.000 Euro, teilt sich Meyer mit den Heidjers Stadtwerken. Er kann aufgrund des neuen Speichers künftig mehr Biogas liefern und erhält deshalb einen höheren Bonus nach dem Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz für seinen Strom aus Biomasse. Hier kann in der Tat von einer Win-win-Situation gesprochen werden. Weber betont in diesem Zusammenhang, dass das Projekt voraussichtlich von öffentlicher Hand gefördert werde, die vermutlich etwa 40 bis 50 Prozent der Gesamtkosten übernehmen werde.

Bislang konnten die Stadtwerke rund ein Viertel der erzeugten Wärme für das Bad nutzen. Theoretisch hätte diese im Schnitt auch bereits für das ganze Jahr gereicht, aber es gibt ja nun auch kältere Monate und im täglichen Betrieb auch Spitzen: „Wenn es sehr kalt ist, oder auch viele Besucherinnen und Besucher gleichzeitig duschen, dann reicht die Wärme nicht“, weiß Betriebsleiter Jens Schröder. Deshalb wurde bislang insbesondere im Winter das mit Erdgas betriebene Blockheizkraftwerk mit einem sogenannten Spitzenlastkessel dazu geschaltet, um den erhöhten Wärmebedarf zu decken. Das wird dank des neuen Wärmespeichers künftig nicht mehr nötig sein. Die Umbauarbeiten werden laut Weber und Stefan Lamping, Technischer Leiter der Heidjers Stadtwerke, „im Hintergrund“ ausgeführt und den laufenden Badebetrieb nicht stören. Mit dem Aufstellen des 14 Meter hohen Wasserspeichers ist es allerdings nicht getan, müssen doch auch die Anschlüsse und die Heizungssteuerung überarbeitet werden.

„Die Erdgashähne haben wir schon zugedreht“, ist Weber optimistisch, dass bei diesem Vorzeigeprojekt alles im Zeitrahmen bleibt. Der Bauantrag sei bereits gestellt und dürfte wohl auch bewilligt werden, zumal seitens der Behörde bislang nichts Gegenteiliges zu vernehmen gewesen sei. Wenn dann alles funktioniert, dann muss die überschüssige Wärme nicht mehr - wie bisher - über einen sogenannten Kühltisch abgeleitet werden. Sie wird vielmehr im „Wasserturm“ gespeichert und kommt den Badegästen zugute.

„Wir haben lange darüber nachgedacht“, so Weber. Angesichts des Krieges in der Ukraine sei schlussendlich die Überzeugung gereift, Nägel mit Köpfen machen zu wollen. Nicht ohne Stolz betont Weber, dass das Heidjers Wohl - anders als so manch anderes Bad - trotz Energiekrise betrieben werden kann. „Wir stellen die Wärmeversorgung bewusst komplett um, damit das Heidjers Wohl offen bleibt. Das ist nach zwei Jahren Corona-Pandemie besonders für Kinder-Schwimmkurse und den Reha-Sport wichtig“, unterstreicht der Stadtwerke-Chef.

Apropos Reha-Sport: Das im Jahr 2016 neu errichtete Bewegungsbecken erfreut sich laut Badebetriebsleiter Schröder größter Beliebtheit: „Allein im Kurssystem nutzen das Becken 750 Gäste pro Woche.“ Reha-Sport im Wasser, zum Beispiel Aqua-Cycling, sei stark nachgefragt. Insbesondere der TV Jahn Schneverdingen habe hier „viele Zeiten gebucht.“ Auch dieses Becken werde bereits über Biogas mit Wärme versorgt.

Wie Weber und Lamping hervorheben, sei ein Blockheizkraftwerk „hocheffizient“. Es arbeite mit einem sehr hohen Wirkungsgrad, weil es den eingesetzten Brennstoff optimal ausnutze und die Abwärme aus der Verbrennung verwende. Das Ganze sei mit einem Motor zu vergleichen, wandele dieser doch Treibstoff in Bewegungsenergie um. Die dabei entstehende Motorwärme gehe jedoch nicht verloren, sondern könne bei Bedarf den Innenraum des Fahrzeugs beheizen. Ähnlich funktioniere auch die Kraft-Wärme-Kopplung eines Blockheizkraftwerks, nur dass hier die erzeugte Energie der Erzeugung von Strom diene - und die beim Prozess entstehende Wärme zum Heizen verwendet werde.

Das Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung sei besonders effektiv, denn während bei der Stromerzeugung in konventionellen Kraftwerken bis zu 60 Prozent der eingesetzten Energie vor allem über Abwärme verloren ginge, wandelten Blockheizkraftwerke bis zu 95 Prozent der Energie in nutzbare Wärme oder Strom um.

Bisher wurde das Heidjers Wohl zu 25 Prozent mit Erdgas beheizt. Diese werden künftig - wie vorher die restlichen 75 Prozent - auf Biogas umgestellt. Thermisch braucht das Heidjers Wohl laut Weber insgesamt rund 2,6 Gigawattstunden und elektrisch 0,8 Gigawattstunden pro Jahr.

Das Biogas-Blockheizkraftwerk erzeugt jährlich drei Gigawattstunden Strom und 3,4 Gigawattstunden Wärme pro Jahr. Der neue Speicher könne, so der Geschäftsführer, deutlich mehr als die bisherigen 1,9 Gigawattstunden an thermischer Arbeit, also Energie, die im Biogas-BHKW erzeugt und im Bad genutzt werde, speichern.

Das stromgeführte BHKW speist seit nunmehr rund zehn Jahren Ökostrom nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz ins Netz der Heidjers Stadtwerke ein. Der Spitzengaskessel der Anlage ist bereits auf Biogas umgerüstet und an die Biogasleitung angeschlossen. Das bislang mit Erdgas betriebene Blockheizkraftwerk bleibt erhalten, damit es im Falle der Fälle als „Reserve“ genutzt werden kann.

Wegen dem eingesparten Geld für das Erdgas wird der Strombezug auf 100 Prozent Ökostrom umgestellt. Weber: „Ein weiterer schöner Effekt: Das Heidjers Wohl wird zu 100 Prozent klimaneutral.“

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