Wer rastet, der repariert nicht: Ehrenamtliche eröffnen „Repair-Café“

Los geht es am 11. März von 15 bis circa 18 Uhr in der Pausenhalle der Grundschule am Osterwald

Wer rastet, der repariert nicht: Ehrenamtliche eröffnen „Repair-Café“

„Wir müssen weg von der Wegwerfgesellschaft, der Umwelt zuliebe“, sagt Christoph Godzik aus Schneverdingen. Der pensionierte Lehrer engagiert sich ehrenamtlich in der Gruppe „Anti-Rost“, die in Schneverdingen und den dazugehörigen Dörfern Mitbürgern hilft, wenn mal die Tür klappert oder die Schublade klemmt, der Tisch wackelt oder die Gardinenleiste locker sitzt. Dabei geht es oft nicht nur um Kleinstreparaturen und haushaltsnahe Dienstleistungen für diejenigen, die diese Arbeiten aus verschiedenen Gründen nicht selbst erledigen können, sondern auch um Zeit für Gespräche, um Gemeinschaft, um das Miteinander und Wertschätzung. Und das gilt auch für das neue Angebot der Ehrenamtlichen des Mehrgenerationenhauses (MGH), die nun in der Heideblütenstadt ein „Repair-Café“ etablieren möchten, in dem kostenlos kaputte Dinge repariert werden. Dieses öffnet am 11. März von 15 bis circa 18 Uhr zum ersten Mal seine Türen - und zwar in der Pausenhalle der Grundschule am Osterwald.

Der Toaster streikt, das Kabel des Bügeleisens ist abgerissen, die Kaffeemaschine verweigert ihren Dienst, der Pullover hat ein Loch - in solchen Fällen neigen viele Menschen dazu, bislang Bewährtes zu entsorgen und durch neue Ware zu ersetzen. Dabei sind es oft nur kleine Probleme, die sich mit technischem Verständnis und nur wenigen Handgriffen beziehungsweise Nadel und Faden wieder beheben lassen. Das schont den Geldbeutel und die Umwelt zugleich.

„Wir möchten versuchen, unser ‚Repair-Café‘ zu einer regelmäßigen Einrichtung zu machen, die wir im Idealfall an jedem zweiten Freitag im Monat in den Räumen der Grundschule am Osterwald anbieten möchten“, betont Dr. Christa Krüger, Koordinatorin des Mehrgenerationenhauses Schneverdingen, unter dessen Regie die Gruppe „Anti-Rost“ und das „Repair-Café“ angeboten werden. „Wir freuen uns sehr, dass uns die Grundschule am Osterwald ihre Pausenhalle zur Verfügung stellt“, unterstreicht Krüger. Am Freitag vergangener Woche sitzt sie mit den Ehrenamtlichen zusammen im MGH, um das neue Angebot vorzustellen. Das „Repair-Café“-Team bilden überwiegend Seniorinnen und Senioren, nämlich Christa Cordes, Manfred Jacob, Christoph Godzik, Claus Taruttis und Horst Schombera. Mit von der Partie sind zudem Christa Krüger und Christa Jantzen sowie Manfred Spiwek. „Das sind hier alles Leute, die menschenfreundlich sind, Zeit haben und die auch in anderen Vereinen und Organisationen engagiert sind“, lobt „Chefin“ Krüger die Helferinnen und Helfer.

Interessierte können das „Repair-Café“ kostenlos und ohne Voranmeldung besuchen. Mitbringen dürfen sie kaputte Dinge, die sie tragen können. Größere reparaturbedürftige Geräte wie Waschmaschinen oder Wäschetrockner gehören also nicht dazu. Wer mit etwas Defektem ins „Repair-Café“ kommt, meldet sich zunächst vor Ort am „Empfang“ an und erhält einen Laufzettel und die „Hausordnung“, „damit die Spielregeln klar sind“, so die MGH-Koordinatorin (siehe Text rechts). Im Pausenhof der Schule stehen dann mehrere Tische, an denen die Helferinnen und Helfer auf „Kundschaft“ warten. „Unter anderem werden zwei Frauen mit Nähmaschinen da sein, an anderen Tischen stehen Helfer mit Werkzeug“, berichtet Krüger. Zum Team gehören unter anderem ein Holzfachmann, ein Feinmechaniker und ein Allroundhandwerker. Alle Beteiligten bringen sich gern und mit Freude mit ihren individuellen Fähigkeiten ein. Und damit das Café seinem Namen auch alle Ehre macht, wird es auch Kaffee und Kuchen geben. Wer die Ehrenamtlichen unterstützen möchte, ist jederzeit willkommen. Insbesondere sucht die Gruppe noch eine Elektro-Fachkraft. Interessierte können sich gern im Mehrgenerationenhaus melden. Krüger betont, dass sich das „Repair-Café“ mit seinem Angebot nicht nur an Schneverdinger richtet, auch Interessierte aus zum Beispiel Soltau oder Bispingen seien willkommen. Die Nutzung dieses Angebotes sei für alle kostenfrei, „freiwillige Beiträge werden jedoch gern entgegengenommen. Dazu werden wir ein Sparschwein aufstellen.“

Die Planungen zur Einrichtung eines „Repair-Cafés“ hatte Christa Jantzen bereits vergangenen Jahr beim „Cittaslow“-Forum im Bürgersaal der Freizeitbegegnungsstätte vorgestellt. Sie freut sich, wie der Rest der fröhlichen Gruppe, dass es nun losgeht. Jantzen und Krüger werden sich bei den Terminen in der Pausenhalle der Grundschule um die Anmeldung und um den Ausschank von Kaffee und die Ausgabe von Kuchen kümmern. „Wir machen sozusagen das Drumherum“, so Krüger. Die Koordinatorin betont in diesem Zusammenhang, dass das „Repair-Café“ kein kostenloser Dienstleister sei, sondern dass es vor allem um „Hilfe zur Selbsthilfe“ gehe. „Wichtig ist, dass die Leute bei der Reparatur direkt dabei sind. Das Ganze soll gemeinsam gemacht werden“, so Krüger. Werkzeug und auch eine Auswahl an Ersatzteilen hätten die Ehrenamtlichen vor Ort. „Und wenn ein bestimmtes Teil besorgt werden muss, dann gibt es vielleicht die Möglichkeit, es hier in der Stadt kurzfristig zu kaufen. Deshalb haben wir auch diese Uhrzeit und den Freitag als Termin gewählt“, erklärt Krüger.

Die Schneverdinger Gruppe ist der Dachorganisation „Repair-Café“ mit Sitz in den Niederlanden angeschlossen, von der sie mit Tipps und Informationsmaterial versorgt wird. Die „Café-Betreiberinnen und -Betreiber“ aus der Heideblütenstadt freuen sich auf viele Interessierte, die mit defekten Dingen vorbeischauen. „Was für uns oft nur eine Kleinigkeit ist, ist für unsere Kunden manchmal ein großes Problem. Es ist ein schönes Gefühl, wenn sich die Leute freuen, wenn etwas fertig ist. Dann freue ich mich auch“, berichtet Manfred Jacob von seiner Tätigkeit in der „Anti-Rost“-Gruppe: „Und ich habe in Schneverdingen Gegenden kennengelernt, da bin ich vorher noch nie gewesen. Das Schöne ist: Wir arbeiten hier miteinander.“ Das weiß auch Christa Jantzen zu schätzen: „Man ist eingebunden in eine Gemeinschaft.“ Und genau das sei es, was sich das Mehrgenerationenhaus auf die Fahnen geschrieben habe, betont Krüger: „Leute zusammenzubringen.“

Oft helfen die Ehrenamtlichen alleinstehenden Frauen. Der Mann ist verstorben, die Kinder sind aus dem Haus. Für die Seniorinnen ist es ein gutes Gefühl, zu wissen, dass sie bei Schwierigkeiten im Haushalt nicht allein dastehen. Alle Frauen und Männer der Gruppe sind sich einig, das es ein gutes Gefühl ist, ehrenamtlich etwas Sinnvolles zu tun und anderen zu helfen: „Es macht Spaß“, heißt es in der Runde. Claus Taruttis, mit 80 Jahren der älteste der Helfer, hat noch einen anderen Grund, sich im MGH einzubringen, den er augenzwinkernd nennt: „Meine Frau hat mich hergeschickt. Sie hat gesagt, dass ich ein Helfersyndrom habe.“

Idee aus Amsterdam

Niederländerin gründete erstes „Repair-Café“

„Repair-Cafés“ sind ehrenamtliche Treffen, bei denen die Teilnehmer allein oder gemeinsam mit anderen ihre kaputten Dinge reparieren. In „Repair-Cafés“ ist Werkzeug und Material für alle möglichen Reparaturen vorhanden. Zum Beispiel für Kleidung, Möbel, elektrische Geräte, Spielzeug und vieles mehr. Auch sind kundige ehrenamtliche Helfer anwesend, die Kenntnisse und Fertigkeiten auf verschiedenen Gebieten mitbringen.

Ins Leben gerufen hat die Initiative Martine Postma aus den Niederlanden. Seit 2007 setzt sie sich auf verschiedene Arten für Nachhaltigkeit auf lokaler Ebene ein. Das allererste „Repair-Café“ organisierte sie am 18. Oktober 2009 in Amsterdam. Es erwies sich als toller Erfolg. Für Postma war dies der Anlass, die Stiftung „Stichting Repair Café“ zu gründen. Diese niederländische Non-Profit-Organisation bietet lokalen Gruppen im In- und Ausland, die selbst ein eigenes „Repair-Café“ eröffnen wollen, seit 2011 Unterstützung an. „In Europa werfen wir Unmengen weg. Auch Gegenstände, an denen nicht viel kaputt ist und die nach einer einfachen Reparatur problemlos wieder verwendet werden könnten. Das Reparieren ist bei vielen Menschen leider in Vergessenheit geraten. Besonders jüngere Generationen wissen nicht mehr, wie sie dies angehen sollen. Das Wissen, wie man Dinge repariert, verschwindet schnell. Das stellt eine Bedrohung für eine nachhaltige Zukunft und für die Kreislaufwirtschaft dar, in der Rohstoffe immer wieder erneut verwendet werden können“, heißt es auf der Internetseite https://www.repaircafe.org.

Und weiter: „Im ‚Repair-Café‘ lernen Menschen, Gegenstände auf andere Weise wahrzunehmen. Und sie ganz neu wertzuschätzen. Freiwillige besuchen auch Schulen, um dort Stunden zum Thema zu geben. So trägt die Initiative zu einer Mentalitätsveränderung bei. Das ist dringend nötig, wenn Menschen für eine nachhaltige Gesellschaft eintreten sollen.“ Im Mittelpunkt stehe jedoch, zu zeigen, „dass Reparieren auch viel Spaß macht und relativ einfach ist.“

Die Hausordnung:

• Die Aktivitäten des „Repair-Cafés“ werden kostenlos und auf ehrenamtlicher Basis von den Reparaturexperten vor Ort ausgeführt.

• Reparaturen werden soweit wie möglich vom Besucher selbst durchgeführt, erforderlichenfalls mit Hilfe der vor Ort anwesenden Reparaturfachleute.

• Weder die Organisatoren des „Repair-Cafés“ noch die Reparaturexperten sind für Schäden infolge der Reparaturempfehlungen oder Reparaturanleitungen, für Schäden an den zur Reparatur angebotenen Gegenständen, für Folgeschäden oder andere Schäden infolge der Aktivitäten des „Repair-Cafés“ verantwortlich oder haftbar.

• Es wird ausdrücklich anerkannt, dass jegliche Gewährleistung oder Garantie ausgeschlossen ist. Eine Haftung oder Schadenersatz ist, gleich aus welchem Rechtsgrund, ausgeschlossen.

• Ein freiwilliger Beitrag wird sehr geschätzt.

• Neue Materialien wie Elektrizitätskabel, Stecker, Sicherungen, neue Knieleder oder Applikationen sind nicht kostenlos und müssen gesondert bezahlt werden.

• Das Anbieten von kaputten Gegenständen zur Reparatur geschieht auf eigenes Risiko.

• Die Reparaturfachleute geben keine Garantie auf die mit ihrer Hilfe durchgeführten Reparaturen und sind nicht dafür haftbar, wenn Gegenstände, die im „Repair-Café“ repariert wurden, zuhause nicht funktionieren.

• Die Reparaturfachleute behalten sich das Recht vor, bestimmte Gegenstände nicht zu reparieren.

• Die Reparaturfachleute sind nicht dazu verpflichtet, demontierte Geräte, die nicht repariert werden können, wieder zusammenzusetzen.

• Besucher des „Repair-Cafés“ sind selbst für die ordnungsgemäße Entsorgung oder Beseitigung von kaputten oder funktionsuntüchtigen Gegenständen verantwortlich, die nicht repariert werden konnten.

• Zur Vermeidung langer Wartezeiten wird bei starkem Zulauf höchstens ein Gegenstand je Besucher repariert. Für jeden weiteren Gegenstand stellt sich der Besucher wieder hinten in der Reihe an.

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